Saturday, 25. May 2013
18.03.2010
 

Sexuelle Gewalt an Kindern: Politisch akzeptierte Wirklichkeit? (II)

Eva Herman

Im Zusammenhang mit den derzeit diskutierten Missbrauchsfällen mutet das lange zurückliegende Beispiel des Grünen-Europa-Politikers und ehemaligen Odenwaldschülers Daniel Cohn-Bendit plötzlich noch merkwürdiger an, als ohnehin schon länger bekannt. Dieser hatte in einem Buch Mitte der 1970er-Jahre eindeutige Äußerungen in Richtung pädophiler Neigungen getan …

Unter dem Titel Der Basar schrieb Cohn-Bendit: »Ich habe in diesem Kindergarten zwei Jahre lang gearbeitet. Dort waren Kinder zwischen zwei und fünf Jahren – eine fantastische Erfahrung. Wenn wir ein bisschen offen sind, können uns die Kinder sehr helfen, unsere eigenen Reaktionen zu verstehen. Sie haben eine große Fähigkeit zu erfassen, was bei den Großen vor sich geht. (…) Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen. Es ist kaum zu glauben. Meist war ich ziemlich entwaffnet. (…) Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: ›Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?‹ Aber wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt.«

Diese augenfällig pädophilen Bekenntnisse haben dem Politiker jedoch niemals wirklich geschadet. Obwohl der ehemalige Außenminister Klaus Kinkel, FDP, zu den Ersten gehörte, die auf die umstrittene Vergangenheit des Europa-Parlamentariers Cohn-Bendit aufmerksam wurden und diese öffentlich bekannt machten. In einem Artikel der Schweizerwoche hieß es dazu: »In einem am 31. Januar 2001 in der Berliner Tageszeitung ›B.Z.‹ publizierten offenen Brief an Cohn-Bendit äußerte Kinkel, dass die Art und Weise, wie sich Cohn-Bendit mit dem so sensiblen Thema, bei dem es um eine zentrale Frage der Moral geht, auseinandersetzte, lasse sich ›weder mit der damaligen Situation der antiautoritären Kindererziehung noch mit Naivität erklären‹. Wer Kronzeuge für die Achtundsechziger Generation sein wolle, müsse ›schon ernstzunehmende Maßstäbe an sich selbst anlegen und anlegen lassen‹. Der Fall Cohn-Bendit interessierte die Medienschaffenden, die auf die ›politisch Unkorrekten‹, jene Leute also, die sich für Werte öffentlich stark machen, häufig schnell und reflexartig eindreschen, bis heute so gut wie überhaupt nicht. Im Gegenteil: Cohn-Bendit genießt im Europäischen Parlament Narrenfreiheit, im Schweizer Fernsehen DRS wurde er zum ›Literatur-Papst‹ hochgejubelt als Moderator der Sendung Literaturclub, wo er zehnmal im Jahr aktuelle Bücher vorstellt. Und letztes Jahr wurde er mit dem Cicero-Rednerpreis 2009 des Verlages für die Deutsche Wirtschaft AG ausgezeichnet. Die Journalistin Dr. Franziska Augstein hob in ihrer Festrede die souveräne Aufgeschlossenheit des Verlages und der Jury hervor: ›Früher haben Polizisten, Richter und andere Vertreter der herrschenden Kräfte über Cohn-Bendit Dinge gesagt wie: Den schnappen wir uns noch. Heute haben Sie, die Sie den Rhetorik-Preis vergeben, ihn tatsächlich geschnappt. Und dafür sind Sie zu beglückwünschen.‹«

Heute befragt zu den Missbrauchsfällen an der hessischen Odenwaldschule, die er selbst sieben Jahre lang besuchte, scheint eine gebotene Reflektion Cohn-Bendits  zum Zurückliegenden immer noch in weiter Ferne zu liegen. Im Gegenteil: In FR-online vom 14. März2010 heißt es dazu: Der 64-Jährige, der von 1958 bis 1965 die OSO (Odenwaldschule) besuchte, äußerte sich in der Zeit erschüttert darüber, dass »eine libertäre Sexualmoral, die auf Emanzipation angelegt ist, für sexuellen Missbrauch und sexuelle Ausbeutung benutzt wurde«. Cohn-Bendit betonte zugleich, eine »repressive Vor-68er-Sexualmoral« habe gesellschaftlich großen Schaden angerichtet. Es sei daher nach wie vor richtig, »den Kindern und Jugendlichen eine eigene Sexualität, einen eigenen Weg zuzugestehen«.

Den Kindern eine eigene Sexualität zugestehen? Was genau ist mit einem solchen Satz wohl gemeint? Vielleicht hilft ein Blick in die politischen Programme der Grünen weiter, die sich mit einer erstaunlichen Ausdauer seit Mitte der 1080er-Jahre dafür einsetzen, dass die Gesetze zum Schutz Minderjähriger §§ 175 und §§ 182 StGB abgeschafft werden sollen. Damit wollten die Grünen schon vor 25 Jahren die Tabus sexueller Kontakte mit Jugendlichen ein für allemal brechen. In einem Gesetzentwurf behaupteten sie, diese Paragraphen »bedrohen einvernehmliche sexuelle Kontakte mit Strafe und dienen damit nicht dem Schutz der sexuellen Selbstbestimmung. Sie behindern die freie Entfaltung der Persönlichkeit …« (Bundestagsdrucksache 10/2832 vom 4. Februar 1985). In Wahrheit schützen diese Gesetze minderjährige Jungen vor homosexuellen Handlungen.

Die Grünen stempeln Schutzgesetze für Jugendliche als altmodisch und überkommen ab. So haben sie vielmehr ebenso die Abschaffung des Schutzes minderjähriger Mädchen vor sexuellem Missbrauch im Visier, weil, so der Grüne Gesetzentwurf: »Schutzgüter wie Virginität, Geschlechtsehre und ähnliches sind nur scheinbar individuelle und gehen auf ältere Vorstellungen von ›Marktwert‹ und ›Heiratschancen‹ des Mädchens zurück (…) Mädchen wird die Fähigkeit zur Entscheidung über ihre sexuellen Interaktionen abgesprochen, das Vorhandensein einer eigenständigen und selbstbestimmten Sexualität von Mädchen wird geleugnet.« (Bundesdrucksache 10/2832 vom 4. Februar 1985)

Die eigenständige und selbstbestimmte Sexualität von Mädchen wird geleugnet? Wohlgemerkt, hier geht es um Kinder, um Minderjährige unter 16 Jahre, deren eigenbestimmte Sexualität gesetzlich festgeschrieben werden sollte. Die Grünen suchen ständig nach neuen Wegen, um Kindern und Jugendlichen »ihre freie Sexualität« zu ermöglichen bei gleichzeitiger Straffreiheit Erwachsener, die sich an ihnen vergehen. Hier stellt sich die Frage, woran das Interesse wohl größer sein mag: An freier Sexualität für Kinder und Jugendliche, oder eher an der Straffreiheit für die fehlgeleiteten Erwachsenen? Anfang 1985 brachte die Partei einen Gesetzentwurf ein, der die Verführung von Mädchen unter 16 Jahren zum Beischlaf sowie homosexuelle Handlungen an Kindern und Jugendlichen nicht mehr unter Strafe stellt. Begründung: »die Strafandrohung behindere Kinder und Jugendliche beim Herausfinden der ihnen gemäßen Sexualität«. Auf ihrer Landeskonferenz in Lüdenscheid (März 1985) fordern die Grünen in NRW, dass »gewaltfreie Sexualität« zwischen Kindern und Erwachsenen niemals Gegenstand strafrechtlicher Verfolgung sein dürfe. Sie sei »im Gegenteil von allen Restriktionen zu befreien, die ihr in dieser Gesellschaft auferlegt sind«. Jener Programmteil, der mit Mehrheit verabschiedet wurde, hebt eindrucksvoll hervor, wer aus Sicht der Grünen im Falle einer sexuellen Verknüpfung zwischen Erwachsenem und Kind als Opfer betrachtet wird: Die Kinder sind es jedenfalls nicht! Hingegen wird »denjenigen eine gesellschaftliche Unterdrückung« attestiert, die gewaltfreie Sexualität mit Kindern wollen, dazu fähig sind und deren gesamte Existenz von einem Tag auf den anderen vernichtet wird, wenn bekannt wird, dass sie Beziehungen eingegangen sind, die wir alle als für beide Teile angenehm, produktiv, entwicklungsfördernd, kurz: positiv ansehen müssen«.

Ebenso heißt es: »(…) gewaltfreie Sexualität muss frei sein für jeden Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder anderen Merkmalen (…) Daher sind alle Straftatbestände zu streichen, die gewaltfreie Sexualität mit Strafe bedrohen.« Doch obwohl die Grünen 1985 einige Anträge unter großem Protest zurücknehmen mussten, forderten sie zwei Jahre später erneut: »Kinder und Jugendliche müssen ihre Sexualität frei von Angst entwickeln können. In der öffentlichen Erziehung dürfen abweichende Formen der Sexualität nicht länger diskriminiert werden. Lesbische und schwule Emanzipationsgruppen müssen gefördert werden.«

Hier klingt zum ersten Mal durch, was die Grünen zwar vehement forderten, jedoch zunächst nicht durchsetzen konnten, damals, Mitte der 1980er-Jahre, was allerdings zehn Jahre später dennoch durchgedrückt wurde, heimlich, still und leise, durch eine Hintertür: Nicht nur in Deutschland, sondern in nahezu allen europäischen Ländern sowie in fast allen UNO-Staaten der Welt hielt das Programm Gender Mainstreaming Einzug. Ein international beschlossener Plan, durch welchen die Loslösung aller sexuellen Einschränkungen des Menschen erreicht werden soll. Denn Gender Mainstreaming fördert die Sprengung aller gängigen Wertvorstellungen wie Ehe, Treue und Familie, es unterstützt vielmehr Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, schafft dabei jegliche Moralgrenzen ab. Die Grünen wird es freuen, denn die Ausbildung zu Gender wird auch in Deutschland inzwischen bereits für Kindertagesstätten zur Wirklichkeit: Meterweise wissenschaftliche Arbeiten existieren inzwischen als Grundlage für Gender-Erziehung der Kleinsten, die sich mehr und mehr durchsetzt. Die Ähnlichkeit der heutigen KiTa-Gender-Programme mit den damaligen Forderungen der Grünen ist frappant. Mitte der 1980er klangen die politischen Forderungen folgendermaßen:»Schon in Kindertagesstätten oder Kinderläden ist eine gleichwertige Darstellung lesbisch/schwuler Lebensformen einschließlich der Sexualität erforderlich. Eine von Anfang an offene und hemmungslose Auseinandersetzung mit Sexualität macht eine sogenannte Aufklärung überflüssig.« Und: »Die problematische Sozialstruktur unserer Stadt macht ein breites, aus öffentlichen Mitteln gefördertes Angebot für die 10–14-jährigen Kinder notwendig. Wir setzen uns ein für (…) eine freie Entfaltung der Sexualität.«

In einer von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegebenen Broschüre, die von höchster Stelle, nämlich im Auftrag des Bundesfamilienministeriums als »Elternratgeber« unter anderem auch an Kitas und Kindergärten verteilt wurde, und die gleichzeitig auch für das deutschsprachige Ausland, Schweiz und Österreich, Geltung fand, waren sechs Jahre lang, von 2001 bis 2007, unter anderem folgende Erziehungs-Empfehlungen zu lesen:

»Es ist ›nur ein Zeichen der gesunden Entwicklung Ihres Kindes, wenn es die Möglichkeit, sich selbst Lust und Befriedigung zu verschaffen, ausgiebig nutzt‹.« Oder diese: »Wenn Mädchen – nicht einmal drei Jahre alt – ›Gegenstände zur Hilfe nehmen‹, dann sollte man das nicht ›als Vorwand benutzen, um die Masturbation zu verhindern‹.« Dass in Gender-Kindergärten heutzutage Mädchen ermutigt werden, mit Autos zu spielen und die anderen Kinder zu zwicken, während die Jungen Kosmetikkörbe erhalten, sich die Nägel lackieren sollen und Prinzessinnenkleider tragen müssen, fördert die »Offenheit der Kinder für andere sexuelle Einstellungen«.Wo ist da noch ein Unterschied zu den seinerzeit mehr als umstrittenen Forderungen der Grünen?

Halt! Eine entscheidende Verschiedenheit gibt es doch: Während die Grünen ihrer zügellosen Fantasie damals freien Lauf ließen und viele das als Hirngespinste abtaten, ist Gender Mainstreaming heute längst per Gesetz festgelegt und wird mit Milliardengeldern intensiv gefördert wird.Das Programm der Grünen zur Bundestagswahl 1987 forderte die Herabsetzung des Schutzalters gegen sexuellen Missbrauch auf 14 Jahre. Und im Wahlprogramm der Alternativen Liste Berlin wurde ebenso offen dafür plädiert, Pädophilen jegliche Umsetzung ihrer Neigungen zu gewährleisten: »Es ist unmenschlich, Sexualität nur einer bestimmten Altersstufe und unter bestimmten Bedingungen zuzubilligen. Wenn Jugendliche den Wunsch haben, mit gleichaltrigen oder älteren außerhalb der Familie zusammenzuleben, sei es, weil ihre Homosexualität von ihren Eltern nicht akzeptiert wird, sei es, weil sie pädosexuelle Neigungen haben, sei es aus anderen Gründen, muss ihnen die Möglichkeit dazu eingeräumt werden.« Und so entrüstete sich die Grüne Bundestagsabgeordnete Waltraud Schoppe im September 1988 schließlich: »Pornoverbot? Ohne mich! … Pornographie lebt von Überschreitungen, auch Frauen mögen das!« Ferner: Die Liberalisierung der Sexualpolitik habe ihren Preis: Die Ausweitung der Porno-Produktion. Das müsse in Kauf genommen werden. Und ihre Kollegin Verona Krieger unterstützte das Konzept einer »erotischen Gegenkultur«. Sie befürwortete »erotische und pornographische Bilder« und meinte: »Ich bin sehr für erotische und geile Bilder und Texte.«

Wer heutzutage ins Fernsehen, in die Zeitungen oder auf Plakatwände blickt, den wundert schon gar nichts mehr in Sachen enthemmter Pornografie und Sex ohne Grenzen. Während ein Exhibitionist in den 1980er-, 1990er-Jahren noch dafür bestraft wurde, wenn er den Mantel auseinander riss, um zur »Erregung öffentlichen Ärgernisses« beizutragen, gehört es heute wie selbstverständlich zu inzwischen gängigen Fremdenverkehrs- und Tourismuspromotion-Methoden, dass es beispielsweise im Harz ausgewiesene Nacktwanderwege gibt, wo der Naturfreund lediglich Rucksack und Bergstiefel trägt, um sich an der guten Bergluft zu erfreuen, oder wo »Nacktrodelwettbewerbe« inzwischen zu den touristischen Höchstattraktionen gehören, zu denen zehntausende Menschen reisen, um Spaß zu haben! Was die Grünen offensiv zunächst nicht erreichen konnten, hat sich mit der allmählichen Lösung aller Grenzen längst in unseren Alltag geschlichen und ist inzwischen fest etabliert! Es ist die Politik, die diese Programme nicht nur erlaubt, sondern durch Gender Mainstreaming inzwischen nahezu weltweit massiv fördert! Wer also will sich über »ein paar« Missbrauchsfälle noch wirklich aufregen?

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