Saturday, 25. October 2014
25.01.2013
 
 

Europäischer Bericht zeigt Verbindung zwischen Schweinegrippeimpfung und Narkolepsie bei Kindern

Redaktion

Ein zur Bekämpfung der Schweinegrippe verwendeter Impfstoff wird mit der Schlafstörung Narkolepsie bei rund 800 Kindern und Jugendlichen in ganz Europa in Verbindung gebracht. Darüber entwickelt sich nun eine Debatte über das Risiko von Impfungen und die möglicherweise größeren Gefahren durch Impfstoffe.

Wie die Nachrichtenagentur AFP meldet, hat das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC, Europäisches Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten) in acht europäischen Ländern Untersuchungen über die Wirkung des Impfstoffs Pandemrix durchgeführt.

Zuvor waren vermehrt Fälle von Narkolepsie bei Kindern gemeldet worden, die während der Schweinegrippeepidemie (H1N1) 2009 und 2010 geimpft worden waren.

 

In Schweden und Finnland war die Schlafkrankheit häufiger aufgetreten, seit der Impfstoff erstmals bei Kindern eingesetzt wurde. Die Regierungen betonten, die Bürger ihrer Länder seien mit Pandemrix, dem damals einzig verfügbaren Impfstoff, geimpft worden. In Schweden trat bei 200 Kindern im Alter zwischen vier und 19 Jahren nach der Impfung eine Narkolepsie auf, in Finnland waren 79 Kinder betroffen. Die 14-jährige Emelie Olsson erzählte Reuters, wie stark die Narkolepsie ihr Leben beeinträchtigte: »Anfangs wollte ich gar nicht mehr leben, aber inzwischen habe ich gelernt, besser damit umzugehen.«

 

Narkolepsie ist eine neurologische Schlafstörung, die dazu führt, dass die Betroffenen ohne Vorwarnung einschlafen, viele fühlen sich äußerst schläfrig, in extremen Fällen kommt es zu Halluzinationen, Schlaflähmung und zur Kataplexie, einem plötzlichen Verlust der Muskelkraft. Starke Gefühle können bei Narkoleptikern häufig eine Kataplexie auslösen, bei Emelie ist es Freude. »Ich kann mit meinen Freunden nicht mehr lachen oder scherzen, weil ich sonst Kataplexien bekomme und kollabiere.«

 

Wissenschaftler haben entdeckt, dass manche Menschen mit einer Veränderung in dem HLA-Gen geboren werden, bei ihnen ist der Hypokretin-Spiegel erniedrigt. Dieser Neurotransmitter steuert Erregung, Wachheit und Appetit. Diese genetische Veränderung besteht bei ungefähr 25 Prozent aller Europäer, sie sind damit anfällig für eine Narkolepsie.

 

Emelies Hypokretin-Spiegel lag nur bei 15 Prozent des Normalen, ein typischer Wert für Menschen mit dieser Schlafstörung. Wissenschaftler prüfen jetzt eine mögliche Verbindung zwischen Menschen mit dem veränderten HLA-Gen und dem Wirkverstärker AS03, der dem Impfstoff Pandemrix zugesetzt wurde, um die Reaktion des Immunsystems auf das Antigen zu steigern.

 

Von verschiedener Seite wurde behauptet, AS03, seine verstärkende Wirkung oder sogar die H1N1-Grippe selbst könnten den Ausbruch der Narkolepsie verursacht haben, die heute allgemein als Autoimmunerkrankung betrachtet wird.

 

Angus Nicoll, Grippeexperte beim ECDC, hält es für möglich, dass die Genetik eine Rolle spielt, aber auch externe Faktoren könnten die Narkolepsiefälle ausgelöst haben: »Ja, es gibt eine genetische Prädisposition für diese Krankheit, aber die allein kann diese Fälle nicht erklären … Es hatte auch mit dieser speziellen Impfung zu tun. Ob es der Impfstoff plus die genetische Disposition alleine war, oder ob noch ein dritter Faktor im Spiel war – beispielsweise eine weitere Infektion – wir wissen es einfach noch nicht«, erklärte er gegenüber Reuters.

 

So schlimm Emelies Lage und die vieler anderer auch ist, in Großbritannien, Dänemark, Frankreich, Italien, den Niederlanden und Norwegen fand das ECDC keine statistische Verbindung zwischen dem Impfstoff und aufgetretenen Fällen von Narkolepsie.

 

Doch Personen, die über eine bislang unveröffentlichte Studie in England informiert sind, berichteten Reuters, auch dort zeige sich ein ähnliches Muster bei Kindern.

 

Darüber hinaus ergaben expertenbegutachtete unabhängige Studien von Wissenschaftlern in Schweden, Finnland und Irland, dass das Risiko, infolge der Impfkampagne von 2009 und 2010 eine Narkolepsie zu entwickeln, bei den geimpften Kindern im Vergleich zu ihren ungeimpften Altersgenossen um sieben bis 13 Mal höher lag.

 

Über 30 Millionen Menschen in 47 Ländern wurden mit Pandemrix geimpft, den das britische Unternehmen GlaxoSmithKline (GSK) 2009 hergestellt hatte. Laut GSK haben seit Einführung des Impfstoffs 795 Menschen in ganz Europa eine Narkolepsie entwickelt.

 

Emmanuel Mignot von der Stanford University, einer der weltweit führenden Narkolepsie-Experten, dessen Untersuchung einer Verbindung zwischen der Narkolepsie und Pandemrix von GSK finanziert wurde, erklärte gegenüber Reuters, die Verbindung sei offensichtlich: »Für mich steht außer Zweifel, dass Pandemrix zum vermehrten Auftreten der Narkolepsie bei Kindern in einigen Ländern geführt hat – wenn nicht gar in den meisten Ländern.«

 

Die Arzneimittelbehörden der europäischen Länder raten seither von der Verwendung von Pandemrix bei Unter-20-Jährigen ab.

 

Überstürztes Handeln

Angesichts des außergewöhnlich hohen Lebensstandards im Lande hatte die schwedische Regierung schleunigst eine vorbeugende Impfung durchgeführt, rund fünf Millionen – über die Hälfte der Bevölkerung – wurden mit Pandemrix geimpft, kaum dass der Impfstoff auf dem Markt war.

 

Göran Stiernstedt, Beamter am Stockholmer Gesundheitsamt, der an der Organisation der landesweiten Impfkampagne mitgewirkt hatte, schätzt, dass dadurch 30 bis 60 Menschen gerettet wurden. Angesichts der 200 Narkolepsiefälle, die auf Pandemrix zurückgeführt werden, hält Stiernstedt das Risiko-Nutzen-Verhältnis für nicht hinnehmbar.

 

Doch das Problem bei Risiko-Nutzen-Analysen besteht darin, dass sie oftmals völlig anders aussehen, wenn die Welt von einer Pandemie bedroht ist, die Millionen von Menschenleben fordern könnte, als wenn man wie bei H1N1, das sich als weitaus milder denn befürchtet herausstellte, relativ ungeschoren dabei weggekommen ist.

 

Doch David Salisbury, Impfbeauftragter der britischen Regierung, hält eine Ad-hoc-Risiko-Nutzen-Analyse für schlecht, angesichts massiver Pandemien, die Millionen von Menschen töten könnten. »Bei einer schweren Pandemie ist das Risiko zu sterben weit höher als das Narkolepsie-Risiko«, betonte er gegenüber Reuters. »Würden wir mehr Zeit für die Entwicklung und die Erprobung des Impfstoffs an sehr vielen Menschen verwenden, um zu sehen, ob einer von ihnen eine Narkolepsie entwickelt, dann könnte ein großer Teil der Bevölkerung bereits tot sein.«

 

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Schweinegrippe 18.500 Menschenleben gefordert, nach einer anderen im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie könnte die Zahl 15 Mal so hoch liegen.

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