Thursday, 25. August 2016
03.11.2010
 
 

Stuttgart 21: Offener Brief an Gerhard Wisnewski

Redaktion

Nach den letzten beiden Artikeln von KOPP-Autor Gerhard Wisnewski über den geplanten Tiefbahnhof in Stuttgart (»Stuttgart 21«) schlugen die Wellen hoch. Der Autor lehnte es ab, die politisch korrekte Verweigerungshaltung gegenüber dem Projekt zu übernehmen, sondern äußerte den Verdacht, dass Entwicklungsprojekte hierzulande systematisch torpediert werden. Daraufhin erreichten uns zahlreiche Leserbriefe, darunter auch ein Offener Brief von Leser Joachim Holzhauser, den wir hiermit veröffentlichen – samt Antwort des Autors.

 

27. Oktober 2010

 

Sehr geehrter Herr Wisnewski,

Ihr Artikel wirft dummen Widerstand gegen sinnvolle Projekte und sinnvollen Widerstand gegen dumme Projekte in einen Topf und suggeriert, daß alle großen Projekte sinnvoll sind und Widerstand dagegen immer dumm ist. Das ist aber ein Schmarrn.

Beispiel Transrapid (München, d. Red.):

Die S-Bahn braucht 40 Minuten zum Flughafen, weil die Transrapidfraktion seit 15 Jahren fertige Pläne für die Express-S-Bahn blockiert hat, welche mit bescheidenen 50 Mio veranschlagt ist (ein paar Ausweichbuchten für die normale S-Bahn, damit die Express durchrauschen kann). Dadurch wäre die Fahrzeit auf 20 Minuten gesunken, der Transrapid für 4 Mrd. hätte 12 Minuten gebraucht. Was ist da sinnvoller: 20 Minuten schneller für 50 Mio. oder 28 Minuten schneller für 4000 Mio? Die Kampagnenmaschine lief übrigens PRO Transrapid, aber die Münchner wollten ihn nicht.

Der Transrapid ist sowieso eine konzeptionelle Totgeburt, auch die Chinesen bauen keinen mehr, die Trasse benötigt gigantische Mengen Kupfer und muss mit teuerster Genauigkeit errichtet und permanent nachjustiert werden.

Die Express-S-Bahn haben wir übrigens immer noch nicht, vielleicht als Rache für unsere Starrköpfigkeit...

Beispiel S21: Sie ignorieren alle Gutachten und Meinungen, die sagen, daß der neue Bahnhof schlechter ist, als der alte (weniger Gleise, problematischer Untergrund), sowie alle Berichte darüber, daß es da in Wirklichkeit um private Immobiliengewinne geht, die durch unglaubliche Verschwendung von Steuergeldern ermöglicht werden sollen.

Noch etwas zur Ihrer Meinung nach ausreichenden Bürgerbeteiligung: 8800 abgeschmetterte Einsprüche, was ist daran demokratisch, wenn der Kleine zwar etwas sagen darf, aber dann gemacht wird, was der Große will? Dieser ganze Wust an Planfeststellung könnte hervorragend durch eine Volksabstimmung ersetzt werden.

Die geht manchmal auch pro aus, siehe die Tunnelbauten am Stadtring in München.

Mit freundlichen Grüßen,

Joachim Holzhauser

 

 

28. Oktober 2010

Lieber Herr Holzhauser,

gerne antworte ich auf Ihren Offenen Brief. Bitte sagen Sie mir doch, wo sie ihn zusammen mit meiner Antwort veröffentlichen wollen. Sicher haben Sie nichts dagegen, wenn ich ihn z.B. auf der KOPP-Seite veröffentliche.

Grundsätzlich muss man sich darüber einigen, ob man Entwicklung gut oder schlecht findet, also ob man in einem Entwicklungsland oder in einem entwickelten Land leben möchte. Sonst geht man von verschiedenen Voraussetzungen aus.

Bei dem ursprünglich zwischen der Landeshauptstadt München und dem Flughafen München II geplanten Transrapid geht es nicht nur darum, wieviele Millionen oder Milliarden eine Minute Fahrzeit zum Flughafen kostet. Das ist etwas zu kurz gedacht. Da ein Transrapid zum Flughafen natürlich sehr viele globale Entscheidungsträger befördern würde, hätte dies zu sehr vielen Folgeprojekten und einer weiten Verbreitung der Technologie führen können. Die Bedeutung dieses Projektes weist also weit über eine lokale Kosten-Nutzen-Rechnung für München hinaus. Es geht um ein strategisches Technologie- und Exportprojekt des Industrie- und Innovationsstandortes Deutschland, der aber leider nicht in der Lage ist, seine eigenen Entwicklungen umzusetzen. Wie soll er dann den Rest der Welt davon überzeugen? Wie soll er exportieren?

Bei der Einführung jeder neuen Technologie waren noch nicht alle Fragen beantwortet. Auch die Fliegerei hat mit Doppeldeckern angefangen und nicht mit dem A 380. Heute gibt es zum Beispiel Materialien und Werkstoffe, von denen man zu Beginn der Luftfahrt noch nicht einmal zu träumen wagte.

Übrigens: Nicht die Münchner wollten den Transrapid nicht, sondern die Grünen wollten ihn nicht und zogen ihren Koalitionspartner, die Münchner SPD, mit.

Ich glaube nicht, dass die Steuergelder bei »Stuttgart 21« verschwendet werden. Jedenfalls nicht so, wie bei all den Banken- und Griechenland-Rettungspaketen, gegen die nur sehr wenige Leute auf die Strasse gegangen sind. Denn hier gibt es einen realen Gegenwert in Form von Bauwerken, freiwerdenden Flächen und natürlich Arbeitsplätzen. Damit schlägt das vergleichsweise billige »Stuttgart 21«-Projekt für mich die Hunderte Milliarden schweren »Rettungspakete« deutlich. Zumindest wäre »Stuttgart 21« für mich ein wesentlich kleinerer Skandal als die Banken-»Rettungspakete«.

Man sollte nicht Äpfel mit Birnen und Gleise mit Zufahrtsgleisen vergleichen. Ein Kopfbahnhof braucht deshalb so viele Gleise, weil die Züge erstens dort stehen bleiben müssen und zweitens wieder auf dem selben Weg hinausfahren müssen. Wichtiger ist deshalb die Frage der Zufahrtsgleise. Und da hat der jetzige Stuttgarter Bahnhof fünf, der geplante Tiefbahnhof acht bzw. vier, je nach dem, ob man beide Fahrtrichtungen addiert oder nicht. Sollte man das als zu wenig erachten, wäre es wohl das Sinnvollste, dem neuen Tiefbahnhof noch ein Gleis mehr zu geben.

Ein Planfeststellungsverfahren kann deshalb nicht durch eine »Volksabstimmung« ersetzt werden, weil es bei einem Planfeststellungsverfahren nicht um Ja oder Nein, sondern um eine Vielzahl von inhaltlichen Fragen geht, die zur Sprache gebracht und abgewogen werden müssen. Auch ein positives »Volksabstimmungsergebnis« müsste ein Planfeststellungsverfahren nach sich ziehen. Sonst wäre es die reine Diktatur. Ob alle 8.800 Einwendungen »abgeschmettert« wurden, weiss ich nicht, denn viele Einwendungen beziehen sich ja auf Detailfragen und zielen nicht auf eine generelle Ablehnung des Bahnhofs.

Dass sich irgendjemand bei dem Projekt eine goldene Nase verdient, glaube ich gerne. Aber wenn wir das verhindern wollten, müssten wir praktisch jedes technische Großprojekt verhindern. Denn Geld verdienen ist in Deutschland ja nicht verboten und per se keine Straftat.

Was den »problematischen Untergrund« von Stuttgart angeht, so haben die deutschen Tunnelbauer, die sowohl den neuen Gotthard-Basistunnel mitbohrten, als auch die chilenischen Kumpel befreiten, mein vollstes Vertrauen.

Herzliche Grüße

Ihr

Gerhard Wisnewski

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