Wollte die DDR eine eigene RAF aufbauen?
Udo Schulze
Parallel zu ihrer Funktion als Quartiergeber von RAF-Aussteigern engagierten sich Stasi-Minister Mielke und die Seinen offenbar auch als Geburtshelfer einer neuen Terrororganisation nach dem Vorbild der Rote Armee Fraktion. Diesen Schluss legen Akten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR nahe, die jüngst in der Birthler-Behörde auftauchten. Demnach sollte die neue Gruppe aus dem Symphatisantenkreis der RAF gegründet werden.

Rückblende: Am 9. Mai 1977, wenige Wochen nach dem Mordanschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback in Karlsruhe, schleichen sich zwei Männer im Berliner Waldgebiet Tegeler Forst zu einem Erddepot. Es sind Harry S. und Heinz H., die zum Umfeld der RAF und der Bewegung 2. Juni gehören. Sie sollen Waffen und Papiere holen, um die Beute nach Wien zu schicken - auf Anweisung der RAF-Terroristin Verena Becker. Doch im Gebüsch wartet bereits die Polizei. Kurz darauf klicken die Handschellen. Im wenige Monate später erfolgenden Prozess werden die Männer zu vier bzw. viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Dazu hielt die Stasi in einem Protokoll über H. fest: »Auch während seiner Haftzeit rückte er nicht vom politisch-terroristischen Grundkonzept der RAF ab.« Die nach ihrer Entlassung im Jahr 1982 unter Beobachtung des BKA stehenden Männer wollten nach Erkenntnissen Ostberlins eine eigene Terrorgruppe gründen, an der die Staatsführung der DDR offensichtlich Interesse hatte. Ohne weiteres ließen DDR-Grenzer H. und drei Komplizen am 27. August 1985 denn auch über den Flughafen Berlin-Schönefeld nach Nikaragua reisen, wo sich gerade eine linksgerichtete Regierung etabliert hatte. Der Grund der Reise: Die Deutschen wollten sich dort am »Aufbau von Objekten mit militärischem Charakter« beteiligen, so das MfS in einer internen Mitteilung. Bereits zu diesem Zeitpunkt hielten sich in der linken Szene Westberlins hatrnäckige Gerüchte, Heinz H. und seine Leute hätten sich in die DDR abgesetzt.
Bereits zwei Jahre danach fuhr H. zusammen mit seiner achtköpfigen Gruppe tatsächlich über den Bahnhof Friedrichstraße in das Reich Honeckers ein. Ein Jahr zuvor hatte H. in Ostberlin die Aufmärsche zum 1. Mai besucht und war dort von Stasi-Agenten angesprochen worden, so ein handschriftlicher Aktenvermerk, in dem es heißt: »Im Rahmen der Absicherung der Maifeierlichkeiten wurde am 1.5.84 auf dem Territorium Berlins (DDR) operativer Kontakt zu Heinz H. hergestellt.« Sofort legten die Schlapphüte hinter der Mauer einen Vorgang an. Darin enthalten war die Anweisung, Kontakte zum Umfeld von H. in der Bundesrepublik zu schaffen. Wollte die DDR auf diesem Wege in der westdeutschen Terrorszene Agenten werben?
Was danach genau geschah, bleibt bislang im Dunklen der Stasi-Akten, jedoch muss eine Zusammenarbeit zwischen H. und der DDR bestanden haben, sonst hätte Heinz H. keinen »Abschiedsbrief« an die Stasi geschrieben und die Kooperation beendet. Immerhin: MfS und Terrorverdächtige müssen sich im Laufe ihrer Partnerschaft auseinandergelebt haben. Heinz H. in seinem Brief, der in der Birthler-Behörde lagert: »Ihr habt von unseren Vorschlägen, praktische Initiativen zu ergreifen, nie was aufgenommen, weil Ihr das gar nicht wolltet. Am offensten wurde das, als ihr Olga als Kontakt aus ›Sicherheitsgründen‹ ablehntet; aber kein Problem dabei hattet, nen völlig unbekannten Typen wegen des Archivs anzusprechen..«
Dabei hatte aus Sicht der DDR alles so schön angefangen, wie uns der »Sachstandsbericht zum operativen Material Herbert Heinze« der Stasi-Abteilung XX7(vom 13.5.87 verrät. So erfahren wir u.a. interessante Neuigkeiten zur Gründung einer »DDR-RAF«, wenn es in dem Bericht heißt: »Am 7.10.84 erklärten sie ihre Absicht, eine eigene illegale bewaffnete Gruppe aufzubauen.« Und wenige Seiten weiter lesen wir: »Eine Offenbarung des ehemaligen DDR-Kontaktes und des Treffortes (IMK Burg) ist wenig wahrscheinlich. Trotzdem wird die IMK aufgelöst.«
Doch damit waren die Kontakte zwischen Heinz H., seiner Gruppe und der Stasi noch immer nicht vollständig erloschen. Noch wenige Monate vor dem Fall der Mauer unternahmen die DDR-Geheimdienstler den Versuch, ihre ehemaligen Freunde noch einmal umzustimmen.
Und das ging so: Bei seiner nächsten Reise in die DDR sollte H. von Stasi-Agenten verdeckt angesprochen werden. Für die Kontaktaufnahme komme nur eine günstige Situation in Frage, da mit Heinz H. Personen reisen könnten, die »nicht in die Kontaktphase 1984/85 eingebunden waren«. Bevor die Planungen weitergeführt werden konnten, fiel im November 1989 die Mauer. Achteinhalb Jahre später gab es die RAF - offiziell - nicht mehr.
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