Samstag, 19. August 2017
06.04.2014
 
 

Alles, was zum Ersten Weltkrieg wichtig ist

Redaktion

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Noch immer lehren Geschichtsbücher – auch in Deutschland –, dass die deutsche Reichsregierung schuld am Desaster sei. KOPP Online hat mit dem profilierten Journalisten Dr. Bruno Bandulet gesprochen, der vor Kurzem im KOPP-Verlag das Buch Als Deutschland Großmacht war veröffentlicht hat. Dr. Bandulet legt den Finger in offene Wunden.

 

KOPP Online: Herr Dr. Bandulet – Ihr großartiges Buch öffnet den Blick auf eine Zeit, die schon 100 Jahre und mehr zurückliegt: Das Deutsche Reich, seinen Status als Großmacht und die Entstehung des Ersten Weltkriegs. Sie postulieren, dass sich an den Grundstrukturen internationaler Konflikte nichts geändert habe. Benötigen wir also einen offenen, unverfälschten Rückblick auf die eigene Geschichte, um das heutige Geschehen zu begreifen?

 

Bandulet: Zum einen fasziniert es, sich in eine Zeit zu versetzen, da Deutschland Großmacht war – ohne den Ersten Weltkrieg wäre es das heute noch. Zum anderen hat die deutsche Öffentlichkeit verlernt, geopolitisch zu denken. Stattdessen wird gerne moralisiert und Propaganda verbreitet.

Sie haben Recht, es gibt kein besseres Lehrbuch als die Geschichte, um zu verstehen, wie Weltpolitik abläuft.

 

 

Ein wiederkehrendes Muster liegt zum Beispiel darin, dass die führende Weltmacht sich gegen einen aufstrebenden Rivalen wendet. Vor 1914 war es Großbritannien gegen das Deutsche Kaiserreich. In den kommenden Jahren droht ein Konflikt zwischen den USA und China. Russland ist der schwächere Gegner.


KOPP Online: Herr Dr. Bandulet, Sie zweifeln dabei an, dass das Deutsche Reich (Allein-) Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs habe. Vielmehr schlafwandelten alle Beteiligten in Europa in den Krieg. Können Sie unseren Lesern Ihre spektakuläre Sichtweise kurz erläutern, die sich von den Erzählungen im Geschichtsunterricht doch deutlich unterscheidet?

 

Bandulet: Dass Deutschland schuld am Ersten Weltkrieg gewesen sein soll, ist eine Lüge, die die Sieger von 1918 in den Versailler Vertrag geschrieben haben, auch um die horrenden Reparationen zu rechtfertigen. Lloyd George, der britische Kriegspremier, hat das nach 1918 abgeschwächt mit der Bemerkung, dass alle Beteiligten in den Krieg »geschlittert« seien. Genau diese Version hat der Historiker Christopher Clark in seinem Buch Die Schlafwandler wieder aufgegriffen. Weiter wollte oder konnte er nicht gehen – selbst dafür wurde er in England angefeindet. Die Wahrheit ist viel dramatischer:

 

Der Krieg gegen das Kaiserreich wurde von einem sehr kleinen Kreis britischer Politiker und Militärs seit 1905 systematisch vorbereitet. Man kann durchaus von einer Verschwörung sprechen. Alles lief im Geheimen ab, weder das Unterhaus noch das Kabinett als Ganzes waren informiert. Dann wurde in Frankreich der Deutschenhasser Poincaré an die Macht gebracht, indem Wahlmänner bestochen und Journalisten gekauft wurden. Bekanntlich wurde auch Russland mit ins Boot geholt. Deutschland wurde eingekreist, genau diese Geschichte erzähle ich in meinem Buch.

KOPP Online: Dabei stellen Sie auch die Frage, wem denn der Krieg genützt habe oder hätte nutzen können. Bei geschickterem Verhalten aller Parteien wäre es zu einem Patt gekommen, Versailles und die Folgen für Deutschland sowie den europäischen Frieden wären so nicht passiert. Also folgt der Zweite Weltkrieg notwendig aus den Fehlern des Ersten Weltkriegs? Und wer trägt dann die Schuld?

 

Bandulet: Tatsächlich war das Deutsche Kaiserreich die einzige Großmacht, die keine Ziele hatte, die nur durch einen Krieg erreichbar waren. Frankreich wollte Elsaß-Lothringen zurück, Russland wollte die Kontrolle über die Dardanellen und damit über den Ausgang zum Mittelmeer, Großbritannien sah in Deutschland einen politischen und vor allem wirtschaftlichen Konkurrenten, der nur durch einen Krieg geschwächt und zurückgeworfen werden konnte.

 

Alle Friedensangebote, die Berlin ab Dezember 1916 machte, wurden ebenso brüsk zurückgewiesen wie der Friedensappell des Papstes 1917. Hätte der Krieg 1917 mit einem Patt und mit einem Verständigungsfrieden geendet, dann wären der Welt Versailles, Hitler, der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg erspart geblieben, in dem sich Ost und West jahrzehntelang am Rande eines Atomkrieges gegenüberstanden. Das gesamte Jahrhundert hätte einen anderen Verlauf genommen.

 

KOPP Online: Die USA oder deren Eingreifen sind daher (mit-) verantwortlich für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs? Ziehen Sie daraus auch historische Quervergleiche zu heutigen Konflikten?

 

Bandulet: Wenn Sie so wollen, tragen die USA mit ihrem Kriegseintritt 1917 tatsächlich die Verantwortung für alles, was nach 1918 geschah. Sie waren es, die den Kriegsausgang entschieden haben. So wurde aus der Katastrophe des Krieges die Tragödie der Selbstzerstörung und Entmachtung Europas, unter der wir bis heute leiden. Wie und warum die Amerikaner in einen Krieg zogen, in dem keine vernünftigen amerikanischen Interessen auf dem Spiel standen, und wer die Drahtzieher waren, wird in meinem Buch ausführlich geschildert.

 

KOPP Online: Schon damals profitierten demnach auch US-Banken wie J. P. Morgan oder der Chemiegigant DuPont? Den Krieg in Europa bezeichnen Sie als »Bonanza für die amerikanischen Konzerne« – ist auch dies eine Blaupause für die heutigen Kriege?

 

Bandulet: Na ja, es geht immer wieder um Geld und Macht oder auch um den Zugang zu den Rohstoffen. Wer hat denn von den sinnlosen Kriegen im Irak und in Afghanistan profitiert? Die Rüstungsindustrie und der militärisch-industrielle Komplex, vor dem schon Eisenhower gewarnt hat. Schlussbemerkung: Ich mache mir keine Illusionen, die offizielle, politisch korrekte Lesart der Geschichte mit einem Buch ändern zu können.

 

Ich wollte nur eine spannende Geschichte erzählen und der Wahrheit möglichst nahe kommen. Die vielen Leserzuschriften sprechen dafür, dass es gelungen ist. Ein mittelständischer Unternehmer schrieb mir: »Die Schilderung des Ersten Weltkrieges samt seiner Vorgeschichte war für mich spannender als jeder Krimi – noch nie habe ich ein Buch so intensiv in so kurzer Zeit gelesen

 

KOPP Online: Herzlichen Dank, Herr Dr. Bandulet, für diese interessanten Einblicke in die Sichtweise Ihres beeindruckenden Buches.

 

 

 


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