Sonntag, 26. Februar 2017
04.08.2016
 
 

Amok & Attentat: Wie der Alpen-Elvis München rockt. Und Bild …

Peter Bartels

Wäre unser aller Heino etwas jünger, würde er heute vielleicht wie Andreas Gabalier singen. Natürlich nicht in steirischen Lederhosen, eher in bayrischen Krachledernen. Wahrscheinlich aber doch lieber in Nietenhosen, so nannte man früher die Jeans im Ruhrpott. Der österreichische »Alpen-Elvis« gab neulich im Münchner Olympiastadion ein Konzert. Unfassbare 71 000 Fans! Fast wie bei Bayern vs. Borussia! Aber weil vor dem Stadion offenbar ein Rocker mit Zopf und T-Shirt rumlungerte, bekam Bild mal wieder in vorauseilendem Gehorsam Schnappatmung: »Warum lässt er (Gabalier) sich von den Hells Angels bewachen?«

 

Erst online, dann, leichte Variante, für die noch verbliebenen Papier-Leser: »Warum lässt sich der Volks-Rocker von den Hells Angels bewachen?« Kleine Nachhilfe in Sachen Journaille: »Volks-Rocker« in der Überschrift soll schon mal die Nähe zu Rockern tremolieren; da ist es dann gedanklich nicht mehr weit zu den »Hells Angels«, gell? Jau! Ach, bin ich heute wieder schlau, wird der Kaischi geschnalzt haben. Das Tanitel etwa?? Wer auch immer:

 

Mit Absicht wird »Alpen-Rocker« Gabalier schon in der Überschrift in die rechte Ecke geraunt. Denn wer, wenn nicht die Hells Angels, gelten hierzulande als Nazis?! Gut, das Pack auch, die ehemaligen Bild-Leser sowieso. Aber die sind ja, »Welcome Refugees«, Kaischi sei Dank, endlich weg – nur noch 1,8 statt fünf Millionen. Zwar sind Glatzen-Nazis nicht First Class, nur Holzklasse-Nazis. Aber in der Not holt man bekanntlich sogar Himmler aus russischer Archiv-Gruft, wie täglich zu erleiden ist.

 

Und so stellt sich das Blatt, das seit Jahr und Tag Muttchens Moslem-Mantra hochjauchzt, in Sachen Gabalier gleich zeilenweise dumm. Nazi-Land. Dazu muss der geneigte Leser wissen: Der Österreicher Andreas Gabalier (31) begann seinen Einzug in die Hall of Fame der Hits mit gerockten Volksweisen wie »I sing a Liad für di«; Lederhosen, offene Luis-Trenker-Treter, Brille mit Rehgehörn, gedrechselter Wanderstecken.

 

Bei seinen ersten Popo-Wacklern fliegen inzwischen die BHs, fallen die ersten Dirndl-Damen in Ohnmacht. Jetzt, in München, nach Amok und Terror, rief er ins Olympia-Rund: »Es ist bitter, dass man sich Gedanken machen muss, ob man das Haus noch verlassen kann ...« Und: »Wir haben ein tierisches Problem ... dass das Land politisch den Bach runter geht, ist kein Geheimnis.«

 

So weit, so bitter, so wahr.

 

Bild beginnt die Alpen-Rocker-Story elegisch, wie früher Gossen-Goethe FJW: »Er ist der sanfte Volks-Rock’n’Roller. Sie die brutale Schläger-Bande ...« Und weil Bild diesen Trend  »halten« muss (Boulevard-Sprech), wird philosophiert: »Fotos aus dem Bereich vor der Bühne geben ... Rätsel auf. Auf den Bildern (Plural!) steht zum Beispiel (wo noch?) ein muskelbepackter Kerl vor einem Drängelgitter, kontrolliert Gäste ... Er trägt ein Sweatshirt mit dem Logo der berüchtigten Hells Angels ... Die Rockergang wird seit Jahrzehnten mit Gewalt- und Drogendelikten in Verbindung gebracht, gilt als schwer kriminell«, raunt Bild; pssst ... (die Rocker haben gute Anwälte) ... genauuu ... Nazis.

 

Und das bei unserem Alpen-Rocker!? Na ja, typisch Österreicher; Hitler war Deitscher, Beethoven Österreicher, man kennt das ja. Trotzdem Ouuups: Laut Foto steht da nur ein mutmaßlicher Rocker-Typ: Baseballkappe, Schirm nach hinten, brauner, langer Pferdeschwanz, blaues T-Shirt (nix Sweat), Rücken-Logo: Hells Angel‘s, Unterarme zutattoot, Jeans, Absperrgitter im Rücken. Weiiit weg (sehr weit) offensichtlich Gabalier-Fans auch hinter einer Absperrung, vor der Bühne ...

 

Der »brutale Angel-Schlägertyp« steht da also rum wie nicht bestellt und auch nicht abgeholt (gestellt?) und guckt; vielleicht hat er ja auch bloß keine Eintrittskarte bekommen, sich keine leisten können? Kosten immerhin 75 bis 100 Euro. Aber vielleicht ist er auch nur neugierig? Oder er tut dem Bild-Knipser nur einen Gefallen (und der ihm? nur von hinten!?).

 

Jedenfalls kontrollieren auf dem Foto nirgendwo »Hells Angels« irgendwo. Sie reißen auch keine Tickets ab. Sie drängeln auch keine durchgeknallten Weibsbilder zurück. Nur dieser eine hier. Aber der »behält Gabalier auf der Bühne im Auge«, wie Bild mit dem Zorn der Gerechten gegen rechts in der BU (Bildunterschrift!) bebt.

 

Nach 22 Zeilen à 26 Anschlägen gibt das Blatt dann den üblichen Wendehals: Michael row the boat ashore – vorwärts, wir rudern zurück: »Was haben diese Leute (wieder Plural) auf einem Konzert von Alpen-Elvis Gabalier verloren?« Wird Geschäftsführerin Andrea Blahetek vom Konzertveranstalter Global Concerts inkriminiert. Was an sich schon total bescheuert ist: Erstens kann jeder Mensch, der zahlt, jedes noch so doofe Konzert besuchen.

 

Zweitens muss einer, der ein T-Shirt von Jesus trägt, noch kein Christ sein. Und natürlich schmettert Frau Blahetek den Bild-Reporter ab, »bestreitet«, dass Hells Angels als Sicherheitskräfte angeworben waren: »Wir hatten definitiv keine Hells Angels als Security ... Der Mann auf den Fotos hält sich auch nicht im Sicherheitsbereich auf, sondern am Zugang ... im normaleren Publikumsbereich.«

 

Schlussendlich tritt Bild dann doch noch nach: »Vielleicht wollten die schweren Jungs nur brav Beifall klatschen.« Merkt dabei aber nicht, dass sie mit diesem hämischen Kommentar die eigene Geschichte ad absurdum entlarvt. Die wirkliche Reaktion wird gewesen sein: Puhh, noch mal gut gegangen ... »Story-Ansage gehalten« (Branchen-Sprech). Die »Betroffenen« durften sogar dementieren ... Also auch juristisch alles in trockenen Tüchern ... Chef und Mainstream werden wohlwollend nicken ...

 

Ob vielleicht ein Hauch Hitler hängen bleibt am Alpen-Elvis? Je, nun ... Natürlich hätte man den einsamen Hells Angel mit dem schönen, gepflegten Pferdeschwanz auch fragen können: Wer hat dich angeheuert? Wer zahlt dich? Wie viele seid ihr? Bild hätte den »Kerl« im blauen T-Shirt einfach ins Objektiv drehen können. Ein bißchen ... von der Seite ... Bitte recht unfreundlich ...

 

Ahnen Sie, warum nicht? Genauuu!

 

 

 

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