Anonym bewerben – der neueste Spaß vom Polittheater
Udo Schulze
Millionen Menschen haben in Deutschland den Beginn ihres Sommerurlaubs herbeigesehnt. Endlich kein Termindruck, keine Hektik, kein frühes Aufstehen. Doch was für die meisten hierzulande ein Segen ist, scheint für Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (33, CDU) die langweiligste Zeit des Jahres zu sein. Und wer Langweile hat, kommt schon mal auf seltsame Gedanken. So erging es jetzt Frau Schröder.

Wer sich demnächst um eine Arbeitsstelle bewirbt, kann das ab dem 24. August anonym machen. Nach dem Willen der Ministerin sollen die Bewerber im Lebenslauf weder Namen, noch Geschlecht, Alter, Familienstand, Religion, Behinderung oder Nationalität angeben müssen – also so gut wie gar nichts. Bislang waren uns nur anonyme Anrufe, Briefe oder Bombendrohungen bekannt, jetzt kommen Bewerber um eine Stelle hinzu. Das soll nach der Vorstellung von Kristina Schröder für mehr Chancengleichheit sorgen. Das leuchtet ein, denn wenn ein Personalchef eine Bewerbung von einem »Nobody« erhält und gleichzeitig jene eines Menschen, der seine Daten im Lebenslauf angibt, hat dieser sicherlich bessere Chancen, die Stelle zu bekommen. Seine wahre Identität soll Anonymus dann erst beim Vorstellungsgespräch lüften und sozusagen aus der Wundertüte springen. Doch zu einem solchen Gespräch wird es unter diesen Umständen wohl nur bei den wenigsten Personalleitern kommen, weil die sicherlich lieber mit Namen, Daten und Fakten statt mit Überraschungen arbeiten. Und wenn denn doch einmal ein Personalmanager einen anonymen Bewerber einlädt, aber nicht einstellt, hat der namenlose Bürger immerhin eine hübsche Reise gemacht, Geld ausgegeben und Zeit vertan. Eine schriftliche Absage wäre in solchen Fällen in allen Belangen sparsamer.
Aber weil die Idee von Ministerin Schröder offenbar für manch anderen Politiker irgendwie genial klingen muss, hat die 33-Jährige jetzt Verbündete gefunden. Das Integrationsministerium Nordrhein-Westfalen findet
das Ding von Frau Schröder ganz toll und steigt gleich mit ein. Und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist ebenfalls hellauf begeistert und verweist darauf, dass die Firmen L’Oréal sowie Procter & Gamble ebenfalls mitmachen. Allerdings, und da liegt wohl der Hase im Pfeffer, hat sich keine deutsche Firma für das deutsche Projekt finden lassen. L’Oréal kommt aus Frankreich, Procter & Gamble aus den USA. Dort hat Frau Schröder übrigens auch die Grundlage ihrer Idee her. In den Staaten kann man sich schon seit den 1960er-Jahren anonym bewerben – ebenfalls wegen Chancengleichheit und größerer Integration. Nur schade, dass in den USA mit ihren 308.241.000 Einwohnern, derzeit 14,8 Millionen Menschen ohne Arbeit sind. Die meisten davon übrigens Migranten und Schwarze.
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