Monday, 21. May 2012
01.03.2011
 

Der Fall Maschmeyer – Nun legt auch das Schweizer Fernsehen nach

Niki Vogt

Von der Schlacht um Maschmeyer und sein Finanzdienstleistungsunternehmen hörte man seit dem Eklat im Januar fast nichts mehr. Der einst gefeierte Wohltäter der Menschheit mutierte nach einer seltsam holprig zusammengenagelten Dokumentation in der ARD für zwei Wochen zum Oberbuhmann, ein paar der von ihm Geschädigten durften ihre Wut und berechtigte Bitternis vor der Kamera herauslassen, Journalist Christoph Lütgert genoß seinen Ruhm als Rächer der Enterbten und wurde über Nacht berühmt.

Einen größeren Gefallen konnte Maschmeyer dem Präsentator Lütgert damals gar nicht tun, als ein so unglaublich schlechtes Krisenmanagement zu betreiben, wie er es tat. Der Film lebt zu einem ganz gehörigen Teil davon, den Amigo der Reichen und Mächtigen als unsympathischen Arroganzling vorzuführen. Maschmeyers Versuche des Abblockens, sich Verdrückens und seine rüde Ablehnung eines Interviews vor der Kamera – egal, wie aufdringlich und nervig ihm Lütgert vielleicht erschienen sein mag – sind einfach schlechter Stil und in ihrer Überheblichkeit dumm. Gerade er müsste wissen, dass wir in einem Medienzeitalter leben, in dem das Image alles ist. Seine Armada an Rechtsanwälten gegen die ARD aufmarschieren zu lassen, verschaffte dem Sender und insbesondere Panorama und Lütgert den Nimbus eines Robin Hood und unerschrockenen Kämpfers gegen das übermächtige Böse.

Als Freund von Bundespräsident Wulff, Exkanzler Schröder und Exminister Rürup bekam er natürlich eine Chance, die nur den Angehörigen der Elite gewährt wird: Schützenhilfe von der Bild. Wir erleben es gerade wieder beim künftigen Exminister von und zu Guttenberg. Hier konnte Maschmeyer sich sicher sein, eine geschmückte und vorbereitete Bühne für seinen Auftritt vorzufinden. Es ging bei der ganzen Sache natürlich in erster Linie darum, Schaden von unseren politischen Eliten abzuwenden. Hier konnte Maschmeyer seine Sicht und Version der Dinge ausbreiten, aber auch da patzte er.
Seine in diesem Interview geäußerte dummdreiste Lüge, man hätte ja nur mal nach einem Interviewtermin fragen müssen, dann hätte er doch gern und sofort einen gegeben, flog natürlich sofort auf. Stante pede veröffentlichte die ARD die Liste der 18 dokumentierten Anfragen um ein Interview einschließlich Datum, Ansprechpartner und Reaktion.

Der Film Lütgerts war ganz offenkundig voreingenommen, mit heißer Nadel gestrickt und nach den Interventionen der Rechtsanwaltsarmee eiligst und schlampig vor der Ausstrahlung zusammengekürzt worden. Man hatte wohl die Stellen, die auch die Hausjuristen der ARD als rechtswidrig oder »schwierig« ansahen, schnell noch rausgeschmissen. Aber – es war doch in der Eile nicht sorgfältig genug.

Nachdem der Film gesendet worden war, erstritt Maschmeyers Staranwalt Matthias Prinz vor Gericht das Verbot, die Szene zu zeigen, wo Lütgert sich mit seinem Filmteam kurz vor einem Fernsehauftritt Maschmeyers einfach Zutritt zu verschafft und ihn gegen seinen Willen dabei filmt, wie er jede Kommunikation mit Lütgert verweigert und ihn rüde anblafft.
Ein kleiner und fragwürdiger Sieg. Und zu spät. Die Öffentlichkeit hat kaum davon erfahren.

Dafür legt nun das Schweizer Fernsehen in der Causa Maschmeyer nach. Nun melden sich ehemalige Mitarbeiter des AWD in der Schweiz und berichten über die Praxis des Verkaufs von Finanzprodukten an nichtsahnende Kunden. Da Maschmeyer sein Finanzdienstleitungsunternehmen an die Swiss Life verkauft hatte, ist der schlechte Ruf plötzlich auch ein Problem der kleinen, distinguierten Schweiz geworden.

Auch hier erfahren wir dieselben Geschichten von ahnungslosen Kunden, die dem AWD ihr hart erarbeitetes Geld anvertrauten und schockiert feststellen mussten, dass die ach so sicheren Anlagen herbe Verluste brachten. Eine Küchenchefin, ein Mechaniker – sie erzählen in dem heimelig anmutenden Schweizerdeutsch, wie sie arglos vertrauten und ausgenommen wurden.

Er sei »scho wüetig g’worde« und habe schlaflose Nächte gehabt, sagt Pensionär Widmer, der bei seiner AWD-Anlage fast 60.000 Franken verlor. Möglicherweise wäre es noch schlimmer gekommen, hätte er seine Anlagen nicht wieder aufgelöst. Der AWD hält dagegen. Der Mann habe die Risiken gekannt und auch das Protokoll des Beratungsgespräches unterschrieben.

Dass das nicht viel heißt, erfährt man aus dem Bericht eines ehemaligen Beraters im Dienste des AWD. Die Berater haben gar kein Interesse, die Kunden überhaupt aufzuklären und auf Risiken aufmerksam zu machen. Im Gegenteil: Der ehemalige AWDler bleibt zwar anonym, erklärt aber offen, man habe, um von den Provisionen leben zu können, den Kunden möglichst viele Produkte verkaufen müssen. Da bleibe es gar nicht aus, dass man den Kunden auch »ungeeignete« Produkte vermitteln müsse. Das Entlohnungssystem mit den Abschlussprovisionen, sagt er, führe dazu, dass man zum »Jäger« werde und dauernd neue Kunden akquirieren müsse. Man müsse einfach Abschlüsse erreichen, die sich auch finanziell für den Berater lohnen. Die Ausbildung sei eigentlich gut, erklärt er. Man könne sie aber gar nicht umsetzen, weil eben zu viel von den Provisionen abhänge.

Wie viel auf die vom Kunden unterschriebenen Beratungsprotokolle zu geben ist, kann man anhand dieser Aussage leicht ersehen. Die ahnungslosen Anleger lesen sich wahrscheinlich noch nicht einmal die Beratungsprotokolle durch. Aber auch, wenn sie wirklich etwas von Risiko und Aufklärung lesen und nachfragen, wird der Berater ihnen lapidare Allgemeinplätze darlegen wie »nun ja, das müssen wir von Rechts wegen so machen. Und natürlich kann man bei Geldanlagen immer auch einen Verlust machen. Aber Sie sind ja hier nicht bei irgendeinem Seelenverkäufer, sondern Kunde beim AWD! Also, machen Sie sich keine Sorgen …«

Das bestätigt auch ein weiterer AWD-Mitarbeiter. Die Risiken würden von den Vertretern gern heruntergespielt. Man wisse genau, welche Produkte die meiste Provision erbringen, und die versuche man auch zu verkaufen. Was für den Kunden das Beste sei, das könne man nicht in den Vordergrund stellen.

Was die umhegten Kunden des seriösen AWD nicht wissen, ist, was Maschmeyer selbst über seine Kunden denkt, und was er in geradezu unbegreiflicher Torheit vor seinen Beratern zum Besten gibt – und auch noch von der Kamera aufzeichnen lässt:
»Er (der Kunde) kommt von seinem Niveau an seine Evolutionskameraden Affe und Hamster wieder in die Nähe. Wenn ein Hamster fünf Körner hat, dann frisst er alle fünf auf und guckt, ob er sich noch zwei bei Nachbarhamster leihen kann …«

Da kommt Maschmeyer von seinem Niveau an seine Geisteskameraden Volldepp und Trampeltier wieder in die Nähe, möchte man sagen. Wenn ein Volldepp auf einer Bühne steht und sich großspurig um Kopf und Kragen redet, dann guckt er, ob eine Kamera das auch alles schön aufzeichnet.
So etwas kommt vor Gericht, wo allein in Österreich mehrere tausend Klagen wegen Fehlberatung anhängig sind, richtig gut. Von den Medien ganz zu schweigen.

Eines sei aber ganz klar gesagt: Nicht nur beim AWD werden angehende Berater genötigt, alle ihre Verwandten und Bekannten in eine Liste zu schreiben, mit ihnen Termine auszumachen und sie dazu zu bringen, nicht nur entsprechende Produkte zu kaufen, sondern auch noch Namen und Adresse aus ihrem Bekanntenkreis herauszugeben. Auch diese werden dann mit dem Türöffner der gemeinsamen Bekannten angesprochen. Das schafft Vertrauen und einen Beratungstermin. Das ist im Finanzdienstleistungsgeschäft überall gang und gäbe, auch bei den »seriösen Bankberatern«.

 

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Quellen:

 

 

 

 


 

 

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