Loveparade: Interne Unterlagen belasten Sicherheitsexperten
Udo Schulze
Der Loveparade-Skandal nimmt kein Ende. Während sich die öffentliche Diskussion um die Verantwortlichen inzwischen gelegt hat und »Qualitätsmedien« die Sache weitestgehend ruhen lassen, kommen immer mehr unrühmliche Tatsachen ans Licht. Eine davon: Sicherheitsexperte Prof. Dr. Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen spielt eine immer ominösere Rolle.

Wie Kopp-online vorliegende interne Unterlagen beweisen, hat Schreckenberg von der Stadt Duisburg offensichtlich doch eine erhebliche Summe für eine Sicherheitsprüfung des Geländes am alten Güterbahnhof erhalten. Hier ereignete sich am 24. Juli 2010 die Loveparade-Katastrophe mit 21 Toten. Wie bereits berichtet, hatte Schreckenberg laut Deutschlandfunk (DLF) einen solchen bezahlten Auftrag dementiert, da er fachlich dazu überhaupt nicht ausgebildet sei. Aus dem Schreiben der Stadt Duisburg an den Wissenschaftler geht jedoch eindeutig das Gegenteil hervor, da es in dem Brief des Dezernats für Sicherheit und Recht heißt: »Wie wir bereits bei unserem gemeinsamen Termin am 12. 5. 2010 besprochen haben, bestätige ich hiermit Ihren Prüfauftrag für die bestehenden Planungen der Zu- und Abwege sowie des Veranstaltungsgeländes für die Loveparade 2010 in Duisburg. Gleichzeitig bestätige ich die vereinbarte Vergütung von 20.000 Euro (inkl. Mehrwertsteuer). Duisburg, 21. 05. 2010.«
War es ein Gefälligkeitsgutachten im Auftrag der Stadt und deren Verwaltungschef Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU)? Teile des Duisburger Stadtrats, dem die Unterlagen bislang noch nicht vorlagen, diskutieren diese Variante seit dem schrecklichen Ende der Loveparade intensiv, sind aber noch zu keinem abschließenden Ergebnis gekommen. Unterdessen wurde Kopp-online
auch bekannt, dass das Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung rund fünf Wochen vor der Todesparade, was die notwendigen Papiere zur Genehmigung der Veranstaltung anging, praktisch mit leeren Händen dastand. In einem sechs Seiten langen Schreiben an den Veranstalter Lopavent GmbH in Berlin listet das Amt die fehlenden Unterlagen detailliert auf. Wichtigste Punkte in dem Brief: »Obwohl die bisher vorgelegten Unterlagen nicht ausreichend, teilweise unbestimmt und nicht geeignet sind, eine hinreichend bestimmte Genehmigung erteilen zu können, sind allerdings aus den Angaben bereits bestimmte Punkte erkennbar, die Fragen zur Genehmigungsfähigkeit aufwerfen.« Auf Deutsch: Selbst die mageren Angaben des Veranstalters zur Sicherheit der Loveparade waren bereits derart ungeeignet, dass die Beamten im Duisburger Rathaus schon zu diesem Zeitpunkt ein Scheitern der Parade prognostizierten. Und weiter: » […] ergibt sich gemäß der von Ihnen angegebenen Gesamtfläche von 11.000 Quadratmetern eine max. Gesamtpersonenzahl von 220.000 Personen. Hierbei sind jedoch noch die dem allgemeinen Besucherverkehr nicht zur Verfügung stehenden Flächen für Sanitätsdienste, Catering- und Gastronomiestände, Toiletten, Bühnen, Techniktürme, etc. abzuziehen, sodass sich die Zahl weiter verringern könnte.«
Allein bei dieser Besucherzahl – die tatsächliche lag laut Veranstalter bei 1,4 Millionen – konnte die Sicherheitslage nach Angaben der Stadt Duisburg nicht zufriedenstellend sein. Darauf wird in dem Schreiben deutlich hingewiesen: »Somit müssten für angenommene 220.000 Personen Ausgänge in einer Breite von 440 Metern zur Verfügung stehen. Gemäß Ihrer Aufstellung stehen allerdings nur 154,8 Meter in der Summe zur Verfügung, was nur für knapp ein Drittel der Besucherinnen und Besucher eine gesicherte Entfluchtung gewährleisten würde.«
Innerhalb von sechs Minuten, so das Amt, müsse der Platz am alten Güterbahnhof von Menschen befreit werden können, deswegen könne »der Antrag aufgrund der fehlenden Unterlagen nicht abschließend bearbeitet werden«. Dass es dennoch dazu kam, könnte an einem Brief des durch den Veranstalter beauftragten Rechtsanwalts an die Stadt Duisburg gelegen haben. Der beantragte am 19. Juli 2010 bei OB Adolf Sauerland persönlich eine Sondernutzungserlaubnis, die er u. a. damit begründete, dass »im Rahmen des gemeinsam mit der Stadt Duisburg erarbeiteten Sicherheitskonzepts [festgelegt] wurde, die Eingänge für die Loveparade vor die Brückenköpfe der Unterführung Karl-Lehr-Straße zu ziehen. Von der Veranstalterin beauftragtes Ordnungspersonal beobachtet die Besucher und das Zustromverhalten im Eingangsbereich, um hierauf in Abstimmung mit der Polizei reagieren zu können.«
Wie die Parade endete, ist bekannt.
© 2010 Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, Rottenburg
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.