Sunday, 24. July 2016
21.12.2014
 
 

Berliner Tagesspiegel verkauft sich an Lobbyisten

Peter Harth

Mainstreammedien behaupten immer wieder, dass sie zwar unbestechlich, aber käuflich seien. Wenn es Käufer am Kiosk oder Abonnenten sind, mag das ja in Ordnung sein. Der Berliner Tagesspiegel verkauft sich aber an Lobbyisten, damit die Politiker und Journalisten besser manipulieren können.

 

Nein, so richtig wichtig ist der Tagesspiegel nicht. Eigentlich nur die Nummer drei am Berliner Zeitungsmarkt mit einer verkauften Auflage von 109 000 (die bankrotte Abendzeitung verkauft in München nicht viel weniger). Der Tagesspiegel sitzt aber in der Hauptstadt. Und wo man sich nicht zwischen arm, sexy oder Flughafen entscheiden kann, da darf auch eine Zeitung gerne große Pläne haben.

Immerhin ist die Glaskuppel des Reichstags nur zwei Kilometer entfernt. Durch die Redaktionsstuben am Askanischen Platz weht ständig der Stallgeruch der Macht! Vielleicht kommt der merkwürdige Geruch aber nur aus der Küche der Stadtklause im Erdgeschoss.

 

Zwischen Eliten und Lobbyisten – wo der Tagesspiegel noch Geld wittert


Seinen Politik-Sonderteil nennt der Tagesspiegel jedenfalls hochtrabend »Agenda« für »Hauptstadtentscheider«. Für die will die Tageszeitung gerne die »Nr. 1« sein und engagierte Susan E. Knolle vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) als »Direktorin Politische Kommunikation«. Aus der Nähe zur Macht muss doch endlich Geld zu machen sein.

 

Das Ziel dabei ist klar: Wichtige Politiker sind in Berlin, und deshalb zieht es Lobbyisten und Interessenvertreter dort hin wie die Motten zum Licht. Die wollen mit den »Hauptstadtentscheidern« gerne ins Gespräch kommen und zahlen dafür sehr gut. Auf Deutsch: Es wird der Zucker in bestimmte Körperöffnungen geblasen.

 

Von diesem Zuckerschock will der Tagesspiegel auch profitieren. Nicht nur im Stillen, sondern richtig. Auf Konferenzen, die der Tagesspiegel veranstaltet, kommen Politik und Lobbyisten sich nahe und dafür erhält die Zeitung Geld. Wie das genau aussieht, konnte man am 11. Dezember bei der »Agenda 2015«-Konferenz sehen, die als »Politik-Briefing für Deutschland« verkauft wird. Auf der Konferenz des Tagesspiegels sprachen durchaus wichtige Menschen wie Kanzleramtsminister Peter Altmaier. Den kann man »Hauptstadtentscheider« nennen.

 

36 000 Euro, um vor Peter Altmaier sprechen zu dürfen

 

Aber, aber und noch einmal aber: Der Tagesspiegel verkauft auf derselben Konferenz Redezeit an Lobbyisten. Das versteht man dort wohl unter Paid Content. Der Content, also die Redner, bezahlen für ihre Redezeit 36 000 Euro, um sich auf dem Podium dem Publikum zu zeigen. Schmackhaft macht es die Zeitung den Lobbyisten ja: »Sie reden vor Abteilungsleitern aus fast allen Ministerien, Staatssekretären, Hauptstadtbüroleitern überregionaler Medien und namhaften Wissenschaftlern.«

 

Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, die Wirtschaftsvereinigung Stahl (WSV), der Verband der Chemischen Industrie (VCI), die Autoindustrie, die deutschen Banken, die Zigaretten-Lobby – alle griffen zu und sprachen.

 

Der »ganze Kongress« ist »den Impulsen von Interessengruppen gewidmet«


Sebastian Turner ist ein Werbe-Guru und Geschäftsmann, hat Spitzenpolitiker besonders lieb und gibt den Tagesspiegel heraus. Turner schrieb bereits vor der Konferenz persönlich an die Lobbyisten, was sie von der Veranstaltung erwarten konnten: Der »ganze Kongress« ist »den Impulsen von Interessengruppen gewidmet«. Geschwafel sei deshalb unnötig, die Lobbyisten sollten klar auf den Punkt bringen, was sie von der »Bundespolitik« erwarten. Nach der Konferenz bedankte er sich noch einmal artig, »weil Sie uns ermöglichen, ein neuartiges Format zu realisieren, das die Kommunikation zwischen Interessengruppen und Politik verbessern soll«.

 

Die neuen Geschäfte dieser Zeitung sind kein Dienst am Leser, eher ein Bärendienst. Turner lockte die Hauptstadtjournalisten von Spiegel, ZDF, dpa und Deutscher Welle mit einem »Who-is-Who der gesellschaftlichen Gruppen« auf die Konferenz. Sie kamen eigentlich nur wegen Altmaier. Der durfte aber erst sprechen, als die Lobbyisten durch waren.

 

Anzeigen sind von gestern – wie Lobbyisten jetzt ins Blatt kommen

 

Wie raffiniert Turner die Aufmerksamkeit von Politikern und Journalisten an Lobbyisten verscherbeln will, zeigt sich an den verkauften Paketen. Für schmale 3400 Euro bekommen Lobbyisten bereits Zutritt zur Konferenz und 140 Zeichen in der gedruckten »Agenda«-Beilage des Tagesspiegels. Anzeige muss man das nicht mehr nennen, weil der Lobbyist ja Partner der Konferenz ist. Beim Luxuspaket für 36 000 Euro geht es natürlich anders zu. Logo und Name der Lobbyisten werden in allen Publikationen der Holtzbrinck-Gruppe veröffentlicht (neben Tagesspiegel auch Handelsblatt, Zeit, Wirtschaftswoche).

 

Es winkt außerdem ein eigenes »Fachforum« zu »einem mit Ihnen abgestimmten Thema inkl. Moderation durch Journalisten«. Sozusagen eine eigene kleine Konferenz. Nebenbei kann Turner seine bei ihm angestellten Journalisten dafür benutzen, damit sie sich nicht mehr mit unrentablen Sachen aufhalten wie dem Artikelschreiben für Leser.

 

Von diesem Geschacher war natürlich öffentlich nichts zu lesen. Erst nachdem Journalisten aus anderen Medien darüber berichteten, schob der Tagesspiegel auf seiner Agenda-Webseite einen kleinen Hinweis nach: »Mit Unterstützung«. Dass man den vergessen habe, sei natürlich nur ein »Versehen« gewesen, sagte die Pressestelle der Zeitung. Das Vorgehen der Zeitung ist offenbar so dreist, dass es sogar einigen Lobbyisten zu bunt wird. Auf dem Podium beschwerte sich Edda Müller über Turners Geschacher und sah eine besorgniserregende Vermischung von Lobbyismus und Journalismus. Nun gut, Müller ging als Lobbyistin für Transparency International an den Start. Die Anti-Korruptionsorganisation fühlte sich hier wohl in der Höhle des Löwen.

 

»Dass sich Verbände hier einkaufen, das gibt es nicht.«

 

Soviel Dreistigkeit ist sogar den Journalisten peinlich, die sonst nicht als Nestbeschmutzer bekannt sind. Die Süddeutsche Zeitung sah hier aber offenbar ihre eigene Konferenz »Wirtschaftsgipfel 2014« in den Schmutz gezogen und versicherte eilig, dass ihre Sprecher allein von der Redaktion ausgesucht werden: »Dass sich Verbände hier einkaufen, das gibt es nicht.« Wer weiß, vielleicht fehlt hier nur »derart offensichtlich«.

 

Der Leser mag jetzt zwar den Kopf schütteln und sagen: »Die sollen doch auf ihren Konferenzen machen, was sie wollen.« Aber das Elend zieht sich leider bis in den gedruckten Tagesspiegel hinein. Am 9. Dezember erschien die Agenda-Beilage des Tagesspiels. Dort vermischten sich redaktionelle Inhalte und Anzeigen munter. Auf Seite 10 wurde eine Anzeige des Stahl- und Chemieverbands nicht als Anzeige kenntlich gemacht. Auf Seite 14 tauchte ein »Briefing« des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie auf, das fett umrandet war und mit dem Logo des Tagesspiegels geschmückt.

 

Im Ernstfall hat der Leser nun beim Tagesspiegel das Problem, dass er gar nicht mehr weiß, welcher Lobbyist wo seine Finger im Spiel hat und welche Beiträge überhaupt noch neutral sind. Turner rühmt sich damit, dass er 54 Prozent der Berliner Elite erreicht. Vielleicht sollte er aus Gründen der Fairness die Auslieferung an den kleinen Mann einstellen.

 

 

 

.

Leser-Kommentare (6) zu diesem Artikel

10.01.2015 | 13:55

Tom Ethcart

Das der TAGESSPIEGEL sich verkauft und längst nicht mehr unabhängig, objektiv und seriös berichtet, ist mir schon länder aufgefallen. Das wirft ein sehr bezeichnendes Licht auf die Herausgeber. Es lebt sich ja so schön bequem, wenn man sich den einflussreichen Kreisen andient, bereitwillig zur Verfügung stellt und diesen Leuten in den A.... kriecht.
Nur nutzen wird es auf Dauer bestimmt nicht und das ist tröstlich.


22.12.2014 | 13:35

Herr Müller

Was kostet es eigentlich, um mal vor der Bundeskanzlerin reden zu dürfen?


22.12.2014 | 11:37

MitOffenenAugen

Jetzt müssen wir halt nicht nur Propaganda sondern auch getarnte Werbung in den Mainstreams ertragen. Na ja, ich lese den Quatsch eh nur noch auf Bild.de - da weiß ich wenigstens von vornherein, dass die Artikel mit Vorsicht zu genießen sind. Armes Deutschland - wenn man jetzt schon der Bild bei den Leitmedien am ehesten vertrauen kann.


21.12.2014 | 19:48

Jabberwoqui

Silke, Sie haben Recht und ich hoffe, bei vielen Abgeordneten in Berlin regt sich das Gewissen, ob es richtig ist, Geld und Bezüge dafür zu nehmen, ihre steuertahlenden Wähler so zu verars.hen. Die nächst Wahl kommt, wenn "unsere amerikanischen Freunde" bis dann nicht den 3. Weltkrieg angezettelt haben. Den werden dann die Wenigsten von uns nicht überleben werden!


21.12.2014 | 19:14

Jabberwoqui

Als Münchner sagt mir der Tagesspiegel nicht allzuviel. Aber ich denke der "Münchner Merkur" eine bodenständige und althergebrachte Zeitung ist realistischer und wahrheitsliebender in Beiträgen zur Weltpolitik als die von Amerikanern gegründete und so amerikafreundliche, zur Umerzieung gegründete SZ. Von der FAZ ganz zu schweigen! Bereits in den 60er Jahren warnte ein Freund meiner Stauffenberg - Großmutter vor den deutschen Umerziehungsmedien. Er empfahl damals die...

Als Münchner sagt mir der Tagesspiegel nicht allzuviel. Aber ich denke der "Münchner Merkur" eine bodenständige und althergebrachte Zeitung ist realistischer und wahrheitsliebender in Beiträgen zur Weltpolitik als die von Amerikanern gegründete und so amerikafreundliche, zur Umerzieung gegründete SZ. Von der FAZ ganz zu schweigen! Bereits in den 60er Jahren warnte ein Freund meiner Stauffenberg - Großmutter vor den deutschen Umerziehungsmedien. Er empfahl damals die NZZ (Neue Züricher Zeitung) als einziges deutschsprachiges Medium, dem man vertrauen könne. Heute können wir dank Kopp - Online uns schneller informieren!


21.12.2014 | 12:20

Livia

Haben die überhaupt neutrale Beiträge und wissen die überhaupt was "neutral" heißt? Im Poltikunterricht in meiner eigenen Schulzeit erklärte uns die Lehrerin, daß der Unterschied zwischen einer englischen Zeitung (damals noch ohne Murdoch!) wie der Times und einer deutschen der ist, daß der (damalige) englische Journalist stets bemüht ist die reinen, unbeurteilten Fakten zu berichten, während der deutsche stets bemüht ist, auch seine eigene Meinung mit rüberzubringen....

Haben die überhaupt neutrale Beiträge und wissen die überhaupt was "neutral" heißt? Im Poltikunterricht in meiner eigenen Schulzeit erklärte uns die Lehrerin, daß der Unterschied zwischen einer englischen Zeitung (damals noch ohne Murdoch!) wie der Times und einer deutschen der ist, daß der (damalige) englische Journalist stets bemüht ist die reinen, unbeurteilten Fakten zu berichten, während der deutsche stets bemüht ist, auch seine eigene Meinung mit rüberzubringen. Die Unsitte ist also nicht neu, fußt wahrscheinlich bei Metternich und früher - nur jetzt läufts mit dem Holzhammer, wie bei Sudel-Ede!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Der Preis der Schande: ARD-Reporterin Golineh Atai wird »Journalistin des Jahres«

Peter Harth

Die Deutschen strafen ihre Mainstreammedien für eine verzerrte Ukraine-Berichterstattung ab: Laut einer repräsentativen Umfrage glauben 71 Prozent den Medien nicht mehr. Die Journalisten gehen aber weder in Sack und Asche, noch geloben sie Besserung. Sie zeichnen lieber ARD-Reporterin Golineh Atai als »Journalistin des Jahres« aus. Ausgerechnet  mehr …

Deutsche halten die Tagesschau für Lügen-Propaganda – das gibt jetzt sogar die ARD zu

Peter Harth

Dank ihrer verzerrten Ukraine-Berichterstattung haben die Mainstreammedien das Vertrauen der Menschen verspielt. Allen voran die Tagesschau. Die Journalisten wollten einfach nicht glauben, dass ihnen niemand mehr glaubt. Jetzt räumen sie kleinlaut ein, dass 71 Prozent der Deutschen dazu gehören. Besserung geloben die Medien aber nicht.  mehr …

Phantom-Schmerz beim Spiegel

Peter Harth

Deutsche »Rechtsextreme, Verschwörungstheoretiker und Phantom-Experten« will der Spiegel in den russischen Medien entdeckt haben. Dort sollen sie für den Kreml die Wahrheit verdrehen und Propaganda machen. Das ist übertrieben. Wirklich beschämend ist aber: Der Spiegel fälscht selbst die Wahrheit und betreibt als deutsches Leitmedium Propaganda.  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Der NSU-Fall wird zur Staatsaffäre – ein hoch brisanter Beitrag auf 3sat

Falk Schmidli

Am 17.12.2014 wurde endlich das erste Mal im deutschen Fernsehen in 3sat Kulturzeit über den Whistleblower »fatalist« und den »Arbeitskreis NSU« berichtet. Die den Kopp-Online-Lesern schon längst bekannten Protagonisten dieser Gruppe fatalist und Prof. Dr. Wittmann werden in dieser rund zehnminütigen Kurzreportage u.a. interviewt, so dass sich die  mehr …

Wie der Vatikan die Weltherrschaft an sich reißt und die Menschheit versklavt

Daniel Prinz

Es wäre sehr naiv, zu glauben, die römisch-katholische Kirche hätte ihre über die letzten 2000 Jahre aufgebaute Macht einfach abgegeben. Der Prozess der »Trennung von Staat und Kirche« seit Beginn des 20. Jahrhunderts war nichts weiter als eine Neuordnung der bereits bestehenden alten Machtverhältnisse.  mehr …

Der Preis der Schande: ARD-Reporterin Golineh Atai wird »Journalistin des Jahres«

Peter Harth

Die Deutschen strafen ihre Mainstreammedien für eine verzerrte Ukraine-Berichterstattung ab: Laut einer repräsentativen Umfrage glauben 71 Prozent den Medien nicht mehr. Die Journalisten gehen aber weder in Sack und Asche, noch geloben sie Besserung. Sie zeichnen lieber ARD-Reporterin Golineh Atai als »Journalistin des Jahres« aus. Ausgerechnet  mehr …

Finanzmarktmanipulationen – ein Trend mit Zukunft?

Dr. Paul Craig Roberts

Da wächst ein neuer, gefährlicher Trend heran: Die US-Notenbank Fed, weitere Zentralbanken, private Kreditinstitute und das amerikanische Finanzministerium manipulieren erfolgreich die Finanzmärkte. Erst fuhr die Fed den Realzins für Schuldtitel der US-Regierung auf Null zurück, dann drückte sie den Zins in den Minusbereich. Sie wollen  mehr …

Werbung

Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.