Monday, 30. May 2016
13.05.2014
 
 

Angela Merkel weint: »Das ist nicht fair… Ich bringe mich nicht selbst um.«

Tyler Durden

Die Financial Times hat einen ausführlichen Artikel über den G-20-Gipfel veröffentlicht, der am 3. und 4. November 2011 in Cannes stattfand. Damals wusste Europa, dass praktisch alle anderen Möglichkeiten erschöpft waren und man nun gezwungen war, China um Geld anzupumpen.

Das Erstaunlichste an dem Bericht ist nicht die Schilderung, wie es US-Präsident Barack Obama – dem eine Wahl ins Haus stand und der sich sorgte, was ein Zerfall der Euro-Zone und eine Wirtschaftsdepression für die US-Wirtschaft und vor allem für seine Wiederwahlchancen bedeuten würden – gelang, Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Weinen zu bringen…

 

 

 

»Das ist nicht fair«, rief die Kanzlerin wütend, während ihr die Tränen in die Augen schossen. »Ich bringe mich nicht selbst um.«

Für die anderen Personen, die sich im französischen Seebad Cannes in diesem kleinen Konferenzraum aufhielten, war es schon schockierend genug, mitanzusehen, wie Europas mächtigste und mit großer Selbstbeherrschung ausgestattete Regierungschefin in Tränen ausbrach.

Noch bemerkenswerter wurde die Szene nach Aussage von Augenzeugen, wenn man berücksichtigte, gegen wen sich Merkels Zorn wandte – gegen den Mann, der neben ihr saß, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, und gegen den Mann auf der anderen Seite des Tischs, US-Präsident Barack Obama.

(...)

Der US-Präsident fragte Merkel, ob sie das bis Montag mit der Bundesbank klären könnte. Sarkozy regte an, dass sich die Finanzminister treffen, um vor Gipfelende am nächsten Tag die Einzelheiten zu regeln. Vielleicht könne man im offiziellen Kommuniqué zum Gipfel vage etwas erwähnen, schlug Obama vor. Nein, sagte Sarkozy, aber wir könnten uns morgen früh noch einmal treffen.

Es war, als hätten die beiden Männer sie nicht gehört. Sie wiederholte ihre Aussage erneut: »Ohne etwas von Italien zu bekommen, werde ich so ein großes Risiko nicht eingehen. Ich werde keinen Selbstmord begehen.«

Nein, das wirklich Erstaunliche ist doch: Europa steuerte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Zerfall zu, aber trotzdem war man nicht bereit, die Kompromisse einzugehen, die notwendig waren, um abzurücken von dieser Pseudo-Union, die weder eine Föderation ist, bei der gemeinsame Staatsanleihen ausgegeben werden könnten und die Mitglieder füreinander steuerpflichtig sind, noch eine Föderation, bei der die Länder, um Risiken möglichst breit zu streuen, Souveränität an die stabilste und existenzfähigste Einheit abtreten.

Sarkozy versuchte, einen Ausweg aus diesem Drei-Parteien-Patt zu finden. Die USA wollten, dass Deutschland seine Sonderziehungsrechte (SDR) beisteuert, aber Berlin war nur unter der Bedingung zu einer Teilzusage bereit, dass Italien beim IWF-Programm einlenkte. Italiens Finanzminister Giulio Tremonti blieb standhaft: Rom würde einer Überwachung durch den IWF zustimmen, aber keinem Programm. Würden der italienische Überwachungsplan und die Zusage Deutschlands, sich an bilateralen Darlehen zu beteiligen, ausreichen, fragte Sarkozy.

»Nein. Deutschland hält ein Viertel aller SDR der Euro-Zone«, wandte Obama ein. »Ziehen alle EU-Länder mit, aber Deutschland nicht,… verliert das Ganze an Glaubwürdigkeit.«

(...)

Die Staats- und Regierungschefs kamen am nächsten Morgen wieder zusammen, aber der Schwung war raus. »Der Sturm war weitergezogen«, sagte ein Teilnehmer beider Treffen. Der SDR-Plan würde nie wieder hervorgeholt werden. Italien bekam ein Überwachungsprogramm, aber keine Geldmittel. Und um den Fehler noch zu verschlimmern, räumte Berlusconi in seiner Abschluss-Pressekonferenz ein, was jeder bis dahin sorgfältig geheim gehalten hatte – dass ihm nämlich der IWF ein Hilfsprogramm angeboten hatte. So stand Italien nun als das Land da, das Hilfe benötigte, aber keine erhielt.

Das Scheitern von Cannes fachte den Flächenbrand in der Euro-Zone weiter an. Als die Märkte eröffneten, schossen Italiens Kreditkosten in die Höhe. Binnen einer Woche würden sie auf fast 7,5 Prozent klettern. Die von Griechenland würden auf über 33 Prozent steigen, ein nahezu beispielloser Wert für eine Industrienation. Was sollte den Euro nun retten? Eine neue Brandmauer gab es nicht.

Es steht noch mehr in dem vollständigen Bericht von Peter Spiegel, aber wer damals die ganzen Schlagzeilen miterlebt hat, erinnert sich gewiss noch sehr genau, was als nächstes geschah: Der jüngste Goldman-Jünger an der Spitze der EZB, Mario Draghi, trieb Italiens Kosten für Kreditaufnahme so hoch, dass Berlusconi schließlich zurücktreten musste.

 

Auch Griechenlands »G-Pap«, Ministerpräsident Giorgos Papandreou, trat zurück, nachdem sein Winkelzug mit einer Volksabstimmung scheiterte. Dass der vollständige Kollaps der Euro-Zone abgewendet wurde, lag einzig und allein an der (jüngsten) durch US-Mittel finanzierten globalen Kapitalspritze. Verabreicht wurde sie am 30. November 2011.

 

Seitdem erleben wir Lüge um Lüge, angefangen mit Draghis Bluff »Alles, was nötig ist, den Zusammenbruch des Euro zu verhindern«, obwohl Draghi sehr genau wusste, dass die EZB anders als die amerikanische Fed (mit seinen eigenen Worten) Anleihen nicht nach Belieben zu Geld machen kann.

Seitdem ist daraus ein »Alles, was nötig ist, den Euro-Wechselkurs zu senken« geworden (was bestätigt, dass die Euro-Zone nur bei einem Wechsel von 1,20 bis 1,40 zum US-Dollar lebensfähig ist). Außerdem wurde das OMT-»Programm« der EZB vorangetrieben, das fast zwei Jahre nach seiner Vorstellung noch immer nicht existiert.

 

Und was ist nun passiert seit jenem schicksalsträchtigen G-20-Gipfel in Cannes im Jahr 2011, dem Gipfel, bei dem Merkel geweint hat? Nichts, absolut gar nichts ist geschehen. Das Sparprogramm, das alle so gehasst haben, hat es so nie gegeben (verwirrt? Dann sehen Sie sich mal die die Verschuldung der europäischen Randgebiete an – auf Rekordhöhe und rasch steigend). Noch schlimmer:

 

Die zentrale keynesianische Variable – Kreditvergabe an den privaten Sektor – hat sich nie erholt. Nachfolgende Grafik zeigt, dass in der Euro-Zone die Kreditvergabe an Privatunternehmen weiterhin bei 2,2 Prozent herumkrebst und damit auf rekordverdächtig niedrigem – und sehr deflationärem – Niveau.

 

 

Woran liegt das? Weil wieder einmal eine globale Zentralbank zur »Put«-Variante griff, konnten Europas Regierungen das Problem aussitzen. Den Politikern blieb es erspart, tatsächlich schmerzhafte Reformen einzuleiten. Was also tat Europa? Man veränderte die Definition des BIP so, dass es aussah, als würde die Wirtschaftsleistung der beiden wichtigen Länder Spanien und Italien wachsen. Gleichzeitig schickte man amerikanische Hedgefonds und Beteiligungsfirmen auf die Jagd nach faulen Krediten, denn die Hatz auf faule Immobiliendarlehen ist nun, wo der amerikanische Häusermarkt seinen vierten Dead-Cat-Bounce absolviert hat, endgültig vorüber.

 

Aber wenigstens musste Merkel nicht mehr weinen, denn die Rückkehr zur D-Mark wurde um einige Jahre verschoben – auf Kosten der Arbeitnehmer in den europäischen Randgebieten (natürlich nur jener, die ihren Job noch nicht verloren haben)… Arbeiter aus jenen Ländern, die keine Möglichkeit der Wechselkursanpassung haben, weshalb die Arbeitnehmer seit Jahren immer weniger verdienen. Und warum? Damit Deutschlands Exportmaschinerie dank der günstigeren Währung weiter brummt.

 

Der Liquiditäts-Tsunami wird abebben, genauso die ausschleichende Politik der Fed (vor allem dann, wenn sich das Bluffen der EZB mit einer vollen Quantitativen Lockerung im Stil der Fed tatsächlich als Bluff herausstellt), und Europas Anleihen werden auch wieder verkauft werden. Wir fragen uns, ob der Kontinent dann in eine neue Rezession abrutscht, denn wir können uns nur wiederholen: Europa hat keine Probleme aus der Welt geschafft. Wird sich dann erneut Europas Dickköpfigkeit durchsetzen und die Mitglieder entscheiden sich dagegen, die künstlichste Union in der Geschichte der Menschheit zu zerschlagen? Oder wird Angela Merkel ein letztes Mal weinen?

 

 

 


 

 

 

 

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