Berliner Polizei: Ein Mord ohne Leiche
Udo Schulze
Was ist nur bei der Berliner Polizei los? Im Fall der toten Richterin Heisig steht offiziell Selbstmord fest, obwohl objektiv vieles dagegen spricht. In einem anderen Fall gibt die Kripo der Hauptstadt einen Mann seit Jahren als ermordet aus, der möglicherweise noch am Leben ist. Oder sollte die Behörde auch in dieser Sache wieder mehr zurückhalten als der Öffentlichkeit lieb ist?

Spielte der Vermisstenfall nicht in Deutschlands größter Stadt, man könnte ihn glatt als klassische Provinzposse bezeichnen. Ein Mord ohne Leiche – das gibt’s doch gar nicht, möchte da der ganz normale Bürger sagen. Doch, gibt es, und das kam so: Im Mai des Jahres 2005 verschwindet mitten in Berlin ein Mann auf dem Weg von seiner Wohnung zu einem Imbiss im Stadtteil Neukölln. Es handelt sich um Alexander Luchterhandt, eine zwielichtige Gestalt, zu diesem Zeitpunkt 49 Jahre alt. Luchterhandt verdient sein Geld u. a. als Informant für Presse, Funk und TV, indem er den Polizeifunk von Berlin abhört und den Journalisten Tipps verkauft. Doch nicht nur das zählt zu den bevorzugten Betätigungen des Ex-Sträflings. Nebenbei versucht er sich im Rotlichtmilieu, »beschafft« Frauen aus der Ukraine und ist mit einem ehemaligen Stasi-Offizier befreundet, auf dessen Namen sein Auto läuft. Obwohl Luchterhandt keinen Führerschein besitzt, kurvt er seelenruhig durch Berlin, wird seltsamerweise nie von der Polizei gestoppt. Doch »Alex«, wie der Mann in der Szene genannt wird, soll auch eine Rolle in der Visa-Affäre gespielt haben. Sie hat ihre Wurzeln in einem Erlass (Fischer-Erlass) der rot-grünen Bundesregierung aus dem Jahr 2000.
Die Anweisung an deutsche Botschaften und Konsulate beinhaltete eine vereinfachte Visa-Vergabepraxis, was zu zahlreichen Missbrauchsfällen – also illegalen Einwanderungen nach Deutschland – geführt hatte. Besonders an der deutschen Botschaft in Kiew stieg die Zahl der Anträge auf Einreise in die Bundesrepublik inflationär an. Kriminelle Banden machten sich das zunutze und schleusten auch Prostituierte nach Deutschland. Alex hatte Kontakt zu diesen Kreisen.
Hinter vorgehaltener Hand wird noch heute behauptet, Luchterhandt habe sich auch als Informant der Polizei und des Verfassungsschutzes verdingt und so mehrere hunderttausend Euro verdient, die er nie zur Bank brachte. Und obwohl es offiziell keine Hinweise auf einen Mord an dem 49-Jährigen gibt, hat eine Mordkommission der Berliner Kripo den Fall schon wenige Tage nachdem Verschwinden des Mannes übernommen. Dafür, dass der Informant noch lebt und möglicherweise mit Hilfe der Behörden abgetaucht ist, spricht allerdings mehr als für seinen Tod: Eine Hausbewohnerin will Luchterhandt noch nach seinem Verschwinden gesehen haben. Aus seiner Wohnung ist das Geld verschwunden, es gibt allerdings keine Spuren von Gewalt oder eines Einbruchs. Schließlich findet die Polizei in der Spree eine männliche Leiche und behauptet, es handele sich um den Vermissten, was DNS-Spuren beweisen würden. Doch kurz darauf dementieren die Behörden mit einer mysteriösen Meldung. Die DNS stamme zwar von dem Vermissten, allerdings nicht die im Wasser gefundenen Leichenteile. Angeblich habe das Kripo-Team an der Spree bei der Spurenaufnahme ein Klebeband verwendet, mit dem auch in der Wohnung Luchterhandts gearbeitet worden sei. Demnach bleibe der Vermisste weiterhin vermisst. Und die Mordkommission arbeitet weiter an einem Tötungsdelikt ohne Leiche.
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