Samstag, 10. Dezember 2016
28.09.2010
 
 

Fauler Trick? Verfassungsschutz entlastet Becker

Udo Schulze

Kurz vor dem mit Spannung erwarteten, wohl letzten großen RAF-Prozess versucht das Bundesamt für Verfassungsschutz, die Ex-Terroristin Verena Becker von dem Vorwurf, an der Ermordung des damaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 in Karlsruhe beteiligt gewesen zu sein, zu entlasten.

Becker, die zeitweise mit dem Verfassungsschutz kooperierte, soll nach Angaben der aktuellen Spiegel-Druckausgabe in zwei bislang unbekannten Dokumenten auftauchen, die angeblich im Herbst 1981 durch staatliche Behörden angefertigt wurden. Demnach sollen sich Verena Becker und ihre damalige Komplizin Brigitte Mohnhaupt im April 1977 in Bagdad aufgehalten haben, konnten damit also nicht an der Ermordung Bubacks beteiligt gewesen sein. Doch die Sache hat einen Haken: Polizeiliche Unterlagen, die heute im Hauptstaatsarchiv Stuttgart lagern, sprechen eine andere Sprache. So wurde Becker bei einer Gegenüberstellung als Bankräuberin identifiziert, die an Überfällen auf zwei Kreditinstitute in Köln und Düsseldorf (zusammen mit Günter Sonnenberg) teilgenommen hatte – wenige Tage nach den Morden von Karlsruhe. Nun ist es durchaus möglich, dass Becker zu diesem Zeitpunkt aus Bagdad zurückgekehrt war, aber nicht wahrscheinlich, denn der von der Polizei in Deutschland aufgebaute Fahndungsdruck war nach dem Karlsruher Attentat viel zu hoch, um sich dem Risiko einer Rückreise aus dem Irak auszusetzen. Somit vermitteln die seltsamerweise erst jetzt »gefundenen« Dokumente den Eindruck, sie seien Gefälligkeitspapiere für Verena Becker.

Die geriet in Verdacht, nachdem auf den Bekennerschreiben zum Buback-Mord im vergangenen Jahr ihre DNS-Spuren gefunden worden waren. Daraufhin wurde die Berliner Wohnung der Frau durchsucht und ihr Computer beschlagnahmt. Die Bekennerbriefe, so beweisen Unterlagen des BKA, wurden 1977 von Düsseldorf und Duisburg aus verschickt. Sollte Becker etwa auf die absurde Idee gekommen sein, vom Irak nach Deutschland zu reisen, nur um die Briefumschläge zuzukleben? Oder sollten diese Schreiben von ihr mit in den Irak genommen worden sein, um sie von dort aus nach Deutschland zu schicken, damit Mittäter sie dann im Rheinland in den Briefkasten steckten? Ganz davon abgesehen, dass diese bei einer Kontrolle hätten entdeckt werden können, hätten die Schreiben Wochen vor der Tat entworfen und verschickt werden müssen – ohne Garantie, dass sie auch wirklich angekommen wären. Schon diese Tatsachen legen den Schluss nahe, dass es sich bei den »zufällig« gefundenen Entlastungspapieren um frisierte Akten handelt.

Unterdessen fanden die Ermittler auf dem Computer Beckers interessante Formulierungen, die eben doch auf eine irgendwie geartete Beteiligung der heute 58-Jährigen am Buback-Mord schließen lassen. So hatte Becker immer wieder über Schuld und Täterwissen sinniert und bei einer Zugfahrt nach Mannheim, wo sie ihre Ex-Komplizen Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler traf, eine Art Reisebericht verfasst. »Wir kommen jetzt in die Kasseler Berge«, notierte Becker, »dort, wo die TB-Geschichte begann.« Die »TB-Geschichte« bezeichnet den Umstand, dass Becker 1978 angeblich an TBC erkrankte und in das Haftkrankenhaus der JVA-Kassel verlegt wurde. Hier soll der Kontakt zum Verfassungsschutz intensiviert worden sein – über einen als Geistlichen auftretenden Agenten. Schon kurz vor ihrer Verlegung hatte Verena Becker, noch in Stammheim inhaftiert, kryptische Briefe über einen Pfarrer aus Ludwigshafen-Oggersheim erhalten. Verfasst waren die Schreiben von einer »Frau Müller«, die in verschlüsselter Wortwahl offensichtlich wichtige Nachrichten im Zusammenhang mit dem Verfassungsschutz übermittelte. Sorgen hatte Becker in den zurückliegenden Monaten auch aufgrund der ihr zugeschriebenen Aussage, der ehemalige RAF-Täter Stefan Wisniewski habe Buback erschossen. Daraus entwickelte sich ein reger E-Mail-Kontakt zwischen ihr und Rolf Heißler, der schließlich ein Treffen zwischen Becker und Wisniewski an dessen Wohnort Köln einfädelte. Danach meldete sich Verena Becker erneut über E-Mail bei Heißler und konnte »Köln war beruhigend« vermelden.

 


Interesse an mehr Hintergrundinformationen?

 

Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen der Macht – und erfahren Sie, was die Massenmedien Ihnen verschweigen!

 

Lesen Sie weitere brisante Informationen im neuen KOPP Exklusiv. KOPP Exklusiv wird grundsätzlich nicht an die Presse verschickt und dient ausschließlich zu Ihrer persönlichen Information. Jede Ausgabe ist gründlich recherchiert, im Klartext geschrieben und setzt Maßstäbe für einen kritischen Informationsdienst, der nur unter ausgewählten Lesern zirkuliert und nur im Abonnement zu beziehen ist.

 

In der aktuellen Ausgabe finden sie unabhängige Hintergrundinformationen unter anderem zu folgenden Themen:

 

  • Geheime Pläne im Gesundheitswesen
  • Regierung will Deutschland entindustrialisieren
  • EU dreht Staubsaugern den Saft ab
  • Die neue Goldwährung

 

 

 

Das alles und viele weitere Kurzberichte im neuen KOPP Exklusiv, fordern Sie noch heute Ihr Probeabonnement an!

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Stammheim: Zeitreise in den RAF-Terror

Udo Schulze

Wenn sich in einer Woche die gut gesicherten Türen eines Gebäudes in Stuttgart öffnen und Journalisten wie Zuschauer erwartungsvoll eintreten, hat sich auch der Eingang zu einem Museum wider Willen aufgetan. Gemeint ist die »Mehrzweckgebäude« genannte Halle des berühmtesten Gefängnisses Deutschlands: Stuttgart-Stammheim. Hier fanden die großen  mehr …

Verena Becker: Steht neuer Ärger ins Haus?

Udo Schulze

Der Ex-RAF-Terroristin Verena Becker, die sich ab 30. September wegen des 33 Jahre zurückliegenden Mordes an dem damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback und dessen Begleitern in Stuttgart vor Gericht verantworten muss, steht möglicherweise neuer Ärger ins Haus: Weil sie in den vergangenen Jahren als Heilpraktikerin tätig war, wollen  mehr …

Rote Armee Fraktion: Schweizer halfen beim Buback-Mord

Udo Schulze

33 Jahre nach dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback glauben die deutschen Behörden den Fall jetzt endgültig lösen zu können und wollen Anklage gegen Verena Becker erheben. Geheimakten beweisen: Die heute 57-jährige RAF-Terroristin unterhielt enge Kontakte zum deutschen Inlandsgeheimdienst – und in die Schweiz!  mehr …

Becker-Prozess: Kommen Geheimdienste in Schwierigkeiten?

Udo Schulze

Wenn kommenden Monat vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart erneut ein Fall aufgerollt wird, der vor 33 Jahren ganz Deutschland erschütterte, kann das ungeahnte Folgen für deutsche Geheimdienste haben. Denn in dem anstehenden Prozess gegen die Ex-RAF-Angehörige Verena Becker um den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback spielen auch  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Kollision im Kosmos löst riesige Druckwelle aus

Andreas von Rétyi

Niederländische und deutsche Astrophysiker stießen jetzt auf ein unvergleichliches Phänomen im Universum. Mit mehreren Radioteleskopen beobachteten sie einen mehrere Millionen Lichtjahre langen Materiebogen, das Ergebnis einer der mächtigsten Kollisionen, wie sie sich überhaupt im All ereignen können – wenn nicht nur einzelne Galaxien  mehr …

Die 64 Hexagramme des I Ging: Hexagramm 17 »Sui« – Das Anpassen, die Nachfolge

Brigitte Hamann

Kein anderes Weisheitsbuch hat die Welt über Jahrtausende so fasziniert wie das I Ging. Das »Buch der Wandlungen« ist mehr als ein Orakel, es ist eine Lebensschule. Wir können weiser, glücklicher und erfolgreicher werden, wenn wir uns mit seinen Texten befassen – so als wären sie ein Meditationsgegenstand.  mehr …

Fraktionskampf im Kreml gewinnt hinsichtlich Iran an Schärfe

F. William Engdahl

In meiner Analyse »Neuer Machtkampf im Kreml zwischen Putin und Medwedew« habe ich vor Kurzem die These aufgestellt, hinter den Kulissen der internationalen Politik Russlands entwickle sich ein Bruch zwischen einer einflussreichen Fraktion der russischen Staatsbürokratie, die den derzeitigen Präsident Medwedew unterstütze, und einer zweiten Gruppe  mehr …

Fliegende Scheiben doch real? – Hochrangige Militärs sagen aus

Andreas von Rétyi

Das Thema gilt weithin als anrüchig und unseriös: UFOs. Schnell lassen die kleinen grünen Männchen grüßen, hinzu kommen unsägliche Sektierei, Scharlatanerie und vermeintliche Außerirdische als Ersatzreligion. Sicher, das gibt es alles. Und manchmal wird auch die Venus oder ein Wetterballon für ein UFO gehalten, gar keine Frage. Genau damit wäre  mehr …

CDU bald bei 15 Prozent? Rechtsdemokraten bringen sich in Stellung

Torben Grombery

Während sich die europäischen Rechtsdemokraten bei steigender Beliebtheit weiter formieren und in immer mehr westeuropäische Parlamente einziehen, halten Internetnutzer den Absturz der Christlich Demokratischen Union (CDU) auf die 15-Prozent-Marke bis zur nächsten Bundestagswahl für wahrscheinlich.  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.