
In der Tat decken sich die teilweise dramatischen Ergebnisse der Studie mit den Befürchtungen besorgter Zeitgenossen, zu denen auch der berühmte Philosoph Golo Mann gehörte, als er auf den gewaltigen Einfluss des riesigen Axel-Springer-Verlages hinwies: »Die Springerische Machtballung ist zu einem zentralen Problem der Republik geworden«.
In denselben Tenor fiel übrigens kürzlich auch Jugendidol und Sängerin der Deutsch-Pop-Rock-Gruppe »Wir sind Helden«, Judith Holofernes. Im Februar 2011 ließ sie einen geharnischten Brief an die Werbeagentur Jung von Matt los, nachdem sie angefragt worden war, ob sie sich in einer
großangelegten Imagekampagne über Bild äußern wolle. In ihrer ablehnenden Antwort warnte die Musikerin unter anderem, Bild sei kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trashkulturgut, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-Zitat, sondern ein gefährliches politisches Instrument, ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibe, sondern mache. Mit einer Agenda. Holofernes Negativantwort wurde übrigens prompt als Werbung umgedreht und veröffentlicht.
Gefährliches politisches Instrument? Zentrales Problem der Republik? Regierungsamtliches Blatt? Wie bitte? Es handelt sich doch hier »nur« um eine deutsche Tageszeitung. Oder etwa nicht?
Wer gewohnheitsgemäß morgens gemütlich seine Bild bei einer Tasse Kaffee liest, kann mit diesen harten Beurteilungen vielleicht nicht viel anfangen. Vielleicht. Denn auch der minderbegabteste Stammleser kriegt natürlich irgendwann doch mit, wie das Boulevardblatt arbeitet, ob es sich um die »öffentliche Treibjagd« auf unbequeme Zeitgenossen handelt oder um die Überschreitung ethischer und moralischer Grenzen. Auch in der wachsenden Sexualisierung in Foto und Print ist kaum noch Luft nach oben. Ebenso müssen die offensichtliche Unterstützung einzelner Politiker und die steten Wiederholungen politisch-korrekter Mainstream-Ansichten auch dem unaufmerksamsten Beobachter irgendwann einmal auffallen, klingen die Themen abends am Stammtisch doch häufig anders. Doch während Hänschen Müller meist nur diffus erfassen kann, welche Ziele in aller Regel hinter der reißerischen Berichterstattung stecken, haben sich die OBS-Wissenschaftler des Themas umfangreich angenommen und die Arbeitsweise der Tageszeitung akribisch untersucht. Unter dem Titel »Drucksache Bild – eine Marke und ihre Mägde« haben die Autoren der Otto-Brenner-Stiftung jetzt ihre Ergebnisse veröffentlicht. Und die fallen alles andere als lustig aus.
Zunächst einmal einige Zahlen, die den Einfluss des Blattes deutlich machen. Bild ist natürlich nicht nur irgendeine Tageszeitung, sondern sie ist eines der mächtigsten Medien der ganzen Welt. Insofern liegen die genannten Mahner nicht so falsch mit ihrer Einschätzung. Die Bild-Zeitung existiert seit fast sechzig Jahren und war im letzten Quartal 2010 die auflagenstärkste und die am meisten zitierte Tageszeitung Deutschlands. Mit einer verkauften Auflage von fast drei Millionen ist sie auch in Europa und sogar weltweit die auflagenstärkste Zeitung außerhalb Japans.
Die Form ihrer Berichterstattung ist Gegenstand zahlreicher öffentlicher Diskussionen und Kritik. Laut OBS ist Bild ein »Boulevardmedium, das täglich großes Geschrei und viel Gedöns um sich selber macht, aber kaum Journalismus bietet«. Stattdessen setze das Blatt auf Werbung, Unterhaltung und Kampagnenkommunikation.
Die Studienautoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz haben vor allem die Berichterstattung von Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung während der Euro- und Griechenlandkrise analysiert. Die Bild-Zeitung wolle möglichst viele Leser fangen und fesseln, davon leiteten sich Themen und Machart ab, so die Studienmacher. Am Beispiel der Griechenland- und Eurokrise sei deutlich geworden, wie Bild Ereignisse als Knetmasse nutze, um eigenen wirtschaftlichen und politischen
Zwecken Nutzen zu bringen, so die Autoren. Das Blatt profitiere davon, Grenzen zu überschreiten, die andere einhielten. Der Versuch der Bild-Zeitung, sich selbst an die Stelle der öffentlichen Meinung zu setzen und als Sprachrohr des politischen Mainstream aufzutreten, sei in den letzten Jahren ungenierter geworden, heißt es im Vorwort der Studie. Dieser Selbstverständlichkeit, mit der Bild die Rolle des massenmedialen Platzhirschen einnehme, müsse widersprochen werden.
Als Ziel der Studie formulierten die Autoren unter anderem, »einen weiteren Beitrag zur Diskussion über den Zustand und die Zukunft der demokratischen Öffentlichkeit« leisten zu wollen. Sie weisen in ihrem Vorwort auf die Notwendigkeit einer aufgeklärten und kritischen Öffentlichkeit hin. Je mehr sie fehle, desto weniger Kraft habe die Demokratie. Desto breiter und bequemer würden die Wege für machthungrige Lobbyinteressen und ungerechte Herrschaftspraktiken.
Wer sich dieses Ansinnen auf der Zunge zergehen lässt, den überkommt recht schnell die sichere Erkenntnis: Willkommen in der Wirklichkeit. Ist das denn nicht schon der derzeitige IST-Zustand? Es sind doch genau diese Themen, über die sich die Bundesbürger täglich zunehmend häufiger aufregen müssen. Machthungrige Lobbyinteressen? Ungerechte Herrschaftspraktiken? Ob es sich nun um die wahren Hintergründe der Irak-, Afghanistan- und Libyenkriege handelt, den Schulterschluss der Bundeskanzlerin mit der Atomlobby oder das heimliche Heraufsetzen radioaktiver Strahlenwerte für japanische Lebensmittel in der EU, über die öffentlich mitnichten etwa großflächig berichtet worden wäre, die Frage heißt doch: Wird der Leser wirklich umfangreich wahrheitsgemäß aufgeklärt? (Die Strahlenwerte wurden inzwischen übrigens wieder heruntergesetzt, was in der öffentlichen Berichterstattung diesmal breiteren Anklang fand)
Hatte der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff vielleicht recht, als er Ende der Neunzigerjahre die Medienwissenschaftlerin Gudrun Kruip zitierte: »Ohne Springer wäre diese Republik heute demokratischer; es gäbe weniger Nationalismus und Rassismus, weniger Polizeistaat, weniger Schnüffler, weniger Misstrauen, weniger Lüge, weniger Prostitution, sexuelle wie politische. Die Bundesrepublik wäre ein friedlicheres Land, nicht so gefährlich für seine Nachbarn und seine eigenen Minderheiten.« Sind die Folgen der Bild-Arbeitsweise eventuell bereits für das Demokratieverständnis einer ganzen Gesellschaft spürbar? Wallraff erläutert dies in einem ausführlichen Interview mit den OBS-Studienmachern. Lesen Sie weiter in Teil 2.
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