Google Street View: Durchblick bis auf den Mittagstisch
Udo Schulze
Nicht mehr lange und es brechen paradiesische Zeiten für allerlei dunkle Elemente an. Besonders professionelle Einbrecher könnten sich über den Start des umstrittenen Google-Projekts Street View (deutsch: Straßeneinblick) die Hände reiben. Zeigen die Bilder im Internet doch detailgetreue Aufnahmen von Häusern, Straßen und Geländen. Wer sein Haus im Netz nicht abgebildet sehen will, kann zwar ab kommender Woche über einen Button im Internet dafür sorgen, aber ganz so einfach ist die Sache nicht.
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Bereits seit Jahren fahren die ominösen Kamerawagen von Google durch die 20 größten Städte Deutschlands und schießen Rundumaufnahmen aus einer Höhe von zwei Metern. Allein das, so der Eigentümerverband »Haus und Grund«, sei Anlass genug, Widerspruch gegen die Veröffentlichung einzulegen. Denn bei einer Höhe von zwei Metern falle der durch Hecken und Sichtblenden gebotene Schutz komplett weg. Betrachter der Bilder können also jedem ins Haus blicken – bis auf den Mittagstisch. Doch nicht nur das sorgt bei Datenschützern für Aufregung. Google, weiß der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar, hat sich lediglich auf Druck der Behörden in Deutschland dazu entschlossen, die Möglichkeit des Widerspruchs einzuräumen. Dabei ging der US-Konzern äußerst raffiniert vor, wie viele finden. Denn es können nur rein terminliche Gründe dafür vorliegen, dass die Frist zum Widerspruch lediglich vier Wochen beträgt, und die Tatsache, dass diese vier Wochen mitten in die deutschen Sommerferien fallen, muss reiner Zufall sein. Dabei ergeht es den Deutschen in dieser Frage noch am besten. In der Schweiz besteht bis dato überhaupt keine Möglichkeit, sich gegen die Veröffentlichung von Bildern des eigenen Hauses zu wehren. Bedenken bestehen auch gegenüber der Datensammlung von Google Street View. Zwar werden nach Angaben des Unternehmens die beanstandeten Bilder unkenntlich gemacht, allerdings ist Google dann noch immer in Besitz der Daten wie Name und Adresse des Widersprechenden. Und was damit geschehen kann, ist bislang völlig unklar.
Google selbst verspricht sich von dem neuen Programm erhebliche Werbeeinnahmen. Demnach seien in den 20 deutschen Städten, in denen Street View starten soll, sämtliche Restaurants mit Umgebung aufgenommen worden. Die Internetnutzer könnten so bequem zumindest die äußere Qualität der Häuser prüfen, argumentiert das Unternehmen. Zudem würden schon jetzt zahlreiche Menschen – auch von Deutschland aus – über Street View ihren Auslandsurlaub planen. Allerdings stellt sich die Frage, ob Google eine Investition über zig Millionen Euro gestartet hat, nur damit Internetnutzer ihren Urlaub besser planen oder das Restaurant fürs Abendessen leichter aussuchen können. Ein so detailgetreuer Einblick in die Privatsphäre
mehrerer Millionen Menschen lässt nämlich auch Szenarien zu, die sich keiner wirklich vorstellen möchte. Ohne sich verdächtig zu machen und öffentlich in Erscheinung zu treten, könnten Terroristen beispielsweise vom Schreibtisch aus auf die Suche nach geeigneten Objekten für einen Bombenanschlag gehen. Ein- und Ausgänge an Bahnhöfen und Flughäfen, der nächste Fluchtweg, die größtmögliche Entfernung zur nächsten Polizeistation? Alles kein Problem dank Street View! Auch professionellen Einbrecherbanden, die es in Deutschland zuhauf gibt, spielt das Spionageprogramm von Google kräftig in die Hände. Mal eben das Villenviertel einer Großstadt aufrufen und nach dem am leichtesten zu knackenden Haus suchen wird dann zum virtuellen Vergnügen.
So laut der Bundesdatenschutzbeauftragte auch aufbegehrt, ganz ungelegen kommt Street View bestimmten staatlichen Einrichtungen nicht. An erster Stelle stehen dabei Geheimdienste wie Verfassungsschutz und MAD (Militärischer Abschirmdienst) der Bundeswehr, aber auch verdeckt operierende Polizeiabteilungen. Ein gefundenes Fressen für die Befürworter des Überwachungsstaats.
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