Monday, 25. July 2016
19.10.2010
 
 

Wulff in der Türkei: Vom Realitätsverlust zur plumpen Anbiederung

Udo Schulze

»… und denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht«, dichtete bereits Heinrich Heine 1844 in seinem berühmten Stück Deutschland. Ein Wintermärchen, in dem er sich mit den damaligen politischen Verhältnissen in seiner Heimat auseinandersetzte. Für ähnliche Schlafstörungen sorgt derzeit Bundespräsident Christian Wulff (CDU) mit seiner umstrittenen Reise in die Türkei. Mit der Werbetour sorgt Wulff für eine Zerreißprobe nicht nur in der eigenen Partei, sondern auch in der Gesellschaft. Manche sehen die CDU bereits gebrochen.

Der ehemals konservativ denkende Bundespräsident muss eine heimliche Wandlung erfahren haben, die ihn in die Nähe von Multikulti-Vertretern rückt. Doch so ganz überzeugend bringt der Niedersachse seine angeblichen Einsichten nicht rüber, vielmehr sieht seine Reise in die Türkei nach einer Art Werbetour in Sachen Türkei und EU aus. Anders kann die teilweise peinliche Anbiederung Wulffs an die politische Klasse in der Türkei wohl nicht verstanden werden. Da säuselt der erste Bürger Deutschlands davon, dass die hier lebenden Türken mehrheitlich von mangelnder Integrationsbereitschaft weit entfernt seien und widerspricht damit seinem Parteifreund und bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU). Wulff sollte, statt eine fünftägige Tour ins ehemals osmanische Reich zu unternehmen, besser einmal drei Tage in Duisburg, Berlin-Neukölln oder Essen verbringen, um seine Kenntnisse über die Integrationsbereitschaft von Migranten zu verfeinern. Ins Schloss Bellevue dringen solche Erkenntnisse naturgemäß nicht vor, da muss man sich schon mal unters Volk bequemen. Doch von dem hält Wulff sich lieber fern und fährt der Türkei gegenüber einen Schmusekurs, der sich gewaschen hat.

Dabei kommt es den Befürwortern eines EU-Beitritts der Türkei offenbar in erster Linie nicht darauf an, den Staat und seine Gesellschaft in eine demokratische Zukunft zu führen. Vielmehr verfolgen sie ein geostrategisches Ziel. Gehört die Türkei erst einmal zum künstlichen Gebilde der EU, haben sich die Außengrenzen der Union bis an den Irak und den Iran verschoben, was beim Kampf um die Erdölreserven der Region von größter Bedeutung sein kann. Zudem verfügt die Türkei innerhalb des arabisch-orientalischen Raums über erheblichen Einfluss und könnte so zum »Türöffner« der EU bei islamistischen Ländern werden. Ob der von Ministerpräsident Erdogan geführte Staat dabei in naher Zukunft eine rechtsstaatliche Struktur ohne Zensur, Folter und willkürlicher Verhaftung erhält, scheint zweitrangig zu sein. Noch wähnt sich Wulff durch seine gefiltert wahrgenommene Realität und dem freundschaftlichen Empfang in Ankara auf dem richtigen Weg. Doch spätestens bei seiner Rückkehr nach Deutschland weht ihm ein eisiger Wind ins Gesicht – nicht nur aus den eigenen Reihen.

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Scheindemokratie Deutschland: Will Bundespräsident Wulff die Einschränkung der Pressefreiheit?

Udo Ulfkotte

In der Bundesrepublik Deutschland ist in Artikel 5 des Grundgesetzes die Pressefreiheit verankert. Dazu gehören auch die Meinungsfreiheit, die Rundfunkfreiheit und die Informationsfreiheit. Egal, ob man politisch rechts oder links oder nirgendwo verankert ist – diese Freiheiten sind grundgesetzlich geschützt und gelten für alle Staatsbürger. Ein  mehr …

Wall Street Journal vergleicht Bundespräsident Wulff mit dem rumänischen Diktator Ceausescu

Udo Ulfkotte

Das amerikanische Wall Street Journal hat den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) wegen seines Verhaltens im Fall Sarrazin mit dem 1989 vom Volk getöteten rumänischen Diktator Nicalae Ceausescu verglichen. Ceausescu wurde 1989 nach einem Verhalten, das aus der Sicht des Wall Street Journal heute auch Wulff an den Tag legt, als  mehr …

Sarrazin: Wird Bundespräsident Christian Wulff zum Volksverräter?

Udo Ulfkotte

Was würden Sie von einem Richter halten, der einen Angeklagten noch vor dem Prozess öffentlich einen Verbrecher nennt? Sie würden den Richter selbstverständlich wegen Befangenheit ablehnen. Bundespräsident Christian Wulff (CDU) ist nun ein solcher Richter: Er hat öffentlich die Entlassung von Thilo Sarrazin gefordert und den nur unter Politikern  mehr …

Türkei-Referendum: Ankara will Schlüsselrolle auf der Welt spielen

Udo Schulze

Mit großer Mehrheit haben sich am Wochenende in einem Verfassungsreferendum die Türken dafür entschieden, dass ihr Land Mitglied der Europäischen Union wird und die dazu nötigen verfassungsrechtlichen Schritte einleitet. Das mag die EU-Befürworter auch in Deutschland in Jubelstürme versetzt haben. Sehen sie darin doch einen Sieg des europäischen  mehr …

Türkische Tradition: Schon Kemal Atatürk ließ Kurden vergasen

Udo Ulfkotte

Deutschsprachige Medien berichten aufgeregt über mögliche Giftgaseinsätze der türkischen Armee gegen Kurden. Das klingt sensationell und völlig neu. Die Journalisten wissen offenbar nicht, dass es Kemal Atatürk – der Gründervater der Türkei – war, der als erster die ungeliebten Kurden im Land vergasen ließ. Die Türken wollen nicht, dass man  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

Krieg oder Frieden? Die USA vor der Katastrophe

F. William Engdahl

Ben Bernake, der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, hat eingestanden, dass die finanzielle Lage in den USA irreparabel geworden ist. Amerika befindet sich in einer existenziellen Krise. Nun müssen die Eliten sich entscheiden: zwischen einer großen Wirtschaftsdepression oder einem großen Krieg.  mehr …

Scheindemokratie Deutschland: Will Bundespräsident Wulff die Einschränkung der Pressefreiheit?

Udo Ulfkotte

In der Bundesrepublik Deutschland ist in Artikel 5 des Grundgesetzes die Pressefreiheit verankert. Dazu gehören auch die Meinungsfreiheit, die Rundfunkfreiheit und die Informationsfreiheit. Egal, ob man politisch rechts oder links oder nirgendwo verankert ist – diese Freiheiten sind grundgesetzlich geschützt und gelten für alle Staatsbürger. Ein  mehr …

Chile: Die Risiken der Mine waren vorher bekannt

F. William Engdahl

Millionen Fernsehzuschauer und Zeitungsleser in aller Welt haben gebannt die an ein Wunder grenzende und fast reibungslos verlaufende Rettung der 33 Bergleute verfolgt, die in einem chilenischen Bergwerk eingeschlossen waren. Wir waren Zeugen, wie die Kumpel, die 69 Tage lang in 660 Meter Tiefe ausgeharrt hatten, und fünf zusätzliche  mehr …

Neue Forschungsergebnisse: Tiere haben spirituelle Erfahrungen

Andreas von Rétyi

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen scheinen zu belegen, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere immer wieder mystische und spirituelle Erfahrungen durchleben. Über drei Jahrzehnte hinweg erforschte der Neurologe Kevin Nelson diese geheimnisvollen Vorgänge bei verschiedenen Säugetieren, und er ist überzeugt, dass sie sogar  mehr …

Wall Street Journal vergleicht Bundespräsident Wulff mit dem rumänischen Diktator Ceausescu

Udo Ulfkotte

Das amerikanische Wall Street Journal hat den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff (CDU) wegen seines Verhaltens im Fall Sarrazin mit dem 1989 vom Volk getöteten rumänischen Diktator Nicalae Ceausescu verglichen. Ceausescu wurde 1989 nach einem Verhalten, das aus der Sicht des Wall Street Journal heute auch Wulff an den Tag legt, als  mehr …
Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

Werbung

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.