Monday, 25. July 2016
08.09.2010
 
 

Rote Armee Fraktion: Schweizer halfen beim Buback-Mord

Udo Schulze

33 Jahre nach dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback glauben die deutschen Behörden den Fall jetzt endgültig lösen zu können und wollen Anklage gegen Verena Becker erheben. Geheimakten beweisen: Die heute 57-jährige RAF-Terroristin unterhielt enge Kontakte zum deutschen Inlandsgeheimdienst – und in die Schweiz!

Am Abend des 2. Mai 1977 steigen Verena Becker und ihr Komplize Günter Sonnenberg am Essener Hauptbahnhof in den D-209, der sie nach Singen am Hohentwiel, zehn Kilometer vor der Schweizer Grenze, bringt. Zu diesem Zeitpunkt werden sie bereits von einem deutschen Zielfahndungskommando beobachtet, dass später berichten wird, Becker und Sonnenberg seien in Begleitung von drei Unbekannten gereist. Während zwei Frauen den Zug in Bonn wieder verlassen, trennt sich ein Mann erst in Karlsruhe von dem RAF-Pärchen. Mit im Gepäck haben Becker und Sonnenberg ein Schweizer Sturmgewehr Marke Heckler & Koch, ein HK 43, mehrere Revolver und Pistolen sowie an die 100 Schuss Munition. Mit dem Gewehr waren an Grün-Donnerstag, dem 7. April, Generalbundesanwalt Buback und zwei Sicherheitsbeamte in Karlsruhe ermordet worden. Die Terroristen wollen die Waffe wieder zurück in die Schweiz bringen, wo Helfer sie 1975 für die RAF besorgt hatten. In Singen eingetroffen betritt das Paar ein Café, um zu frühstücken. Doch es wird von einer Kundin erkannt und der Polizei gemeldet. Bei der anschließenden Überprüfung ihrer Personalien ziehen Sonnenberg und Becker ihre Waffen und feuern auf die Beamten. Dabei werden die Terroristen durch Polizeikugeln getroffen und schwer verletzt. So endet in den Uferwiesen der Aach die Flucht nach einem der spektakulärsten Morde in der Geschichte des deutschen Linksterrorismus.

 

Unbekannte Spur in die Schweiz

Drei Jahrzehnte später soll nun wegen des Buback-Mordes Anklage gegen Verena Becker erhoben werden. Zu verdanken ist das dem Sohn des Opfers, Professor Michael Buback. Seine Frau und er recherchierten im Fall des erschossenen Vaters über Jahre hinweg auf eigene Faust und stießen auf geheime Verbindungen Beckers zum Verfassungsschutz, auf eine schützende Hand des Staates für die Terroristin, die stets vom Verdacht der Mittäterschaft ferngehalten worden war. Und auf eine bislang unbekannte Spur in die Schweiz, von wo nicht nur die Mordwaffe stammte, sondern auch ein Netz von Helfershelfern der RAF installiert war. Die Vorbereitungen auf den Mordanschlag von Karlsruhe wurden in einer wichtigen Phase von der Schweiz aus getroffen. Doch für das Attentat auf den Generalbundesanwalt wurde Becker nie zur Verantwortung gezogen. Lediglich die Tat von Singen büßte sie von 1977 bis 1989 mit Haft.

In der Habe von Becker und Sonnenberg finden Ermittlungsbeamte des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA) in Singen alarmierende Hinweise. Neben 2.200 Schweizer Franken führen die RAF-Terroristen Landkarten der Gemeinde Diessenhofen, auf denen illegale Fluchtwege in die Schweiz eingezeichnet sind, mit sich. Eine Quittung verrät, dass das Paar am Abend zuvor im Hauptbahnhof von Essen 20 Kilogramm geheimnisvolles Reisegepäck nach Zürich aufgegeben hatte. Zudem stellt sich bei der Überprüfung der Alias-Namen »Ladner«, »Hehr« und »Else Pohlmann« aus Beckers verfälschten Ausweisen durch die Schweizer Bundespolizei heraus, dass die Berlinerin in der Zeit vom 17. März bis 25. April 1977 fünf Mal in Hotels des Raums Zürich übernachtet haben muss – also vor und nach der Tat von Karlsruhe. In den Ermittlern keimt der Verdacht, dass das kein Zufall sein kann, sondern Teil eines perfiden Plans der Terroristen, sozusagen die erste zaghafte Spur eines in der Schweiz angesiedelten RAF-Unterstützernetzes. Erst im Zuge der Untersuchungen kristallisieren sich Einzelheiten dieser speziellen deutsch-schweizerischen Beziehung heraus.

 

Spezielle Verbindung

Dreh- und Angelpunkt der Liason zwischen der Schweiz und der Rote Armee Fraktion war eine in Zürich lebende Deutsche namens Petra Krause. Von ihren Quartieren in der Zürcher Wildbachstraße 48 und der Engelstraße 42 steuerte die Tochter jüdischer Eltern ab 1974 einen florierenden Waffenhandel für Terrorgruppen in ganz Westeuropa und dem Nahen Osten. »Annababi«, wie die zierliche Frau Mitte 30 damals in der Szene genannt wurde, hatte aufgrund ihrer deutschen Herkunft besonders enge Beziehungen zu den selbsternannten Revolutionären aus der Bundesrepublik entwickelt und unterstützte sie nach Kräften. Ihre Gefolgsleute, zu denen unter anderem die Schweizer Urs Städeli, Peter Egloff und Daniel von Arb zählten, schickte sie aus, um Waffendepots der Schweizer Armee auszuräumen. Die Beute bezifferten die eidgenössischen Ermittlungsbehörden später auf über 200 Gewehre, 523 Revolver und 346 Handgranaten, dazu mehrere Dutzend Minen. Davon profitierte auch die Gruppe um Verena Becker, deren Mitglieder sich ab 1975 immer häufiger in der Schweiz aufhielten. Zwei Jahre später wurden Krause und ihre Kumpanen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. »Annababi« jedoch konnte sich der Fürsorge einer weiblichen Parlamentarier-Gruppe aus Italien, dem Heimatland ihres Ehemannes, erfreuen und wurde dorthin abgeschoben – direkt in die Freiheit. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die klandestinen Treffen zwischen deutschen und schweizer Terroristen auf ein Höchstmaß angewachsen. Man traf sich zumeist in abgelegenen Orten auf deutscher Seite, suchte dort ein Restaurant auf, übergab das Geld und schlich sich anschließend zu einem Waldversteck, in dem die Waffen lagerten. Krause persönlich empfing am 31. Januar 1975 in Waldshut Verena Beckers Bandenchef Siegfried Haag. Über den Tisch gingen bei diesem Treffen eine Maschinenpistole Suomi, ein US-Polizeigewehr High Standard sowie mehrere Stielhandgranaten vom Typ HG 43. Im März lieferten die Schweizer noch einmal nach: eine Maschinenpistole der Marke Sub Mach Gun und eine Stange Cheddit-Sprengstoff.

Ein Teil der Waffen war für die Terroranschläge der RAF im »Deutschen Herbst« bestimmt, dessen genaue Strukturen erst jetzt ans Tageslicht kommen. So rätseln Schweizer Bundespolizei und das deutsche BKA noch immer über die Absichten eines RAF-Unterstützers, der im November 1976 mit einem Tübinger Pkw über das Zollamt Bietingen in die Schweiz einreiste. Vermutlich war auch er auf Kurierfahrt für die deutschen Terroristen und in die Planung des Buback-Attentates eingebunden, entglitt auf dem Territorium der Schweiz allerdings der Observation durch die Strafverfolger. Offensichtlich gehörte der Mann zu einer ganzen Reihe aktiver Helfer von Becker, Sonnenberg und deren Mittätern. Kurz vor der Aktion von Karlsruhe unternahmen selbst hochrangige Mitglieder der RAF verstärkt Reisen in die Schweiz und schlüpften über die grüne Grenze zu den abgeschotteten Treffen. Dabei müssen die Linksterroristen unter enormem Druck gestanden haben. Fehler schlichen sich ein. So am 5. Januar 1977, drei Monate vor dem Tode Bubacks, als Zollbeamte am Übergang bei Riehen eine mysteriöse Entdeckung machten. Im Schutz der Dunkelheit schlichen dort zwei Männer über einen nur Einheimischen bekannten Weg in Richtung Grenze. Als die beiden Grenzgänger von zwei Zöllnern kontrolliert wurden, fielen plötzlich Schüsse, einer der Beamten brach zusammen. Christian Klar, der sich mit gefälschten Papieren als Däne ausgewiesen hatte, und sein bis heute unbekannter Mittäter kaperten daraufhin ein Auto und flüchteten in die Nacht. Ihre Spur verlor sich.

 

Becker noch im Sommer vor Gericht?

Verena Becker, die aller Voraussicht nach noch in diesem Sommer vor Gericht stehen wird, gilt als Schlüssel im Fall Buback. Über sie wollen die Strafverfolger dann auch die endgültige Rolle der Schweiz klären. Dabei können sie auf Akten zurückgreifen, die vor rund 30 Jahren noch nicht zur Verfügung standen. Es sind die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Ihre Agenten wollen festgestellt haben, dass Becker und Sonnenberg nach dem Buback-Mord von der Schweiz aus nach Bayern reisen wollten – um dort den damals meistgesuchten Terroristen der Welt, den Venezulaner »Carlos«, zu treffen.

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