
Sarrazin versteht es, auf den 450 Seiten seines Buches ein an Fakten orientiertes Bild der deutschen Gesellschaft zu zeichnen. Ein Bild, das nicht durch bunte Farben und Arrangements besticht, sondern durch Teile der Realität, die den Leser betroffen machen. Angefangen vom Beginn des wirtschaftlichen Aufstiegs nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur heutigen ökonomisch-sozialen Situation legt Sarrazin schonungslos offen, was zum Niedergang dieser Gesellschaft entscheidend beigetragen hat, nämlich unter anderem die Haltung großer Bevölkerungsteile gegenüber auftretender Probleme einerseits (die Umstände sind schuld am Elend, nicht das Individuum selbst) und eine zumindest in den Anfangsjahren verfolgte Integrationspolitik, die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient. Dieses und die stetig sinkende Geburtenrate in Deutschland wurden nach Auffassung des Autors in den letzten 45 Jahren von der politischen Klasse des Landes nie ernsthaft diskutiert. Wer die Probleme beim Namen nannte, wurde verleumdet. Stattdessen erging sich der Mainstream in Verharmlosungen und Beschwichtigungen – aus rein ideologischen Gründen. Allerdings, so Sarrazin, haben die 68-er inzwischen ein gewisses Alter erreicht und Angst um ihre Rente. Der Politiker: »Die über Jahrzehnte hinweg bestehende soziale Belastung durch Migranten war bis dahin ein Tabu in Deutschland.«
Insgesamt erfahre die Gesellschaft durch nicht integrierte Zuwanderer ein schlechteres Bildungsniveau, was zu schlechterer beruflicher Leistung und damit zur wirtschaftlichen Talfahrt beitrage. Im Kapitel »Zeichen des Verfalls« stellt er fest, dass die Tendenz zu mehr Wohlstand in der Republik irreparabel gebrochen sei. Das führe in naher Zukunft zu harten Konflikten innerhalb der Bevölkerung und weiterem sozialen Abstieg. Die Zahl der nachwachsenden hellen Köpfe nehme stetig ab. So schreibt Thilo Sarrazin auf Seite 53 seines Buches: »Bis 2050 wird die Bevölkerungszahl in Deutschland um 10 Prozent sinken, die Zahl der Erwerbstätigen sogar insgesamt um 30 Prozent und die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 20 und 50 Jahren noch mehr, nämlich um 40 Prozent.« Den Kern des Problems der an Niveau verlierenden Gesellschaft bilden seiner Analyse nach die Zuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und dem arabischen Raum. Während sich Zuwanderer aus dem Fernen Osten oder Indien hier sehr gute Integrationsfortschritte machten, Afrikaner und Wirtschaftsflüchtlinge eine Nische in der informellen Wirtschaft gefunden hätten und die ehemaligen Aussiedler aus Osteuropa bei der Integration der inzwischen zweiten Generation große Erfolge vorwiesen, bleibe die Gruppe der Moslems am schwierigsten.
»Das Problematische am heutigen Islam«, schreibt Sarrazin auf Seite 268, »ist die Kombination von im Grunde rückständigen Gesellschaften, jugendlichen, stark wachsenden Völkern und einem Sendungsbewusstsein, dessen Facetten von aggressionsfreier Frömmigkeit bis zum Djihad reichen, wobei die Übergänge fließend sind.« Das gelte auch für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland. »Das westliche Abendland sieht sich durch die muslimische Immigration und den wachsenden Einfluss islamistischer Glaubensrichtungen mit autoritären, vormodernen, auch antidemokratischen Tendenzen konfrontiert die nicht nur das eigene Selbstverständnis herausfordern, sondern auch eine direkte Bedrohung unseres Lebensstils darstellen.« (S. 266). Leider sei es nicht zu bestreiten, so Sarrazin weiter, dass unter den Strömungen des Islam ein Gesellschaftsbild dominiere, bei dem die Trennung von Religion und Staat weitestgehend noch nicht angekommen sei. Der westliche Blick könne nicht unterscheiden, welcher Strömung welcher Teil der 15 bis 17 Millionen Muslime in Europa anhänge. Kaum jemand wisse, was auch in den in Deutschland vorhandenen Moscheen gepredigt werde. Tatsache sei, dass es sich auf jeden Fall um eine abgeschottete Religion und Kultur handele, deren Anhänger sich für das umgebende westliche Abendland kaum interessiere – es sei denn als Quelle materieller Leistungen. Die unscharfe Trennlinie zwischen Islam und Radikalität, Fundamentalismus und Gewalt und die Einschränkung der Frauen, die viele abstoße, bereite der nicht-muslimischen Bevölkerung Sorge und lasse ihre Ablehnung wachsen – nicht nur in Deutschland.
Aber auch seinen deutschen Landsleuten hält Thilo Sarrazin den Spiegel vor und erläutert deren Situation anhand von Fakten und Statistiken. Armut sei ein politischer, kein auf Tatsachen basierender Begriff, stellt er fest. Und: Es müsse zwischen materieller und geistiger Armut unterschieden
werden. Ein »lediglich» materiell Armer würde sich noch immer besser und bewusster ernähren als ein zusätzlich geistig Armer. Ein Empfänger materieller Leistungen habe ein Interesse an der Stabilisierung oder Erhöhung der Leistungen. Deswegen sei jeder Hinweis, die Summe sei in der einen oder anderen Hinsicht auskömmlich, unwillkommen. Eine wirkliche Gleichheit sei nur in »einer Wohlfahrtsdiktatur, in einem Tugendregime mit Staatsterror« möglich. Das aber habe mit Demokratie nichts mehr zu tun. Schon jetzt sei die Summe für Armutsbekämpfung in Deutschland im Bereich der Sozialhilfe und Grundsicherung im Alter auf 23,7 Milliarden Euro (Stand: 2008) geschnellt. Die für Hartz-IV auf 39,6 Milliarden Euro
Zum Ende seines Buches zieht Sarrazin auch persönlich Bilanz, wenn er schreibt: »In den letzten beiden Jahren habe ich wiederholt erfahren, welche Empfindlichkeiten manche Punkte wecken, die ich anspreche. Ich habe versucht, Zuspruch und Widerspruch produktiv umzusetzen, und äußere hier meine persönlichen Ansichten, unabhängig von beruflichen Tätigkeiten.«
Inzwischen hat die in Deutschland lebende türkische Soziologin Necla Kelek Sarrazin den Rücken gestärkt. Er liege in der Sache richtig, teilte sie mit.
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