RAF: Wie aus einem Agenten ein »Zufallsopfer« wurde
Udo Schulze
Bis heute gilt Ian McLeod offiziell als Zufallsopfer eines Polizeieinsatzes in Stuttgart: Während der »bleiernen Zeit«, der Jahre des RAF-Terrors in der Bundesrepublik, kam es mehrfach vor, dass unbeteiligte Bürger bei Polizeikontrollen ihr Leben verloren. Darunter ein selbstständiger Techniker aus Essen, ein Taxifahrer aus München, ein Schäfer aus Wetzlar und ein jugendlicher Raser aus der Nähe von Tübingen. Doch um den Tod des Schotten rankt sich ein Geheimnis, das die Behörden bis zum heutigen Tag der Öffentlichkeit vorenthalten.


Es ist die Nacht zum 25. Juni 1972, circa drei Uhr, als sich ein Trupp schwer bewaffneter und vermummter Polizisten zu einem anonymen Wohnblock in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart schleicht. Die Männer haben ein Appartement in der fünften Etage als Ziel. Ihr Auftrag: RAF-Fahndung! In dem Haus sollen sich gefährliche Terroristen oder deren Helfer aufhalten. Dort hat aber auch der Schotte Ian McLeod seine Bleibe. Der Mann gehört zum britischen Konsulat und gilt nebenbei als Handelsvertreter, der Mitarbeiter zu den damals noch üblichen Haustürgeschäften schickt, um Besen, Schrubber und Bürsten unter die Leute zu bringen.
Ein tödliches Versehen?
Irgendetwas muss in dieser Nacht bei der Koordination des Einsatzes schief gelaufen sein, denn die Spezialkräfte der Polizei dringen zwar blitzschnell in die fünfte Etage des Hauses vor, doch sie postieren sich vor der falschen Wohnungstür, klopfen und klingeln dort. Als der Schotte schlaftrunken öffnet, blickt er in die Läufe von Maschinenpistolen und knallt die Tür vor Schreck wieder zu. Dann fällt ein Schuss. Hinter der geschlossenen Tür schreit McLeod kurz auf, dann bricht er tot zusammen. Ein bedauerlicher Zwischenfall, der durch nichts zu entschuldigen ist, wird es später offiziell heißen. Der Mann sei zur falschen Zeit einfach am falschen Ort gewesen, resümiert die Öffentlichkeit – und der Fall Ian McLeod gerät langsam in Vergessenheit. So lautet auch heute noch die offizielle Version der Geschehnisse.
Nicht einmal die halbe Wahrheit
Wie Kopp Online jetzt aus Behördenkreisen erfuhr, liegt in diesem Fall die ganze Wahrheit seit Jahrzehnten verschlossen in den Panzerschränken diverser Geheimdienste und des baden-württembergischen Landeskriminalamtes (LKA). Demnach war Ian McLeod nicht irgendein Schotte, sondern Agent des britischen Auslandsgeheimdienstes MI 6 (Military Intelligence, Section 6), der zur Tarnung einen unbedeutenden Job am britischen Konsulat in Stuttgart hatte.
Sein wirklicher Auftrag war sehr viel heikler als der Verkauf von Bürsten oder Verwaltungsarbeit am Schreibtisch. McLeod war auf die PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) angesetzt, die eine Basis in Stuttgart gehabt haben soll. Unter der theoretischen Führung des Kinderarztes und KGB-Mannes Waddi Haddad (der 1978 im damals noch in Ostberlin gelegenen Krankenhaus Charité an vergifteten Pralinen starb, Bild rechts) hatten die Araber am 13. Oktober 1977 die Lufthansa-Maschine »Landshut« auf ihrem Weg von Mallorca nach Frankfurt/Main entführt, um die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe aus der Haft in Stuttgart-Stammheim freizupressen. Angehörige der deutschen Spezialeinheit GSG9 befreiten die 68 Geiseln schließlich am 18. Oktober auf dem Flughafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu.
Zusammen mit IM »Thaler«
War der Tod von McLeod vor diesem Hintergrund wirklich nur Zufall oder wusste er zu viel über die Praktiken des Staates im Zusammenhang mit der RAF und anderen Terrorgruppen? Hatten ihn die Palästinenser »umgedreht« und zu einem der ihren gemacht, was seine britischen Auftraggeber erfuhren, um anschließend den Fall zusammen mit den Deutschen »ad acta« zu legen? Vor drei Jahren gewährte der Deutsche Bundestag intern einen kleinen Einblick in das Geheimnis um McLeod, indem er eher beiläufig in der Drucksache 16/6892 vom 31. Oktober 2007 erwähnte, der Schotte habe in einer »ehemals von RAF-Terroristen angemieteten Wohnung« gelebt. Demnach konnten die Beamten also nicht zufällig bzw. aufgrund eines Irrtums vor der Tür des Agenten gestanden haben. Sie wussten also, dass das Appartement Terroristen als Vormieter hatte. Das riecht geradezu nach einer Geheimdienstaktion, in der McLeod an die RAF hätte herangeführt werden sollen. Nur hatten die Agentenführer des Schotten es offenbar »vergessen«, der Polizei, eine entsprechende Mitteilung zu machen.

Immerhin hatte sich das spätere Polizei-Opfer im Dunstkreis des Stasi-IM »Thaler« und RAF-Anwalts Klaus Croissant aufgehalten. Der Stuttgarter Advokat galt als Schaltstelle zwischen den inhaftierten Terroristen und den Aktiven draußen. Nahezu alle Mitglieder der zweiten RAF-Generation hatten in seiner Kanzlei gearbeitet. McLeod wohnte zeitweise zusammen mit Croissant in ein- und derselben Straße, was kein Zufall gewesen sein kann. Denn in einem internen Papier des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 1972 wird darauf hingewiesen, dass der Schotte »Geschäftsmann und Mitarbeiter eines britischen Geheimdienstes« gewesen sei.
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