Loveparade: WDR-Moderatoren entdecken die Heiterkeit dieser Tage
Udo Schulze
In Nordrhein-Westfalen, Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, gibt es einen Haussender. Der heißt WDR (Westdeutscher Rundfunk), hat zwei große Komplexe in Köln und Düsseldorf und in fast jeder NRW-Großstadt ein Außenstudio. Das Flaggschiff der Fernsehabteilung: Eine Sendung namens »Aktuelle Stunde«, die täglich abends von 18.50 Uhr bis 19.30 Uhr über die Mattscheibe flimmert. Im Zusammenhang mit der »Loveparade«-Tragödie haben sich die Moderatoren der »AKS« am vergangenen Mittwoch eine besondere Pietätlosigkeit erlaubt.

Schon zu Beginn der Sendung wirkten Thomas Bug und Susanne Wieseler im Verlesen der Meldung über das 21. Todesopfer der Duisburger Parade seltsam abgestumpft. Bei der Toten handele es sich um eine 25-jährige Frau aus Heiligenhaus (bei Essen) hieß es lapidar. Dann gingen die Moderatoren nahtlos zur Anmoderation eines Stücks zu Schuldfrage und Umgang mit den Hinterbliebenen über. Keine Spur von echter Trauer, kein Bedauern, stattdessen business as usual (Deutsch: alles wie gewohnt). Da werden sich zahlreiche Zuschauer gefragt haben, ob die Trauerbekundungen der Moderatoren Tage zuvor reine Schauspielerei waren. Die triefenden Blicke, die herabhängenden Mundwinkel und der ernste Blick in die Kamera zur gedämpften Stimme. Man hat halt den Betroffenen darzustellen, wenn ein schreckliches Ereignis eintritt. Eine Fassade, die selbst bei in diesem Bereich Geübten nicht lange aufrechterhalten werden kann – vier Tage lang vielleicht.
Doch es kam noch schlimmer: Als Bug, übrigens von 2002 bis 2004 Mitglied der Jury von Deutschland sucht den Superstar und beim WDR Spaßmacher vom Dienst, den letzten Beitrag vor dem Wetter anmoderierte, hatten er und seine Kollegin Wieseler sich bereits meilenweit von dem entfernt, was den Tag in Nordrhein-Westfalen thematisch bestimmt hatte, die tödliche Loveparade. Bestens gelaunt gerieten die beiden Journalisten über Tätowierungen ins Plaudern, womit sich auch der nächste Beitrag beschäftigte. Bug bezeichnete sich selber als out, weil er kein Tattoo trage, Susanne Wieseler hingegen sei in, weil sie sich »drei Buchstaben auf den Popo gemacht« habe. Mit gespielter Empörung schlug Wieseler anschließend mit ihren Karteikarten nach dem Kollegen. Und wie im Höhepunkt des Kölner Karnevals griente der in die Kamera und meinte in Richtung Zuschauer: »Das haben sie gesehen oder?« Wieseler, sich vor Lachen fast biegend: »Das haben sie gehört oder?« Soso, mag sich da so mancher nicht nur in Nordrhein-Westfalen gedacht haben, ausgerechnet in dem Bundesland der Loveparade-Tragödie herrscht beim staatlichen Landessender, immerhin ein »Qualitätsmedium«, an dem Tag, an dem das 21. Opfer stirbt, ausgelassene Heiterkeit vor der Kamera.
An dieser Stelle sei einmal daran erinnert, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch einen Bildungsauftrag hat und die »Aktuelle Stunde« zu einer Sendezeit läuft, zu der auch Kinder und Jugendliche vor dem TV-Gerät sitzen. Zu diesem Auftrag gehört nicht nur die Übermittlung von Informationen und Wissen, sondern auch eine pädagogische Vorbildfunktion für jene, um die sich der WDR angeblich doch so bemüht: Jugendliche und junge Erwachsene. Vielleicht sollten Herr Bug und Frau Wieseler in der Mittagspause mal eben zur Düsseldorfer Staatskanzlei hinübergehen. Sie brauchen dafür ja nur das WDR-Gebäude zu verlassen und die paar Schritte nach links (aber nicht zwischendurch in eines der Cafes) gehen, dann rechts und wieder nur ein paar Schritte. Dann sind sie bei Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Die wird den beiden »Spaßvögeln« das mit dem Bildungsauftrag sicherlich gern noch einmal erklären.
Bilder: WDR (2), Wikipedia
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