Sarrazin: Wenn der Boss leise Befehle gibt
Udo Schulze
Jean-Claude Trichet, Franzose und Noch-Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) ist ein Mann, der gerne aus dem Hintergrund agiert. Wie ein Capo dei Capi (Boss der Bosse) bei der Mafia entscheidet er über Wohl und Wehe so mancher Person. Eine kleine Geste hier, ein scheinbar unbedeutender Halbsatz dort. Wer das richtig deuten kann, kennt auch die Machtfülle dieses Mannes. Sein jüngstes Opfer: Thilo Sarrazin.
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Gestern, kurz vor der Sitzung des Bundesbank-Vorstandes zur Absetzung Sarrazins, hat er wieder gesprochen. Er verlasse sich darauf, so Trichet im Deutschlandfunk, dass der Vorstand der Bundesbank genau das Richtige bezüglich des anstehenden Falles tun werde. Für Bundesbankchef Axel Weber der ultimative Befehl zum Rausschmiss des umstrittenen Bankers und Politikers Thilo Sarrazin. Und so votierte der Vorstand denn auch einstimmig für die Amtsenthebung des Querkopfes. Hintergrund: Axel Weber will in den kommenden Wochen Trichet als Chef der EZB beerben. Und wenn er nicht ausführt, was der Franzose ähnlich einem Paten befiehlt, wird’s nix mit dem tollen Pöstchen. Und weil man in einer richtigen Familie vor allem zusammenhält, gab es in den vergangenen Tagen auch schon diskrete Hinweise aus Richtung des Bundespräsidenten, wonach Sarrazin im Vorstand der Bundesbank ja wohl nicht mehr zu halten sei. Das Pikante daran: Wulff muss letztlich »völlig neutral« über den Antrag des Bundesbankvorstandes zur Absetzung Thilo Sarrazins entscheiden. Wären wir im tiefsten Sizilien und nicht in Deutschland, säßen Wulff, Weber und manch andere »hohe« Herren und Damen in der »Cupola« zusammen. Als Kuppel bezeichnet sich jenes Gremium der Mafia, in dem sämtliche Familienoberhäupter versammelt sind, um über Art und Umfang des Endes unliebsam gewordener Mitglieder zu entscheiden. Nur schade für Weber und Freunde, dass die deutsche Bevölkerung zu einem Großteil da nicht mitzieht und die Entscheidungen von »höherer Position« aus leicht zu einem »il bacio di morte« (Todeskuss) werden können. Bei den nächsten Wahlen schon könnte es soweit sein.
Denn im Gegensatz zum Establishment in Berlin hat Sarrazin offenbar das geschrieben, was große Teile der Deutschen denken und fast täglich erleben. Es sind der LkW-Fahrer und die Verkäuferin hinter der Fleischtheke im Supermarkt, der Bauarbeiter und die Schaffnerin, der Straßenbahnfahrer und die Postbotin, die mit den Problemen durch nicht integrierte und nicht integrationswillige Migranten in ihrem Alltag konfrontiert sind. Vielleicht sollten die Herren
und Damen, die uns Denkvorgaben geben, einmal (nicht nur im Wahlkampf, bei dem meistens nur Anhänger der eigenen Partei zu den Veranstaltungen gehen) in die Verlegenheit kommen, mit Polizeibeamten im Ruhrgebiet, in Berlin, in Frankfurt/Main oder Köln zu sprechen. Denn dann könnte ihnen ein Licht aufgehen. Aber das soll es offenbar gar nicht, denn was von den »Gutmenschen« an Sarrazin tatsächlich kritisiert wird, ist dessen Mut zur Wahrheit, sein Selbstbewusstsein und seine Unbeugsamkeit. Mit diesen Attributen wären auch die Wulffs und Merkels, die Webers und Trichets, die Beckmanns und die Künasts gern ausgestattet. Und weil sie Sarrazin genau das neiden, bekämpfen sie ihn, also ihre eigene Unfähigkeit, Wahrheiten und Stimmungen innerhalb der Bevölkerung zu erkennen und aufzunehmen. Stellt euch nur vor: Das Volk kann selber denken, macht selbst Erfahrungen und will diese auch genannt wissen.
Ähnlich geht es in diesen Tagen auch dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Er macht sich für einen Rausschmiss Thilo Sarrazins aus der Partei stark – und musste bereits kleinlaut zugeben, dass er damit bei »seinem« Parteivolk nicht gerade auf Gegenliebe stößt. Das wird in einer E-Mail eines Mitgliedes an den Parteivorstand in Berlin deutlich, die auch KOPP online erreichte. Der Verfasser schreibt: »Vielleicht hat jemand in den Parteizentralen, welche sich zum Teil von der Realität immer weiter entfernen in Betracht gezogen, dass Thilo recht hat. Dabei gehört die Gen-Debatte nicht unbedingt in den Vordergrund, auch wenn es stimmt, was er sagt. Anhand der Gene
kann man die Herkunft der Indianer aus Asien festmachen, die Katharger als Nachkommen der Phönizier aus dem Libanon, und die Isländer als Isländer, das ist nun mal so. In den Zeiten der Kreuzzüge konnten die Eroberer über das hohe Wissenspotenzial der Araber nur so staunen, und die europäische Wissenschaft wurde durch die Araber beflügelt. Was ist aber in den 60-er Jahren in der BRD passiert? Die Ungebildetsten der Ungebildeten wurden nach Deutschland geholt. Redet doch einmal mit Eltern, die eine Elitesamenbank nutzen, warum nur? Das Kind lernt anders und ist zielstrebiger sowie ausdauernder, klüger. (…) Thilo hat ausgesprochen und verglichen, was täglich mit uns allen passiert. Wir werden verglichen, an anderen gemessen, selektiert – in der Politik, in der Wirtschaft, in Schulen und Universitäten – und wer Zahlen und Tendenzen verschläft, den bestraft das Leben.
Wenn Ihr Thilo rausschmeißt, werde ich die SPD auch verlassen. Gruß, Andre S.«
Übrigens: Saubermann Trichet hatte vor sieben Jahren erhebliche Image-Probleme. Damals lief in Paris ein Prozess wegen Bilanzfälschung gegen ihn. Im Raum stand der Vorwurf, er und andere hätten drei Milliarden Euro Verluste einer staatlichen Bank verschleiert. Trichet wurde freigesprochen.
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