Friday, 26. August 2016
25.11.2011
 
 

Liebe Frau Merkel, so funktioniert Wirtschaft, oder: das Recht des Schwächeren

Oliver Janich

»So erklärt Merkel ihre Wendepolitik«, titelte die Bild-Zeitung über die Rede der Kanzlerin auf dem CDU-Parteitag. »Es kann nicht sein, dass jemand zwei, drei Jobs hat, aber nicht genug zum Leben«, so Merkel. »Das ist nicht vereinbar mit einer menschlichen Gesellschaft.« Wo sie Recht hat, hat sie Recht, die Kanzlerin. Was sie aber verschweigt, ist, was die Gründe dafür sind, dass die Menschen von ihrer Hände Arbeit nicht mehr leben können. Und fordert prompt mehr von dem, was uns in diese Misere gebracht hat: staatliche Regulierung, diesmal in Form von Mindestlöhnen.

Daher ist es nun geboten, der promovierten Physikerin zu erklären, wie Wirtschaft funktioniert. Dazu müssen wir uns mit dem Liberalismus beschäftigen. Der Liberalismus war ursprünglich eine Bewegung einfacher Bürger unter Führung einiger Intellektueller zur Befreiung von der Gängelung durch die Obrigkeit. Das waren im 17. Jahrhundert und davor im Wesentlichen der Adel, die Kirche (Klerus) und der Staat im Allgemeinen. Zu allen Zeiten gesellte sich noch der Finanzklerus dazu.

Die Befreiung von Adel und Kirche gelang. Übrig blieben der Finanz- und der Staatsklerus, die bis heute eine unheilige Allianz zum Nachteil der einfachen Bürger, insbesondere der Arbeiter eingegangen sind. Diese letzten Privilegien abzuschaffen ist die große Aufgabe unserer Zeit.

Spätestens in der Finanzkrise ist die unheilige Allianz zwischen Finanzindustrie und Staat offenbar geworden. Die Banken haben sich mit den Zentralbanken ein Kartell errichtet, das ihnen erlaubt, Geld aus dem Nichts zu schöpfen und dafür auch noch fette Boni zu kassieren. Die Erhöhung der Geldmenge führt zu Inflation und damit zur Enteignung gerade der Schwächsten in einer Gesellschaft. D-Mark (1948) und Euro (2002) haben seit ihrer Einführung zusammen über 90 Prozent ihrer Kaufkraft verloren. Das wurde den Beziehern fester Einkommen nur zum Teil über Lohnerhöhungen – angepasst an die offizielle und nicht die tatsächliche Inflationsrate, die der Geldmengenerhöhung von circa fünf bis sieben Prozent jährlich entspricht – wiedergegeben. Die Produktivität hat sich in dieser Zeit etwa versechsfacht, jeder müsste sich also das Sechsfache leisten können (wenn nicht beliebig vermehrbares Geld wie zum Beispiel Gold verwendet würde, abzulesen am Goldpreis) und würde daher gar nicht nach Mindestlöhnen fragen.

Hinzu kommt, dass der Staat mittlerweile zwei Drittel des Einkommens seiner Bürger einzieht und nach Gutdünken umverteilt. Jeder könnte also das Dreifache verdienen und selbst entscheiden, wie er dieses Geld verwendet. Die Priviligien des Staatsklerus sind dabei offensichtlich: Befreiung von Steuern sowie der gesetzlichen Rentenversicherung und hohe Diäten als Entlohnung für Gängelung sowie sogar Immunität vor Strafverfolgung (ESM). Die Bürger lassen sich das (noch) gefallen, weil sie nicht merken, dass die Inflation die versteckte Steuer des kleinen Mannes ist. Die Inflation entwertet die Staatsschulden, treibt den Normalbürger in die kalte Progression und ermöglicht es dem Staatsklerus, diese versteckten Steuern auf »die Wirtschaft« oder »die Spekulanten« (Aktuell: Die Nahrungsmittelpreise steigen, weil das Papiergeld in Sachwerte flieht. Die Aktivitäten der Termingeschäftsspekulanten müssen sich immer exakt ausgleichen. So sind Termingeschäfte konstruiert. Die Diskussion um die Deutsche Bank ist unsäglich dumm.) zu schieben.

In den Medien wird suggeriert, auf den Märkten herrsche das »Recht des Stärkeren«. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Besonders die Schwächeren in einer Gesellschaft profitieren von der freien Marktwirtschaft. Durch freie Verträge kann die Arbeit geteilt werden. Um den Nutzen der Arbeitsteilung zu erläutern, begeben wir uns auf eine kleine Insel mit zwei Bewohnern, nennen wir sie Stark und Schwach. Es gibt zwei Möglichkeiten, Nahrung zu produzieren, Kartoffelanbau und Fischen. Herr Stark kann beides besser. Er braucht fünf Stunden, um Kartoffeln für einen Tag zu produzieren, und vier Stunden, um Fische für einen Tag zu fangen. Herr Schwach braucht sechs Stunden für Kartoffeln und zehn Stunden fürs Fischen. Er braucht also für beides länger als Stark.

Die Arbeitsteilung, die nur durch freie Verträge unbeeinflusst von Regelungen zustande kommt, führt nun dazu, dass sich beide auf das konzentrieren können, was sie am besten können. Stark fängt Fische. Schwach baut Kartoffeln an. Würde Schwach nun selber Fische fangen, bräuchte er dafür zehn Stunden. Er kann aber auch Kartoffeln anbauen und sie gegen die Fische tauschen. Er muss also nur sechs Stunden dafür arbeiten, wo er vorher zehn Stunden gebraucht hätte. Der Nutzen für Stark ist auch da. Er muss nur drei Stunden für Kartoffeln arbeiten, wo er sonst vier Stunden gebraucht hätte. Wichtig: Der Schwächere profitiert mehr als der Stärkere. Der Starke erspart sich nur eine Stunde, während sich der Schwache vier Stunden spart. Er profitiert von der hohen Produktivität des Starken. In der heutigen modernen Zeit mit viel mehr Menschen sind diese Effekte noch viel stärker, weil es Tausende von unterschiedlichen Berufen gibt, auf die man sich spezialisieren kann.

Das ist der Grund, warum sich heute ein Fließbandarbeiter mehr leisten kann als früher ein König: Er hat ein sturmfestes Haus, Gesundheitsversorgung, Auto, Fernseher, Handy und so weiter. Nun könnte man einwenden, das sei dem technischen Fortschritt zu verdanken. Dieser kommt aber nur durch die Arbeitsteilung zustande, und zwar durch die ungehinderte Arbeitsteilung. Auch im Kommunismus wurde ja Arbeit geteilt. Aber mangels eines freien Marktes so ineffizient, dass eben nur Plattenbauten, Trabbis, Wählscheibentelefone und viele Produkte überhaupt nicht angeboten wurden.

Der Vorteil einer Marktwirtschaft mit sicheren Eigentumsrechten und freien Verträgen für die Schwachen lässt sich nicht nur logisch, sondern auch empirisch belegen. So zeigt der jährliche Economic Freedom Report des Fraser Institute, dass in den Ländern mit der höchsten wirtschaftlichen Freiheit der Durchschnittsbürger 6,9 mal so viel verdient wie in den Ländern mit der niedrigsten wirtschaftlichen Freiheit (S. 20, Abb. 1.9). Die jeweils ärmsten zehn Prozent verdienen aber 8,2 mal so viel wie die ärmsten in den Ländern mit der niedrigsten Freiheit (S. 22 Abb. 1.12). Die jeweils Reichsten sind leider nicht ausgewiesen, aber das ist auch nicht relevant (sie müssten noch weniger profitieren, weil ja der Durchschnitt schon unter dem Ärmsten liegt). Wichtig ist doch, dass die Ärmsten achtmal so viel verdienen wie die Ärmsten der Länder mit der meisten Regulierung und sogar zweimal so viel wie die Durchschnittsbürger in den Ländern mit geringerer Freiheit (8.735 Dollar gegenüber 4.545 Dollar.)

Hinzu kommt, dass in den Ländern mit der höchsten wirtschaftlichen Freiheit die Lebenserwartung (Abb. 1.13), die Qualität der Bildung (1.15), die Gesundheitsversorgung (1.16) besser und die Anzahl der Armen (1.17) geringer ist. Wie die Einzelanalyse zeigt, ist auch die Qualität des Gesundheitswesens und der Bildung dort höher, wo es am wenigsten staatliche Eingriffe in genau diese Bereiche gibt. Das lässt sich zwar nicht zusammenfassen, weil es dort zu unterschiedliche Modelle gibt, aber es liegt doch auf der Hand, dass auch in diesen Bereichen der Wettbewerb und die (freiwillige) Arbeitsteilung bessere Ergebnisse liefert. Zumal die Menschen das Dreifache zur Verfügung hätten, um sich den besten Anbieter aussuchen zu können. Was passiert, wenn sich der Staat dieser Bereiche annimmt? Um es mit Ron Paul in den aktuellen Präsidentschaftsdebatten zu sagen: »Prices go up. Quality goes down«. (Deshalb will er die betreffenden Bürokratien abschaffen, was Rick Perry stümperhaft versucht zu kopieren.)

Die Mindestlöhne sind nur eine weitere Regulierung, die an den Symptomen herumpfuscht, statt die Ursache – planwirtschaftliches, staatliches Handeln und das staatlich garantierte Geldmonopol – zu beseitigen. Zumal das Ergebnis von Mindestlöhnen klar ist: Beschäftigung, die sich unterhalb dieser Grenze für den Unternehmer nicht lohnt, wird einfach nicht mehr nachgefragt. Dieses eherne ökonomische Gesetz von Angebot und Nachfrage kann nicht einmal eine Physikerin außer Kraft setzen. Sie sollte es nur endlich einmal begreifen.

 

 


 

 

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