Sunday, 29. May 2016
13.08.2010
 
 

Loveparade: Interne Unterlagen belasten Sicherheitsexperten

Udo Schulze

Der Loveparade-Skandal nimmt kein Ende. Während sich die öffentliche Diskussion um die Verantwortlichen inzwischen gelegt hat und »Qualitätsmedien« die Sache weitestgehend ruhen lassen, kommen immer mehr unrühmliche Tatsachen ans Licht. Eine davon: Sicherheitsexperte Prof. Dr. Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen spielt eine immer ominösere Rolle.

Wie Kopp-online vorliegende interne Unterlagen beweisen, hat Schreckenberg von der Stadt Duisburg offensichtlich doch eine erhebliche Summe für eine Sicherheitsprüfung des Geländes am alten Güterbahnhof erhalten. Hier ereignete sich am 24. Juli 2010 die Loveparade-Katastrophe mit 21 Toten. Wie bereits berichtet, hatte Schreckenberg laut Deutschlandfunk (DLF) einen solchen bezahlten Auftrag dementiert, da er fachlich dazu überhaupt nicht ausgebildet sei. Aus dem Schreiben der Stadt Duisburg an den Wissenschaftler geht jedoch eindeutig das Gegenteil hervor, da es in dem Brief des Dezernats für Sicherheit und Recht heißt: »Wie wir bereits bei unserem gemeinsamen Termin am 12. 5. 2010 besprochen haben, bestätige ich hiermit Ihren Prüfauftrag für die bestehenden Planungen der Zu- und Abwege sowie des Veranstaltungsgeländes für die Loveparade 2010 in Duisburg. Gleichzeitig bestätige ich die vereinbarte Vergütung von 20.000 Euro (inkl. Mehrwertsteuer). Duisburg, 21. 05. 2010.«

War es ein Gefälligkeitsgutachten im Auftrag der Stadt und deren Verwaltungschef Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU)? Teile des Duisburger Stadtrats, dem die Unterlagen bislang noch nicht vorlagen, diskutieren diese Variante seit dem schrecklichen Ende der Loveparade intensiv, sind aber noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen. Unterdessen wurde Kopp-online auch bekannt, dass das Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung rund fünf Wochen vor der Todesparade, was die notwendigen Papiere zur Genehmigung der Veranstaltung anging, praktisch mit leeren Händen dastand. In einem sechs Seiten langen Schreiben an den Veranstalter Lopavent GmbH in Berlin listet das Amt die fehlenden Unterlagen detailliert auf. Wichtigste Punkte in dem Brief: »Obwohl die bisher vorgelegten Unterlagen nicht ausreichend, teilweise unbestimmt und nicht geeignet sind, eine hinreichend bestimmte Genehmigung erteilen zu können, sind allerdings aus den Angaben bereits bestimmte Punkte erkennbar, die Fragen zur Genehmigungsfähigkeit aufwerfen.« Auf Deutsch: Selbst die mageren Angaben des Veranstalters zur Sicherheit der Loveparade waren bereits derart ungeeignet, dass die Beamten im Duisburger Rathaus schon zu diesem Zeitpunkt ein Scheitern der Parade prognostizierten. Und weiter: » […] ergibt sich gemäß der von Ihnen angegebenen Gesamtfläche von 11.000 Quadratmetern eine max. Gesamtpersonenzahl von 220.000 Personen. Hierbei sind jedoch noch die dem allgemeinen Besucherverkehr nicht zur Verfügung stehenden Flächen für Sanitätsdienste, Catering- und Gastronomiestände, Toiletten, Bühnen, Techniktürme, etc. abzuziehen, sodass sich die Zahl weiter verringern könnte.«

Allein bei dieser Besucherzahl – die tatsächliche lag laut Veranstalter bei 1,4 Millionen – konnte die Sicherheitslage nach Angaben der Stadt Duisburg nicht zufriedenstellend sein. Darauf wird in dem Schreiben deutlich hingewiesen: »Somit müssten für angenommene 220.000 Personen Ausgänge in einer Breite von 440 Metern zur Verfügung stehen. Gemäß Ihrer Aufstellung stehen allerdings nur 154,8 Meter in der Summe zur Verfügung, was nur für knapp ein Drittel der Besucherinnen und Besucher eine gesicherte Entfluchtung gewährleisten würde.« Innerhalb von sechs Minuten, so das Amt, müsse der Platz am alten Güterbahnhof von Menschen befreit werden können, deswegen könne »der Antrag aufgrund der fehlenden Unterlagen nicht abschließend bearbeitet werden«. Dass es dennoch dazu kam, könnte an einem Brief des durch den Veranstalter beauftragten Rechtsanwalts an die Stadt Duisburg gelegen haben. Der beantragte am 19. Juli 2010 bei OB Adolf Sauerland persönlich eine Sondernutzungserlaubnis, die er u. a. damit begründete, dass »im Rahmen des gemeinsam mit der Stadt Duisburg erarbeiteten Sicherheitskonzepts [festgelegt] wurde, die Eingänge für die Loveparade vor die Brückenköpfe der Unterführung Karl-Lehr-Straße zu ziehen. Von der Veranstalterin beauftragtes Ordnungspersonal beobachtet die Besucher und das Zustromverhalten im Eingangsbereich, um hierauf in Abstimmung mit der Polizei reagieren zu können.«

Wie die Parade endete, ist bekannt.

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Loveparade: Was treibt die Duisburger Polizeiführung?

Redaktion

Schon bei der ersten Pressekonferenz zu den schrecklichen Ereignissen der Loveparade hat auch die Polizeiführung von Duisburg ein erbärmliches Bild abgegeben. Jetzt wurde bekannt, dass ein hochrangiger Kriminalbeamter der Duisburger Polizei eine Sichtung sichergestellter Beweismittel vorgenommen hat, obwohl die Ermittlungen aus  mehr …

Loveparade: Ex-Ministerpräsident Rüttgers soll Druck ausgeübt haben

Udo Schulze

Jetzt kommt es in Sachen Loveparade ganz dicke: Nordrhein-Westfalens ehemaliger Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) soll im Vorfeld der Todesparade massiven Druck auf die Stadtverwaltung Duisburg ausgeübt haben.  mehr …

Loveparade: WDR-Moderatoren entdecken die Heiterkeit dieser Tage

Udo Schulze

In Nordrhein-Westfalen, Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, gibt es einen Haussender. Der heißt WDR (Westdeutscher Rundfunk), hat zwei große Komplexe in Köln und Düsseldorf und in fast jeder NRW-Großstadt ein Außenstudio. Das Flaggschiff der Fernsehabteilung: Eine Sendung namens »Aktuelle Stunde«, die täglich abends von 18.50 Uhr bis  mehr …

»Loveparade«: Asbest, Computersimulationen und eine Katastrophenübung

Udo Schulze

Die schrecklichen Ereignisse der »Loveparade« von Duisburg und kein Ende. Während die Verantwortlichen in Verwaltung, Politik und beim Veranstalter noch immer ein schamloses Spiel um die Schuldfrage betreiben, kommen derzeit immer mehr Einzelheiten über den »Todessamstag« ans Tageslicht. Die »Qualitätsmedien« schweigen hingegen zu wichtigen  mehr …

Abstieg der Verantwortungslosen: das Trauerspiel nach der »Loveparade«

Udo Ulfkotte

Es gibt Menschen, über die auch nach den schrecklichen Ereignissen der Duisburger »Loveparade« in manchen Medien noch immer erstaunlich positiv berichtet wird. Dazu gehört etwa Rainer Schaller, Veranstalter der »Loveparade« und Geschäftsmann hinter der Fitnesskette »McFit«. Die Hofberichterstattung vieler Journalisten wird wohl erst verständlich,  mehr …

»Loveparade«: Sind die 21 Toten Opfer politischer Machtspiele?

Udo Schulze

Die Bilder der Massenpanik von Duisburg sind längst durch Presse und TV gelaufen. Öffentliche Beileidsbekundungen gab es. Gegner und Befürworter der Loveparade haben ihre Argumente ausgetauscht. Jetzt sollte es konzentriert an die Analyse des Unglücks gehen. Doch tatsächlich hat sich daraus eine Katastrophe nach der Katastrophe ergeben.  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Mit Japan geht es weiter bergab

Michael Grandt

Um das »Land des Lächelns« ist es nicht gut bestellt. Harte Fakten zeigen, warum auch in den nächsten Jahren mit keiner Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu rechnen ist und es sogar noch schlimmer kommen könnte.  mehr …

Loveparade: Was treibt die Duisburger Polizeiführung?

Redaktion

Schon bei der ersten Pressekonferenz zu den schrecklichen Ereignissen der Loveparade hat auch die Polizeiführung von Duisburg ein erbärmliches Bild abgegeben. Jetzt wurde bekannt, dass ein hochrangiger Kriminalbeamter der Duisburger Polizei eine Sichtung sichergestellter Beweismittel vorgenommen hat, obwohl die Ermittlungen aus  mehr …

Loveparade: Ex-Ministerpräsident Rüttgers soll Druck ausgeübt haben

Udo Schulze

Jetzt kommt es in Sachen Loveparade ganz dicke: Nordrhein-Westfalens ehemaliger Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) soll im Vorfeld der Todesparade massiven Druck auf die Stadtverwaltung Duisburg ausgeübt haben.  mehr …

Freitag, der 13.: Mythos, Aberglaube oder mehr?

Udo Schulze

Vorsicht, wenn Sie morgen das Haus verlassen und mit dem Auto unterwegs sind. Unterschreiben Sie keine Verträge und verschieben Sie riskante Arbeiten besser um mehrere Tage, denn an einem Freitag, dem 13. sollte man sich lieber zurückhalten, um ja kein Unglück heraufzubeschwören. Alles Quatsch? Einige Fakten sprechen allerdings dafür, dass es mit  mehr …

Flut in Pakistan: Die »Ungläubigen« müssen bezahlen

Udo Ulfkotte

In Pakistan leben Menschen, die regelmäßig aus reinem Hass auf den Westen Flaggen europäischer Staaten verbrennen. Als Gutmenschen haben wir das stets ignoriert. Um unsere große Toleranz zu bekunden, haben wir stattdessen die Entwicklungshilfe erhöht. Von diesem Geld hat man in keinem Falle Dämme gegen die alljährlichen Folgen des Monsunregens  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.