Donnerstag, 8. Dezember 2016
13.04.2011
 
 

Bild -Zeitung unter der Lupe: Neue Studie enthüllt Arbeitsweise (2)

Redaktion

Der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff hat ein spannendes Interview über die Arbeitsweise der Bild-Zeitung gegeben. Die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) hatte sich in der soeben veröffentlichten Studie »Drucksache Bild – Eine Marke und ihre Mägde« mit der beispiellosen  Machart der bundesweiten Tageszeitung auseinandergesetzt. In dem Wallraff-Interview wird deutlich, wie groß Einfluss und Macht des Blattes auf Gesellschaft und Politik des Landes und über die Grenzen hinaus zu sein scheinen. Wallraff, der u. a. dadurch berühmt wurde, dass er Bild in den zurückliegenden Jahren in verschiedenen Verkleidungen mehrfach geleimt und deren teilweise ungewöhnliche Arbeitsweise öffentlich gemacht hatte, beschreibt Bild als eine Art Wundertüte, in der alles drin sei – Unterhaltung, menschliche Dramen, zum Konsum aufbereitet, Sex, Verbrechen, Appelle an niedere Instinkte. So verschieden die Themen auch seien, so glichen sie sich in einem doch immer: Es durchziehe sie der Charakterzug der mal subtilen, mal grobschlächtigen Beeinflussung. Wallraff spricht von Meinungsdiktat, von einer sehr eindeutigen Haltung, vor allem, wenn es um politische Interessen gehe.

Nicht gerade beruhigend klingen denn auch folgende Worte Wallraffs: »Bild hat meines Erachtens – besonders in politischen Auseinandersetzungen – eine Kraft zur Zerstörung: Indem sie Inhalte falsch oder etwas falsch darstellt, aus dem korrekten gültigen Zusammenhang herausreißt und in einen falschen hineinsetzt.« Mit  einer verkauften Auflage von fast drei Millionen ist Bild in Europa und sogar weltweit die auflagenstärkste Zeitung außerhalb Japans. Wer sich vorzustellen versucht, welche Auswirkungen für Staat und Gesellschaft diese Aussagen Wallraffs beinhalten könnten, über den mag vielleicht ein Ahnen der tatsächlichen Gefahren kommen.

Zwar ist das alles für den deutschen Zeitungsleser im Grunde genommen nichts Neues. Dennoch werden in der OBS-Studie und durch Wallraffs Kenntnisse manche Mechanismen in aller Klarheit überdeutlich, die verheerende Folgen für Meinungsfreiheit, Demokratieverständnis und die Wahrheit mit sich bringen. In einer Zeit, in der eine Art Aufbruchsstimmung zu herrschen scheint, was die Offenlegung der Machenschaften von Meinung, Macht und Medien angeht, in Zeiten von Wikileaks und einem flächendeckenden, weltweit wachsenden Internet-Enthüllungsjournalismus, kommt diese Studie gerade recht.

Bestenfalls könnten die Ergebnisse der OBS-Untersuchung sogar dienlich sein, die Aufmerksamkeit des Bürgers weiter zu sensibilisieren, wenn, ja, wenn diese Studie denn überhaupt in der breiten Öffentlichkeit diskutiert würde. Dem scheint jedoch nicht so zu sein. Nur wenige große Medien, die nicht gerade im Wirkungssog konservativer Ideen zu finden sind, wie Süddeutsche Zeitung oder die linke taz, beschäftigen sich neben einigen Internetforen mit den zum Teil hochinteressanten Ergebnissen.

Warum ist das so? Wieso beteiligen sich die meisten großen Medien kaum an der Enthüllungsaktion? Vielleicht, weil sie sich vor dem mächtigen Bild-Brother fürchten? Wallraff bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, das Blatt habe Kombattanten, die, wenn das Jagdhorn ertöne, mitmachten und ebenfalls losschlügen, nicht nur in Behörden und Parteien, auch in anderen Medien. Die also lieber nicht gegen, sondern eher mit der Bild-Zeitung arbeiteten.

Der Enthüllungsjournalist weist auf die besondere Gefahr hin, die auch zunehmend mehr Bürger beunruhigt: das Mediennetzwerk um Bild herum. »Ich befürchte, dass diese Netzwerke im Medienbereich stabiler und größer geworden sind. Wenn Journalisten um ihre Arbeitsplätze bangen oder junge Journalisten noch gar keinen richtigen Arbeitsplatz haben, überlegen sich viele, ob sie es sich mit einem potenziellen künftigen Arbeitgeber Bild und damit Springer verscherzen oder ob sie sich ihn vorsorglich gewogen machen.«

Gerechterweise muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass in diesem Zusammenhang nicht nur die Bild alleine an den Pranger gestellt werden darf. Hier sollte auch auf das Zitat des derzeitigen Tagesspiegel- und früheren Spiegel-Journalisten Harald Schumann hingewiesen werden, der im November 2010 in einem Interview ungewöhnlich scharfe Kritik an der vielgepriesenen Pressefreiheit deutscher Medien geübt hatte. Der Autor betonte, wenn Journalisten heutzutage einen Bericht hervorragend recherchiert und geschrieben hätten, sei es noch lange nicht so, dass das dann automatisch auch so im Blatt erscheine. Vielmehr würden die Berichte sehr häufig zurechtgebogen, wenn der Inhalt den jeweiligen Gesinnungen, Absichten und Interessen ihrer Vorgesetzten nicht entspreche. Der langjährige Spiegel-Redakteur betonte, die Kollegen dürften sehr häufig nicht die Wahrheit schreiben. Das habe er selbst viele Jahre am eigenen Leibe beim Spiegel erlebt und wisse es auch aus anderen Redaktionen. Die Wahrheit werde oft verbogen, weil Chefs und Verleger ihre eigene Weltsicht widergespiegelt sehen wollen. Er vermisse die innere Pressefreiheit, so der Wirtschaftsjournalist. Ein Einzelfall? Mitnichten.

Auch der NDR-Journalist und Autor Jörg Thadeusz äußerte sich jüngst ähnlich. In der NDR-Talksendung »Tietjen und Hirschhausen« am 1. April 2011 kritisierte Thadeusz im Zusammenhang mit der Diskussion zur Abschaltung der Kernkraftwerke in Deutschland die Rolle der Medien scharf. Alle Leute müssten jetzt plötzlich für die Abschaltung sein. Dieser hysterische Mainstream werde alleine von den Medien vorgegeben und nicht etwa von anonymen Leuten. Derzeit könne sich kaum jemand in eine politische Talkshow setzen und öffentlich über eventuelle Vorteile von Kernkraftwerken sprechen. Er würde niedergeschrien. Auch bei öffentlichen Diskussionen über einzelne Personen verhalte es sich ähnlich: Für den amtierenden FDP-Chef Guido Westerwelle würde sich zum Beispiel niemand mehr öffentlich stark machen, über ihn sei die Messe schon gesungen. Doch gebe es niemals nur eine Wahrheit, so der Journalist. Der Schauspieler Hans-Werner Meyer, der in derselben Talksendung saß, schloss sich den Worten von Thadeusz an und warnte, derartige Kollektivströmungen habe es schon einmal gegeben. In Deutschland existiere eine Art Hysteriekult. Sobald ein Thema aufkomme, stürzten sich alle darauf. Wer dann etwas dagegen sage, der sei tot, so Meyer.

Die wachsende Problematik des engmaschigen Mediennetzwerkes, zu dem alle gesellschaftlichen Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Lobbyismus usw. gehören und darin verstrickt sind, drückt zunehmend auf einstmals hart erkämpfte Freiheitsmechanismen wie Wahrheit und Unabhängigkeit. Der Blick des Volkes auf einzelne Ereignisse wird zunehmend durch die engarbeitenden Medien-Bruderschaften getrübt und verschleiert.

Günter Wallraff drückt es im Zusammenhang mit Bild so aus: »Wenn Sie sich als Journalist mit Springer und Bild anlegen, dann haben Sie faktisch einen großen, mächtigen Arbeitgeber weniger. Wenn Sie mit denen paktieren, dann haben Sie nicht einen potenziellen Arbeitgeber weniger, sondern einen mehr. Denn Bild gut zu finden und dessen Themen und Weltbilder zu verstärken, das ist doch heute, im Gegensatz zu früher, für keinen Verlag mehr ein Grund, jemanden nicht einzustellen – im Gegenteil. Aus alldem schließe ich, dass Bild mit seinen Netzwerken eine Macht in dieser Gesellschaft ist.«

Was das im Einzelnen bedeutet, auch damit beschäftigt sich Wallraff. Der Druck, der von Bild ausgehe, verändere möglicherweise sogar das Verhalten des Einzelnen, manipuliere eventuell sogar politische Entscheidungen: »Sie, die Politiker, stehen ständig unter Beobachtung von Bild. Bedenken Sie den Aufwand, den Bild treibt, mit über 800 Mitarbeitern und vermutlich Hunderten, wenn nicht Tausenden von Zuträgern. Die sind tatsächlich in der Lage, alle Politiker, an denen sie Interesse haben, flächendeckend zu beobachten. Diese Politiker wissen, dass Bild die private Sphäre nicht schützt, sondern – im Gegenteil – auch möglichst viel privates Material sammeln will. Und deshalb wissen die alle: Ich muss mit allem rechnen. Insbesondere wenn ich einen gewissen Einfluss und eine Bedeutung habe und mich deutlich links des Mainstreams bewege oder mal auch nur eine vom Mainstream abweichende Position vertrete. Dann schlagen die zu, keiner weiß, wann und wie.«

Beispiele dafür gibt es in der Vergangenheit genügend: Verheimlichte, uneheliche Kinder verheirateter Politiker, heimliche Geliebte, Steuerhinterziehungen, Lobbyismus und vieles mehr. Der öffentliche Empörungsschrei bei veröffentlichten Übertretungen gewählter Politiker ist dann groß – zu Recht.

Wallraff bezeichnet die Bild-Zeitung als eine Art Zuchtmeister für Politiker, der mit Zuckerbrot und Peitsche arbeitet. Axel Springer selbst habe Bild als seinen »Kettenhund« bezeichnet. Der solle erst einmal nur einschüchtern, könne aber auch von der Leine gelassen werden und einen zerfleischen. Das sei auch ein Grund, warum sich viele dem Blatt zur Verfügung stellten: Sie wollten den Kettenhund milde stimmen.

Der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hatte schon 1983 in einem Aufsatz gewarnt. Bild werde gelesen nicht obwohl, sondern weil das Blatt von nichts handle. Jede Aufklärung über diese Zeitung sei vergeblich, weil es nichts über sie zu sagen gebe, was nicht alle schon wüssten.

Ob der Verleger und Gründer des Blattes, »Presselord« Axel Springer, das alles einmal wirklich so geplant hatte? Der zum Lebensende immer frommere Verleger, der sich in seinen letzten Tagen intensiv mit dem Jenseits beschäftigte, hatte wohl eher anderes mit dem Blatt vorgehabt. Als er 1952 Bild konzipierte, lag ihm der Machtgedanke jedenfalls noch fern. Kurz vor dem Start des Blattes, 1952, skizzierte er brieflich (Hans-Peter Schwarz, Axel Springer: Die Biografie, Propyläen, 2008), was ihm vorschwebte: »... eine unernste, besser gesagt, antikonventionelle  Zeitung«. Und ein Jahr später ermahnte er den Chefredakteur Rudolf Michael: »Ich finde, wir sollten die politischen Schlagzeilen nicht kultivieren. Das wäre eine ganz falsche Richtung für die Bild-Zeitung.«

Und auch vier Jahre vor seinem Tod war Springer noch der Ansicht, dass es »hier keine Zeitung gibt, die so viel Positives in Bewegung bringt wie die Bild-Zeitung«. Der einfache Mann kriege nur recht durch Bild, so der Großverleger in einem Stern-Interview 1981 (Stern Nr. 46 /1981).

Bleibt zum Schluss noch der Gedanke, um den es hauptsächlich in der ganzen Diskussion geht: die Wahrheit. Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer brachte es mit diesen Worten auf den Punkt, die heutzutage leider nur noch selten zu gelten scheinen, die dennoch an Richtigkeit nicht ein Stäubchen verloren haben: »Aber das Leben ist kurz und die Wahrheit wirkt ferne und lebt lange: Sagen wir die Wahrheit!«

 

 


 

 

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