Sunday, 29. May 2016
30.01.2016
 
 

»Merkel schuld an Flüchtlingskrise« – führender Migrationsforscher klagt an

Peter Orzechowski

Es ist eine publizistische Bombe, die eigentlich Sondersendungen im Fernsehen verdient hätte, wenn dieses nicht staatlich gesteuert wäre: Der führende Migrationsforscher Paul Collier weist allein Angela Merkel die Schuld an der Flüchtlingskrise zu. In einem Interview erklärt er, die deutsche Einwanderungspolitik habe niemanden gerettet – sondern »eher Tote auf dem Gewissen«.

 

Paul Collier ist nicht irgendwer. Der 66-jährige Engländer – Enkel eines deutschen Einwanderers – ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Direktor des Zentrums für afrikanische Ökonomien an der Blavatnik School of Government der Universität Oxford. Davor war er Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank. Im Jahr 2014 wurde er in den Ritterstand erhoben.

 

Für sein Buch Exodus: Immigration and Multiculturalism in the 21st Century (2013), das in Deutschland 2014 unter dem Titel Exodus: Warum wir Einwanderung neu regeln müssen erschienen ist, forschte Collier zu den wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Migration. Er plädiert für geringere und selektive Zuwanderung aus Entwicklungsländern nach Europa und in die USA.

 

Im Interview mit der Tageszeitung Die Welt antwortet er auf die Frage, ob Angela Merkel schuld an der Flüchtlingskrise in Europa sei, mit eindeutiger Klarheit: »Wer sonst? Bis zum vergangenen Jahr waren Flüchtlinge für Europa kein großes Thema. Ich verstehe bis heute nicht, warum Frau Merkel so gehandelt hat. Sie hat Deutschland und Europa damit definitiv ein gewaltiges Problem aufgebürdet, das sich nun auch nicht mehr so einfach lösen lässt... Durch ihre Kommunikation hat sie aus Flüchtlingen erst Migranten gemacht.«

 

Deutschland gefalle sich offensichtlich in der Retter-Rolle, vermutet der Oxford-Professor. »Aber es grenzt an keines der Krisen- oder Kriegsländer. All diese Menschen, die zu Ihnen kommen, haben sich aus sicheren Drittstaaten auf den Weg gemacht. Deutschland hat keinen einzigen Syrer vor dem Tod gerettet. Im Gegenteil: Deutschland hat trotz bester Absichten eher Tote auf dem Gewissen.«


Ein harter Vorwurf, den Collier sofort erklärt: »Die Sache ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Viele Menschen haben Merkels Worte als Einladung verstanden und sich danach überhaupt erst auf den gefährlichen Weg gemacht, haben ihre Ersparnisse geopfert und ihr Leben dubiosen Schleppern anvertraut.«

 

Und der Migrationsforscher schiebt gleich noch eine massive Warnung hinterher: Katastrophal werde es, wenn zu den 14 Millionen Syrien-Flüchtlingen »all jene, die in armen Ländern leben, sich auf den Weg in die reiche westliche Welt machen, um dort ihr Glück zu finden. Das sind Hunderte Millionen Menschen. Eine gewaltige Masse, die, wenn sie sich einmal in Bewegung setzt, kaum noch steuerbar ist.«


Und damit müsse man rechnen, denn »das Chaos in vielen afrikanischen Staaten nimmt definitiv zu«. Collier erinnert an die These des früheren Weltbank-Ökonomen Serge Michailof: Die Region südlich des Äquators könnte das nächste Afghanistan werden. Dort leben etwa 100 Millionen Menschen, und vor allem in Mali und im Niger ist die Lage bereits sehr instabil.

 

»Und dann kommt da die deutsche Kanzlerin und spricht davon, dass Europas Türen offen sind. Überlegen Sie doch einfach mal, wie das bei diesen Menschen ankommt… Wir müssen den Menschen, die ihre Heimat nicht freiwillig verlassen haben, helfen. Aber deshalb haben sie noch lange keinen Anspruch auf einen Platz im europäischen Wohlstandshimmel.«

 

Was zu tun ist

 

Collier fordert daher »einen radikalen Schwenk in der Kommunikation«. Europa müsse klar sagen, dass sich die Wohlstandsmigranten gar nicht erst auf den Weg zu machen brauchen. Mehr noch: »Auch die Flüchtlinge, die sich in Sicherheit bringen wollen, können das nicht länger in Europa tun, sondern in den sicheren Nachbarstaaten, ganz so, wie es völkerrechtlich festgelegt ist.«


Das sei aus zwei Gründen zwingend: Zum einen kämen die Flüchtlinge in das sichere Nachbarland am einfachsten hinein, ohne sich unnötig in Gefahr zu bringen. Und wenn wieder Frieden in ihrer Heimat herrsche, könnten sie auch sehr einfach wieder zurück und beim Wiederaufbau helfen. Sind die Flüchtlinge aber erst einmal im Westen, dann gehen sie nicht wieder zurück, befürchtet Collier, und »den Krisenländern fehlen dann genau jene Menschen, die sie für eine stabile Zukunft am dringendsten brauchten«.

 

Um diesen Exodus der jungen Menschen nach Europa zu verhindern, sollte Europa dem Libanon, der Türkei und Jordanien – den Ländern also, in denen die großen Flüchtlingslager stehen – bei den Kosten der Flüchtlingsversorgung unter die Arme greifen.

 

Auch Schäubles Vorschlag eines Marshall-Plans für die sicheren Anrainerländer sei »genau der richtige Ansatz«. Dreh- und Angelpunkt sei es, all diese Menschen wieder in Jobs zu bringen. »Bringt man sie vor Ort in Jobs, schwindet auch der Anreiz, weiter nach Westeuropa zu ziehen. Wer Jobs schafft, hat auch eine gewisse Kontrolle über die Flüchtlinge. Zäune hingegen oder Schutzgeld für die Türkei sind weniger effektiv.« Die deutsche Wirtschaft sei prädestiniert dafür, Millionen von Jobs dort zu schaffen, so der Migrationsforscher. »Deutsche Unternehmen haben doch massenhaft Jobs nach Polen oder in die Türkei verlagert. Warum also nicht auch nach Jordanien?«

 

Schließlich wiederholt Collier noch einmal sein Credo: »Die Europäische Union ist nicht zuständig für die Aufnahme der Flüchtlinge. Sie ist aber sehr wohl zuständig dafür, ihre eigenen Grenzen zu sichern, entweder gemeinschaftlich oder, wenn das nicht geht, dann eben jeder Einzelstaat für sich. Ich verstehe nicht, warum darüber überhaupt debattiert wird.«

 

Europa solle sich ein Beispiel an den USA, an Kanada und Australien nehmen. »Diese Länder betreiben eine sehr selektive Zuwanderungspolitik. Kanada etwa nimmt nur 25 000 Syrer auf – und auch nur Familien, keine allein reisenden jungen Männer. Viele Probleme, über die Europa jetzt klagt, entstehen so gar nicht erst.«

 

 

 

 

 

 

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