Monday, 21. May 2012
21.01.2011
 

Maschmeyer: vom »Edlen Ritter« zum Drückerkönig

Niki Vogt

Seit ein paar Tagen wird wieder eine neue Sau durchs Mediendorf getrieben: Carsten Maschmeyer. Der Name sagte vielen Deutschen bis vor Kurzem gar nichts, auch nicht die Vermögensberatungsfirma AWD, deren Gründer Herr Maschmeyer war. Seine Opfer, deren Vermögen sich unter der Beratung des AWD in Rauch aufgelöst haben, kennen ihn dafür umso besser. Nun plötzlich sieht man nicht nur das meist etwas verkniffene Gesicht dieses Herrn überall, nein, er ist auch mit den Mächtigen und Illustren unserer Gesellschaft und mit deren eleganten und glamourösen Damen Arm in Arm abgebildet. An seiner Seite »Vollweib« Veronika Ferres. Das ist jetzt sein Problem – vielleicht auch sein letzter Joker.

Die ARD sendete am 12. Januar eine knappe 30-Minuten-Reportage unter dem Titel Der Drückerkönig und die Politik. Die schillernde Karriere des Carsten Maschmeyer. Autor Christoph Lütgert zelebrierte im Stil der amerikanischen »Presenter-Reportage« in erster Linie sich selbst, das Leid einiger um ihre Lebensersparnisse gebrachter kleiner Leute und die Demontage des Protagonisten Carsten Maschmeyer. Die dunklen Seiten des »Edlen Ritters« sollen aufgedeckt werden und wie er sich in der ZDF-Spendengala Ein Herz für Kinder gekonnt in Szene setzt.

Allein die Münchner Rechtsanwaltskanzlei Mattil & Collegen vertritt über 500 Kleinanleger, die durch die Finanzprodukte des AWD ihr Erspartes, oft ihre gesamte Altersversorgung verloren haben sollen. In Österreich sollen sich 2.500 Geschädigte zu einer Sammelklage zusammengeschlossen haben. Nichtsdestotrotz behauptet der AWD unverdrossen, es handle sich bei den Geschädigten um Einzelfälle, die zudem über zehn Jahre zurücklägen.

Grundsätzlich gelte, so rechtfertigt Maschmeyer sich, dass, je höher die Renditen seien, desto höher sei auch das Risiko. »Darauf weisen Finanzberater ihre Kunden auch hin. Wer dennoch ins Risiko will, muss dies schriftlich bestätigen. Wie bei jedem Finanzinstitut gibt es auch Kunden, die nach vielen Jahren plötzlich die Beratung als Ursache für ihren Spekulationsverlust sehen.«

Heißt das auf gut Deutsch: Wer gierig ist, muss eben mit Totalverlust rechnen – selbst schuld. Hinterher rumjammern gilt nicht?

Die Berater könnten nicht für die Verluste verantwortlich gemacht werden, meint Maschmeyer. Dies zeige auch der Umstand, dass AWD über zwei Millionen zufriedene Kunden habe, und diese gut beraten worden seien. Auf die Aussage der Geschädigten, man habe ihnen ausdrücklich versichert, die Investments seien »bombensicher«, geht er nicht ein.

Der Verdienst der ARD-Reportage liegt daher durchaus darin, dass hier der Masse der Schafe an gutgläubigen, vertrauensseligen Bürgern und Kleinanlegern einmal vorgeführt bekommt, welchen Wölfen sie ihr hart erarbeitetes, kleines Vermögen zum Fraß vorwirft. Finanztest-Redakteurin Ariane Lauenburg gibt in der Dokumentation ein sehr klares, aber sachliches Urteil ab. Sogar geschlossene Immobilienfonds, meist hochriskante Investments, wurden als »bombensiche« angepriesen und an die nichtsahnenden, braven Bürger vertickt. Auch Frau Lauenburg kritisiert zu Recht, dass die Nähe des Herrn Maschmeyer zur deutschen Führungselite wie Herrn Wulff oder Kanzler Schröder dem AWD in eine Aureole an Vertrauenswürdigkeit verlieh.

Manus manum lavat, die eine Hand wäscht die andere. Maschmeyers ehemaliger Weggefährte, Burkhard Wagner, bringt auf den Punkt, was die gemeinsamen Interessen zwischen politischer Elite und Finanz-Tycoon sind: Die Herren an den Schalthebeln politischer Macht nutzen die Zeit ihrer Regentschaft immer auch fleißig dafür, gute Beziehungen in die Finanz- und Wirtschaftswelt aufzubauen, denn jede Regierungszeit geht zu Ende, und man gewöhnt sich doch sehr gern an das VIP-Leben. Maschmeyer habe mit seinen hochrangigen Freunden ein weit verzweigtes Netzwerk aufgebaut, das alle kannten, von dem alle profitierten und das alle nutzten.

Das ist allgemein üblich.

Herr Roland Koch steht nach seinem überraschenden Ausscheiden aus der Politik auch nicht mittellos da. Neben seinem Job als Chef des Baukonzerns Bilfinger und Berger wurde er Aufsichtsratsvorsitzender der UBS Deutschland AG. Für Ex-Kanzler Schröder fand sich bei Gazprom ein einträgliches Pöstchen.

Leute wie Maschmeyer können für ihre Freunde schon was deichseln. Auch mit Kanzler Gerhard Schröder – Arm in Arm – ließ Maschmeyer sich gerne ablichten. Die Männerfreundschaft mit Gerhard beteuert Maschmeyer erst 2001 begonnen zu haben. Das widerlegt Hans-Joachim Selenz, der als Chef der damaligen Preussag Stahl AG schon 1998 hautnah miterlebte, wie Maschmeyer um die Gunst des Basta-Kanzlers buhlte.

So wirkt Maschmeyers Beteuerung, er habe von seinen sehr guten Kontakten zu Politikern niemals profitiert, leider ziemlich verlogen: Seine Freundschaft mit Bundespräsident Wulff erklärt er so: »Es ist logisch, wenn man in einer Stadt lebt, dass man sich trifft und kennenlernt. Aus solchen Beziehungen können Freundschaften entstehen.«

»Ich habe niemals mit dem damaligen Bundeskanzler Gerd Schröder über die Einführung der privaten Altersvorsorge gesprochen«. Ach ja? Auch nicht mit Rürup und Riester?

In der ARD-Dokumentation beschreibt ein ehemaliger Mitarbeiter des AWD ausführlich, wie Riester für seine als »Riester-Rente« bekannte private Altersvorsorge geradezu eine »Roadshow« für AWD absolviert habe. Gleichzeitig sieht der Fernsehzuschauer Bilder von Riester mit dem prominenten Logo des AWD im Hintergrund, strahlend mit Maschmeyer. Es wurde sogar eine gemeinsame Maschmeyer-Rürup-AG gegründet, die genau die Finanzprodukte vertreibt, für die Rürup als Politiker die Weichen gestellt hatte.

Auch die aktuelle Familienministerin lässt sich von seinem Unternehmen beraten. Ganz sicher nicht zu seinem Schaden.

Auch mit anderen Behauptungen tut sich der »Finanzoptimierer der kleinen Leute« keinen Gefallen. Journalist und Filmautor Christoph Lütgert hätte doch nur mal schriftlich seine Bitte um ein Interview und die Fragen einreichen müssen, dann hätte er ein Interview bekommen, mäkelt Maschmeyer in dem Bild-Interview. Ein böses Eigentor: Die ARD veröffentlicht daraufhin stantepede eine Chronologie der Anfragen Christoph Lütgerts an Maschmeyer und den AWD. 17 Anfragen hatten Lütgert und die ARD seit Anfang August gestellt, alllesamt wurden mit Vertröstungen, Ignorieren und Abweisen beschieden.

Der Erfolgsmensch Maschmeyer scheint sich sehr sicher zu sein, dass er als Amigo der Mächtigen unangreifbar und im Olymp der Eliten vor dem Pöbel sicher ist.

Das könnte sich als grobe Fehleinschätzung erweisen.

Seine Nähe zur Politik verschaffte Maschmeyer zweifellos ungeheure Vorteile, ist jetzt aber genau der Punkt, der seine zwar skrupellosen, aber branchenüblichen Methoden besonders perfide erscheinen lässt, und die Enthüllungsstory besonders saftig macht. Diese Nähe könnte aber auch seine Rettung sein. Niemandem sonst hätte die systemtreue Bild-Zeitung in einem wohlmeinenden Interview die Plattform zur Rechtfertigung und Gegendarstellung gegeben. Er sollte sich aber keinen Illusionen hingeben: Die Polit-Elite will mit diesem Entgegenkommen in erster Linie Schaden von sich selbst abwenden und das Thema schnellstmöglich abwürgen. Sollte dies nicht gelingen, wird das Distanzierungs-Domino beginnen, man habe das ja alles gar nicht gewusst und gekannt …

Statt sich der drohenden Medienkampagne bewusst zu werden und geschickt im Vorfeld als betroffen und erschrocken zu gerieren, Offenheit und rückhaltlose Aufklärung zu geloben, packte Maschmeyer die juristische Keule aus und beschäftigte prominente Anwaltskanzleien damit, über 60 Seiten Abmahnungen und Einwände zu verfassen und die Ausstrahlung der ARD-Dokumentation zu verhindern. Das misslang nicht nur gründlich, sondern befeuerte auch noch das öffentliche Interesse an der Dokumentation.

Ganz, ganz schlechtes Krisenmanagement.

Die anwaltliche Papierschlacht war aber anscheinend nicht vollkommen vergebens. Wer sich die Dokumentation genau anschaut, sieht auch als Nichtfachmann, dass hier schwer herumgeschnippelt wurde, und das offenbar in Eile. Gerade bei Statements und wichtigen Aussagen sind Sätze merkwürdig zusammengeschnitten, die ganz klar so nicht original gesprochen worden sind, oder plötzlich Teile weggelassen. Hielten hier in der Originalversion gemachte Aussagen einer eingehenden Prüfung nicht stand? Musste man schnell vor der Ausstrahlung unhaltbare Behauptungen wieder einkassieren?

Das erscheint sogar recht wahrscheinlich, wenn man den Ingrimm betrachtet, mit dem Christoph Lütgert sich der Person Maschmeyers widmet. Der Eindruck, Lütgert will den ehemaligen AWD-Chef aus persönlicher Abneigung zur Strecke bringen, drängt sich auf. Zweifel an einer objektiven Berichterstattung entstehen gleich in den ersten Minuten.

Warum muss ein Journalist seine persönliche moralische Entrüstung inszenieren? Spricht die Sache nicht für sich selbst? Da sitzt Lütgert bräsig auf einem der blauen und weißen Sitze des Hannover-96-Stadions – um sich herum AWD-Bandenwerbung – und gibt minutenlang den Betroffenen, zitiert kopfschüttelnd die AWD-Slogans wie Hamlet, der über den eigenen Selbstmord sinniert. Sein sichtlich in Szene gesetztes Abblitzen an der Tür des Maschmeyer-Büros über die Sprechanlage und seine darauf folgende, vor der Kamera zelebrierte Bitterkeit und tiefe Enttäuschung darüber wirken aufgesetzt.

Die Fragen, mit denen er die gewünschten Einschätzungen und Aussagen seiner Gesprächspartner erhält, sind so eindeutig suggestiv und absehbar, dass es den Zuschauer ärgert.

Was am Ende der Sendung an harten Fakten übrig bleibt, ist erstaunlich dünn.

Der AWD unterscheidet sich nicht maßgeblich von anderen Vermögensberatern und auch Banken. Überall leben die Vertreter und Berater von den Provisionen, die sie nur dann bekommen, wenn sie die Finanzprodukte an den Mann bringen. Und überall sind diese Investitionen zu einem gewissen Teil auch fraglich und riskant. Überall müssen die Vermögensberater in ihrem Bekanntenkreis Leute ansprechen, zu Abschlüssen bringen und sich dann weiter durch den Bekanntenkreis dieser Bekannten durcharbeiten – und denen wieder Namen und Adressen für neue Opfer entlocken.

Auch bei den als seriös angesehenen Banken werden die Privatkundenberater drangsaliert und mit ihrer Existenzangst dazu gepresst, den Bankkunden Produkte anzudrehen, die die Berater selbst eigentlich nicht vertreten können. Sie bekommen ein hohes Soll vorgegeben und geraten schwer unter Druck, wenn sie das nicht erfüllen – zum Schaden der Kunden. Laut Uwe Foullong im Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi werden »Banken immer mehr zu Drückerkolonnen«.

Hier zwei Original-Statements von Bankberatern seriöser Banken aus der »Vertriebshölle« (Süddeutsche Zeitung: »Wer es nicht schafft, wird fertig gemacht«):

»Ich bin fassungslos über diese hohen Zahlen, wie soll ich das schaffen, wo die Termine hernehmen? Ich habe Angst davor, dass ich das nicht schaffe und davor, was passiert, wenn ich das nicht schaffe.«

»Bei uns in der Bank gibt es jetzt Rennlisten, die werden regelmäßig an alle Vertriebsbeschäftigten rumgemailt. Deutschland sucht den Superverkäufer, wird das bei uns genannt. Es geht zu wie bei Bohlen. Wer es nicht schafft, wird fertig gemacht.«

In der ARD-Dokumentation berichtet eine ehemalige Mitarbeiterin, die AWD-Aussteigern hilft, wie die Vertreter gesundheitlich und psychisch – aber auch wirtschaftlich – ruiniert am Ende aufgeben. Auch das unterscheidet sie nicht von anderen Vertretern und Bankberatern.

Der AWD hat bereits Stellung genommen. Es handle sich um Altfälle vor 2001, ließ AWD-Sprecher Bela Anda wissen. Alle zitierten Fälle seien dem AWD bekannt und klar dokumentiert. Die jeweiligen Anleger hätten sehr wohl die entsprechenden Risikohinweise und Beratungsprotokolle unterschrieben. In drei der vier Fälle sei auch den Rechtsanwälten der Kunden mitgeteilt worden, dass deren Vorwürfe unhaltbar seien. Der vierte Kunde aus der Dokumentation habe sich bisher noch gar nicht an den AWD gewandt. Außerdem habe der ARD-Report verschwiegen, dass die Investments anfänglich durchaus werthaltig gewesen seien. Die Fonds seien vor allem durch den Absturz des neuen Marktes im Wert abgestürzt, so AWD-Sprecher Bela Anda, der zufälligerweise vor seinem AWD-Engagement Regierungssprecher unter Gerhard Schröder war.

 

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Quellen:

 

 

 


 

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