Monday, 29. August 2016
30.07.2010
 
 

Abstieg der Verantwortungslosen: das Trauerspiel nach der »Loveparade«

Udo Ulfkotte

Es gibt Menschen, über die auch nach den schrecklichen Ereignissen der Duisburger »Loveparade« in manchen Medien noch immer erstaunlich positiv berichtet wird. Dazu gehört etwa Rainer Schaller, Veranstalter der »Loveparade« und Geschäftsmann hinter der Fitnesskette »McFit«. Die Hofberichterstattung vieler Journalisten wird wohl erst verständlich, wenn man weiß, dass ihre Arbeitgeber in der Vergangenheit von Schaller mit Werbemillionen geschmiert wurden.

In der Bundesrepublik Deutschland ist bei Großveranstaltungen neben den Behörden vor allem auch der Veranstalter maßgeblich für ein Sicherheitskonzept verantwortlich. Deshalb steht Rainer Schaller, der größte Fitnessunternehmer Deutschlands, als Veranstalter der Loveparade in der Mitverantwortung für das traurige Ende von mehr als 20 jungen Menschen. Dieser Rainer Schaller liebt das Risiko. »Ich bin 100 Prozent risikobereit«, erklärte er noch vor einem Jahr. Schaller wollte um jeden Preis mit seinen prolligen Fitnessstudios bekannter werden. Das hat er jetzt ganz sicher geschafft – aber um welchen Preis?

Der Urvater der Loveparade, Dr. Motte, hatte schon wenige Stunden nach dem Unglück in Duisburg den Veranstalter Schaller als Hauptverantwortlichen ausgemacht: »Die Veranstalter sind schuld. … Da ging es doch nur ums Geldmachen. Die Veranstalter haben nicht das geringste Verantwortungsgefühl für die Menschen gezeigt.« Motte sprach von einem »Skandal«. Er vertritt die Auffassung, dass Rainer Schaller die Rechte an der Loveparade nur gekauft habe, um ein weiteres Marketinginstrument für seine Fitnesskette zu haben. Rainer Schaller sei nur am Geldmachen interessiert. Und aufgrund der Entscheidungen von Schaller seien Menschen gestorben.

Erich Kästner hat einmal gesagt: »Wenn man genug Geld hat, stellt sich der gute Ruf ganz von selbst ein.« Rainer Schaller, vom Edeka-Fachverkäufer zum millionenschweren Veranstalter der Loveparade aufgestiegen, weiß, wie man sich einen guten Ruf kauft: mit Geld und noch mehr Geld. Seine Fitnesskette McFit hat eben nicht nur im Jahr 2005 die Loveparade vor dem Konkurs gerettet, indem sie als Hauptsponsor auftrat. McFit war auch offizieller Sponsor des Deutschen Musikpreises ECHO 2009. McFit ist Sponsor des Sonisphere Festival auf dem Hockenheimring. Und McFit unterstützt wie kaum ein anderer Sportveranstaltungen, beispielsweise von TV Total (Stock Car Crash Challenge, Parallelslalom, Autoball-EM). Auch der Comeback-Kampf des Boxers Henry Maske gegen Virgil Hill im März 2007 wurde von McFit präsentiert. Und seit Anfang 2008 verfügt McFit über die Boxer Wladimir und Vitali Klitschko als Werbepartner und schaltet mit ihnen jetzt auch Fernsehwerbung. Das alles kostet Geld, viel Geld. Mit solchen Geldern finanzieren sich große Privatsender und Medienhäuser. Ohne Großsponsoren wie Schaller müssten sie in wirtschaftlich schweren Zeiten noch mehr Journalisten entlassen.

Rainer Schaller ist finanzieller Großsponsor auf vielen Privatsendern, ein weiteres Beispiel: Anfang 2009 ersteigerte der Fußballfan, der sagt, er habe mehr Geld, als er je ausgeben könne, für eine Million Euro ein Spiel des FC Bayern gegen die Promi-Mannschaft McFit-Allstars, das bei Sat.1 übertragen wurde. Auch bei Pro7 (McFit Fight Night) zählt er zu den großen Sponsoren. Und die Bild-Zeitungsaktion »Ein Herz für Kinder« sponserte er mit der Rekordsumme von 1.111.111 Euro.

Die Duisburger Loveparade war bei näherer Betrachtung nichts anderes als eine Reklameveranstaltung für Rainer Schaller, McFit und für die Stadt Duisburg. Während Schaller vorwiegend am finanziellen Profit interessiert war, ging es Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) in erster Linie um den politischen Profit.

Ralf Jäger, SPD-Innenminister von Nordrhein-Westfalen, hat inzwischen schwere Vorwürfe gegen Rainer Schaller erhoben: »Das Sicherheitskonzept des Veranstalters hat versagt.« Hinzu kommt: Polizei-Inspekteur Dieter Wehe teilte in der Landespressekonferenz am 28. Juli 2010 mit, dass sich der Loveparade-Veranstalter nicht an Vorgaben gehalten habe. Schaller habe die Vorgaben seines eigenen Sicherheitskonzeptes nicht eingehalten. Erst als die Situation außer Kontrolle geraten sei, habe er die Polizei in Duisburg zu Hilfe gerufen. Dieter Wehe sagte, die Zahl der Ordner im Eingangs- und Rampenbereich habe nicht ausgereicht. Außerdem hätten die Ordner zeitweise Zaunelemente entfernt, wodurch sich der Zulauf der Teilnehmer in Richtung der Tunnel nochmals erheblich erhöht habe. Am westlichen Tunneleingang sei die Hälfte der Schleusen zunächst gar nicht von Ordnern besetzt gewesen. Dadurch hätten sich dort bis zu 20.000 Menschen aufgestaut. Die Polizei habe den Veranstalter darauf hinweisen müssen, sagte Wehe.

Deutschlands führender Konzertveranstalter Marek Lieberberg warf den Duisburger Organisatoren um Schaller und Bürgermeister Sauerland Profitgier und Unvermögen vor. »Das ist kein tragisches Unglück, sondern ein Verbrechen«, sagte Lieberberg. »Befruchtet haben sich die Geltungssucht der Lokalpolitik, die Profitsucht der Veranstalter, auf beiden Seiten gut gedüngt durch totalen Amateurismus«, so Lieberberg.

Und nun schauen Sie, liebe Leser, einmal die Berichte in den Privatsendern zum wegen der laufenden Ermittlungen zurückhaltend reagierenden Herrn Rainer Schaller an. Warum nur erfahren Sie dort von alledem in den meisten Druckerzeugnissen und Sendungen nichts? Man hat als Zuschauer in deutschen Privatsendern derzeit den Eindruck, dass ein großer Sponsor nicht verärgert werden soll. Und in der Bild-Zeitung, für die Oliver Pocher vor der Werbetafel von McFit den Livestream der Loveparade moderierte, darf Rainer Schaller in diesen Tagen dreist behaupten: »Wir haben alle Auflagen zu 100 Prozent erfüllt.«

Die Polizei sieht das anders. Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen sieht das anders. Konzertveranstalter Marek Lieberberg sieht es anders. Und der Gründer der „Loveparade sieht es anders. Auch immer mehr Kunden der McFit-Studios sehen es inzwischen wohl anders: Tragen auch all jene, die zahlende Mitglieder in den Studios von McFit sind, eine Mitschuld am Tod der in Duisburg ums Leben Gekommenen? In der Berliner taz stellt sich Bert Schulz allen Ernstes diese Frage. Und nicht nur im sozialen Netzwerk Facebook gibt es inzwischen zahlreiche Aufrufe zum Boykott der Fitnessstudios von McFit. Da heißt es dann etwa über Rainer Schaller, den Mann, der hinter der zur Todesfalle mutierten Loveparade steht: »Rainer Schaller sagte einst in einem Interview: ›Ich bin 100 Prozent risikobereit‹. Das Resultat haben wir gesehen!«

Wie steht es mit dem Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU)? Politikpromi Sauerland muss immerhin noch bis 2014 im Amt durchhalten, um auf Kosten der Steuerzahler seine Pensionsberechtigung zu erhalten. Weil das Landesbeamtengesetz in Nordrhein-Westfalen einen Rücktritt aus politischen Gründen nicht vorsieht, müsste der bei immer mehr Bürgern verhasste Bürgermeister Sauerland einen Antrag auf Entlassung stellen. Wer das tut, verliert allerdings sämtliche Ansprüche auf Dienstbezüge und Versorgung. Erhalten blieben ihm die Pensionsansprüche nur, wenn er die Amtszeit regulär 2014 beendet oder abgewählt würde. Diese Abwahl wird nun immer wahrscheinlicher. Und neben seinem Grundgehalt von mehr als 10.000 Euro hat Sauerland auch noch rund 50 zum Teil gut dotierte Mandate in Aufsichts-, Verwaltungs- und Beiräten sowie Verbänden und Vereinen. Die will er wohl ebenfalls behalten. Deshalb tut er so, als gehe ihn das alles weiter nichts an. Dabei belasten ihn aufgefundene Dokumente schwer. Er wird also abgewählt werden – und damit seine Versorgungsansprüche behalten. Mit Werten, die seine christliche Partei angeblich repräsentiert, hat das ganz sicher nichts mehr zu tun.

Man weiß als Betrachter dieses miesen Schauspiels nicht, wo die dreistesten Mitbürger sitzen: im Duisburger Rathaus und bei den Veranstaltern der Loveparade, oder in den Reihen jener Journalisten, die sich schützend vor Lamborghini-Liebhaber Rainer Schaller und seine umtriebigen Freunde stellen.

Vielleicht haben die Herren Schaller und Sauerland ja eine großartige gemeinsame Zukunft vor sich – etwa als Fälscher und Betrüger. Denn beide hatten ein Interesse daran, die Besucherzahlen der Loveparade nach oben zu lügen: Die Angaben über die Zahl der Besucher wurden einfach verdreifacht. Man sprach gemeinsam von 1,4 Millionen Menschen, wo tatsächlich maximal 485.000 erwartet worden waren. In einem 34 Seiten starken Papier aus der Umgebung des Veranstalters Schaller heißt es, die tatsächlichen Zahlen hätten »keinen Bezug zur offiziellen Besucherzahl für mediale Zwecke«. Zur Ermittlung der »öffentlichen Besucherzahl« werde die Zahl der tatsächlich erwarteten Besucher verdreifacht. In Duisburg sollen die Mitarbeiter von Schaller mit den Sauerland-Mitarbeitern abgesprochen haben, die tatsächlichen Angaben zur Zahl der Besucher unter allen Umständen geheim zu halten: »Eine Veröffentlichung dieser Zahlen könnte dem öffentlichen Ansehen der Veranstaltung immensen Schaden zuführen, was sicher weder im Interesse des Veranstalters liegt noch im Interesse der Stadt Duisburg.« Schaller und Sauerland täten gut daran, jetzt endlich reinen Tisch zu machen. Im japanischen Kulturkreis würden sie spätestens jetzt ehrenhaft aus dem Leben scheiden. In Deutschland wissen Menschen wie Schaller und Sauerland allerdings wahrscheinlich nicht einmal mehr, wofür Werte wie Ehre einmal gestanden haben.

Bilder: DPA

 

 


 

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