Stellen Sie sich vor, böse Menschen wollten schnell und lautlos eine Eisenbahnbrücke, einen Sendemasten oder einen Starkstrommasten zum Einsturz bringen. Kein Problem, denn die erforderlichen Zutaten gibt es in Deutschland (leider) frei Haus per Express-Versand. Und zwar zum Schnäppchen-Preis. Um Sicherheit kümmert man sich in Deutschland nämlich nur dort, wo alle hinschauen. Wer böswillig ist, der kann Sicherheitsvorkehrungen leicht umgehen. Und er hätte es in Deutschland leicht, ein Massaker zu veranstalten.
Wir haben zunächst einmal geschaut, womit Menschen früher Massaker angerichtet haben. Im Zweiten Weltkrieg waren Brandbomben beliebt. Besonders gemein sind Stab-Brandbomben. Die Briten haben damit etwa deutsche Städte wie Dresden, Darmstadt, Kassel und Würzburg bombardiert – und die Bevölkerung lebend verbrannt. Stab-Brandbomben enthalten Thermit. Sie heißen deshalb auch Thermit-Bomben. Wo aber bekommt man heute Stab-Brandbomben?
Wer bei Internet-Auktionshäusern das Stichwort »Thermit« eingibt, der wird schnell fündig. Die Verkäufer geben sich zunächst völlig arglos. Und auf den ersten Blick verkaufen sie nur eine leere Verpackung – vielleicht, um aus formaljuristischen Gründen den Schein zu wahren? Eine der Produktbeschreibungen für »Thermit« in einem solchen Portal lautet etwa: »Angeboten wird nur die Verpackung, der Inhalt ist vorhanden wird aber nicht mit angeboten (ca. 50 Stck.) – da ebay dies strikt untersagt. Thermit Zünder zur Einleitung der Thermit Reaktion, (…) Bei Fragen bitte mailen, die Antwort wird ›Ja‹ lauten …« Eine völlig leere Verpackung wird da also bei Ebay angeboten – und im Falle eines bestimmten Interesses wird die Antwort »Ja« lauten … Fällt Ihnen da vielleicht irgend etwas auf?
Unser Interesse gilt natürlich dem »Thermit«. Denn Thermit – ein Gemisch aus Eisenoxid und Aluminiumpulver, das früher zum Schweißen und Verschmelzen von Eisenbahnschienen verwendet wurde – ist seit vielen Jahren schon auch eine potentiell interessante Waffe für Terroristen. Werden Thermitstäbe inmitten leicht brennbarer Umgebung gezündet, so können sie großflächige Feuersbrünste hervorrufen. Thermitstäbe zählen daher zu den potentiellen Terrorwaffen. Sie können zur Massentötung von Zivilisten durch Verbrennen oder Ersticken eingesetzt werden. Für den Angreifer bieten sie eine günstige Kosten-Nutzen-Relation. Ein in Riesa ansässiger Ebayer verkauft Thermitstäbe (»… die Antwort wird ›Ja‹ lauten …«) und liefert diese für nur 3,90 Euro per DHL frei Haus.
Seit dem Zweiten Weltkrieg müsste eigentlich jede Sicherheitsbehörde um die Gefährlichkeit von Thermitstäben (Stab-Brandbomben) wissen. Über Internet-Auktionsportale aber kann man sie sich jederzeit frei Haus liefern lassen. Ein ukrainischer Anbieter wirbt im deutschsprachigen Ebay-Portal sogar mit einem Film für die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten seiner Thermitstäbe. Aus unklaren Quellen bietet dort etwa ein ukrainischer »Exklusiv-Store« für 135 Dollar Endpreis jede gewünschte Zahl an Thermitstäben an. Der Anbieter zeigt in einem Werbefilm, wie brenennde Termitstäbe binnen weniger Sekunden bis zu 25 Millimeter dicke Eisen- und Stahlplatten durchtrennen können. Starkstrommasten, Sendemasten und die Sicherungsbolzen von Brücken oder Stahlträger werden in Sekundenschnelle einfach spurlos weggeschmolzen. Augenzwinkernd werden die gefährlichen Thermitstäbe vom ukrainischen Anbieter für »Rettungsmaßnahmen« oder eben auch den »militärischen Einsatz« angeboten. Ein Feuerzeug genügt, man entzündet den Stab und schon kann man damit Stahlbolzen oder Stahlseile durchtrennen –ein wunderbares Hilfsmittel für Böswillige. Natürlich gibt es Rabatt, wenn man viele Stab-Brandbomben kauft. Das erfordert ja schließlich die Kundenbindung.
Thermit wird beim Brennen etwa 3.000 Grad Celsius heiß. Gegen diese Hitze kommen nicht einmal Stickstoff-Löscher an. Versucht man, brennendes Thermit mit Stickstoff zu löschen, so wirkt der Stickstoff vielmehr sogar noch wie ein Brandbeschleuniger, weil die große Hitze des brennenden Thermits die Molekularstruktur des Stockstoffs verändert. Ein bei YouTube verewigtes Experiment, das man auf keinen Fall nachmachen sollte, veranschaulicht das deutlich. Und wer sich nur ein wenig umschaut, der findet auch abseits von Ebay viele Angebote, bei denen man große Mengen von Thermit-Stangen per Express frei Haus nach Deutschland liefern lassen kann: im indischen Hyderabat exportiert Sagar Thermit, im indischen Kanpur die India Thermit Corporation, im indischen Nagpur die Thermit Welding. Es gibt unendlich viele Angebote, nicht nur in Indien. Und schaut man sich bei den verschiedenen Internet-Auktionsportalen mit Thermit-Stäben einmal die vielen Bewertungen an, dann kann kein Zweifel daran bestehen, dass bestimmte Menschen derzeit ein großes Interesse an den brandgefährlichen Thermit-Stäben haben.
Im Gegensatz zu Sprengstoff hinterlässt Thermit bei einem Anschlag nämlich keine Spuren. Wer etwa mit Thermit die Eisenpfeiler, Bolzen oder Stahlaufhängungen einer Eisenbahnbrücke schmelzen lässt, der hinterlässt vielleicht einen geschmolzenen Klumpen Eisen – aber keine irgendwie verwertbaren Spuren. Diese Eigenschaft des Thermit hat eine nicht zu unterschätzende Zahl von Menschen ja auch schon nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 nachdenklich gemacht. Es gibt Menschen, die daran glauben, dass der Zusammenbruch der Türme des World Trade Centers im September 2001 nicht durch Sprengstoff oder die Brände, sondern durch zusätzlich angebrachtes Thermit herbeigeführt wurde. Demnach wurde die tragende Stahlkonstruktion der Wolkenkratzer einfach mithilfe von Thermit weggeschmolzen. Beweise für diese Theorie wird es allerdings nie geben können. Denn sollte es tatsächlich so gewesen sein, dann hat das Thermit keine Spuren hinterlassen.
Thermit ist allerdings nicht das einzige Teufelszeug, das man in Deutschland trotz angeblicher Sicherheitsbestimmungen per Express frei Haus geliefert bekommen kann. Eine ebenso grauenvolle Waffe sind Flammenwerfer. Am 11. Juni 1964 überfiel der 42 Jahre alte Walter S. mit einem Flammenwerfer eine Kölner Volksschule. Er tötete acht Kinder und zwei Lehrerinnen. Danach wurde viel über den freien Verkauf von Chemikalien und frei verfügbare Bauanleitungen für Flammenwerfer diskutiert – passiert aber ist auf diesem Gebiet nichts. Im Gegenteil: Heute weiß jeder Schüler, wie man aus einer Spraydose einen Flammenwerfer macht – und manchmal nehmen Schüler Attacken mit solchen Flammenwerfern gar auf Video auf und stellen sie ins Internet. Zuletzt im Oktober 2008 hat ein Mann mit einem selbst gebastelten Flammenwerfer in Österreich Menschen – seine Schwiegereltern – getötet. Immer wieder experimentieren Menschen mit Propangasflaschen und versuchen, sich in mühevoller Kleinarbeit Flammenwerfer in der heimischen Garage zu bauen.
Dabei könnten sie es doch so einfach haben: Denn das Schweizer Bundesamt für Gesundheit hat einen wirklich kostengünstigen Tipp für die Hobbybastler: Gasdruck-Fanfaren, die etwa in Fußballstadien gern von den Fans verwendet werden, enthalten oftmals ein leicht brennbares Gasgemisch. Und das hochentzündliches Gas kann in dichten Publikumsgruppen ganz leicht als Flammenwerfer eingesetzt werden. Wenn die Treibgase der Druckfanfaren brennbar sind, dann reicht schon eine Zigarette, um ein Inferno zu verursachen. Druckgaspackungen mit brennbaren Treibgasen dürfen deshalb in der Schweiz nicht mehr verkauft werden. Auch in diesem Falle hilft allerdings das Internet. Wenige Mausklicks genügen – und auf den einschlägigen Auktionsportalen findet man eine reichhaltige Auswahl an Druckgaspackungen mit brennbaren Treibgasen.
Das Berliner Bundesministerium für Bildung und Forschung beschäftigt eine ziemlich große Abteilung für Sicherheitsforschung, die sich mit Gefahren und deren Vermeidbarkeit befassen soll. Wie man sieht, ist es trotzdem ziemlich einfach, brandgefährliche Substanzen ganz offen zu beschaffen.
Hinweis: Wir haben auf die Verlinkung der entsprechenden Internetportale aus einsichtigen Gründen verzichtet. Und wir hoffen, dass sich die Bundesregierung nach der Kinderpornografie auch mit solchen Massaker-Bausätzen im Internet beschäftigen wird.
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