
Der Rundfunkauftrag ist klar definiert: politisch und wirtschaftlich unabhängig soll der Nutzer umfassend informiert und gebildet werden, damit er zu einer fundierten Meinung gelangen kann. Und wirklich scheint es allgemein anerkannt zu sein, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk diesem Anspruch gerecht wird: In einer repräsentativen vom Marktforschungsinstitut YouGovPsychonomics durchgeführten Umfrage geben 69 Prozent und damit eine große Mehrheit der Befragten an, dass sie Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens besonders vertrauen.
Zum Vergleich: die beim Privatfernsehen beschäftigten Kollegen landeten weit abgeschlagen auf dem letzten Platz. So können die von den Bürgern zwangsfinanzierten Riesenapparate ARD und ZDF – allein die ARD erhält jährlich über 5,5 Milliarden Euro Gebührenerträge – weitgehend unbehelligt und in Ruhe ihrem hehren Programmauftrag nachgehen.
Die Filmdokumentation Programmauftrag Desinformation? Wie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Zuschauer getäuscht werden von Fritz Poppenberg stört diese Ruhe. Und zwar gründlich. Mit klaren, sachlichen Worten und leisen Bildern, die eine umso gewaltigere Wirkung angesichts der Ungeheuerlichkeit des minutiös aufgedeckten Skandals entwickeln, zeigt diese neue Dokumentation aus dem Hause Drei Linden Filmproduktion schonungslos die auf Manipulation und Irreführung zielende Arbeitsweise zweier für die ARD arbeitender Journalisten. Poppenberg gelingt dabei durch gründliche Recherche der Beweis, dass diese nicht auf schlampigem Arbeiten oder schlicht Dummheit beruht, sondern es wird bezwingend deutlich, mit welcher frechen Dreistigkeit und Verschlagenheit der einem Journalisten eigene Auftrag verhöhnt wird. Als Beispiel zieht Poppenberg den am 14. April 2011 in der ARD ausgestrahlten und vom rbb produzierten Kontraste-Beitrag »Comeback der Abtreibungsgegner – Wie Frauen in Not drangsaliert werden« heran.
In diesem Beitrag sollte es eigentlich um die Gehsteigberatung vor einer Münchner Abtreibungspraxis gehen. Bei der Gehsteigberatung bietet eine junge Frau – im gezeigten Fall eine Hebamme – Schwangeren Hilfe an, die auf dem Weg zu einer Abtreibung sind. Gehen die Frauen auf das Angebot ein, wird ihnen nicht nur erklärt, wie weit ihr ungeborenes Kind bereits entwickelt ist, ihnen werden auch die verschiedenen staatlichen und privaten Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt, wenn sie sich gegen die Tötung des Kindes entscheiden. Etwa 1.000 Kinder konnten so bereits vor dem sicheren Tod bewahrt werden – und 1.000 Mütter vor dem, was sie heute den schlimmsten Fehler ihres Lebens nennen würden.
Nun strahlt also ein öffentlich-rechtlicher Sender im Rahmen einer sich selbst als »investigativ, analytisch und kritisch« lobenden Kontraste-Sendung einen Beitrag zur Abtreibungsproblematik
aus; der Sender hat dabei verfassungsrechtlich einen Schutzauftrag gegenüber dem ungeborenen Leben und einen Programmauftrag, den er selber wie folgt beschreibt: »Die Bürger/innen dürfen vom gebührenfinanzierten Rundfunk einen professionellen Journalismus erwarten, der sorgfältige Recherche, Seriosität, unabhängige Standpunkte und Fairness beinhaltet.« [1]
Wie es darum bestellt ist, wird bereits nach wenigen Minuten in Poppenbergs Dokumentation offensichtlich. Schon allein die Anmoderation des rbb-Beitrags verstößt so gründlich gegen jedes dieser hehren Ziele, dass sich ein genauerer Blick lohnt. Unumwunden und die Fremdschäm-Areale im Zuschauergehirn gnadenlos befeuernd gibt die Moderatorin zu: »Das haben wir nicht für möglich gehalten: Im Jahr 2011, lange nach der Debatte um den Paragrafen 218, sind in Deutschland die Abtreibungsgegner wieder da.« Wie war das mit der »sorgfältigen Recherche«?
In Deutschland gibt es, so Poppenbergs Antwort auf diesen Beginn der Anmoderation, allein 14 große Verbände, die sich dem Lebensschutz verschrieben haben. In zahlreichen Publikationen und mit vielen Aktivitäten versuchen sie seit langem, die Öffentlichkeit für das Thema Abtreibung zu sensibilisieren. Wenn die für diesen Beitrag verantwortlichen Journalisten dies tatsächlich nicht mitbekommen haben sollten, wäre ein Abend- oder Wochenendseminar – je nach Auffassungsgabe – zum Thema: »Was ist eine Zeitung? – Und: Gibt es Pressemitteilungen wirklich?« dringend geboten.
Weiter in der Anmoderation: »Und ihre Radikalität im Auftreten nimmt zu. So wie hier bei diesem bizarren Spektakel am 14. März in Münster.« Gezeigt werden dagegen nur Bilder von einem friedlichen Gebetszug von Lebensschützern. Das soll ein »bizarres Spektakel« sein, welches überdies noch »Radikalität« beweist? Journalistische »Seriosität« lässt sich dem sicher nicht entnehmen.
Was wirklich in Münster geschah, erfahren wir nicht bei Kontraste, sondern in Poppenbergs Film: Etwa 150 Gegendemonstranten, die dem Aufruf der »Antifaschistischen Linken« gefolgt sind, stören massiv den Menschenzug, lärmen und pöbeln, es kommt zu Ausschreitungen auch gegenüber der Polizei sowie zu Festnahmen; laut Polizei müssen sich 105 der Gegendemonstranten in der Folge auf ein Strafverfahren einstellen. Wie gesagt, kein einziges Wort oder gar Bild davon bei Kontraste. Dafür sehen wir in Poppenbergs Film einen der Autoren des rbb-Beitrags, Tom Fugmann, mitten in der Menge, sozusagen in engem Kontakt mit den Störern und Gewalttätern.
Die hier nur an zwei Beispielen gezeigte Arbeitsweise durchzieht Poppenbergs gesamten Film und macht ihn informativ, fesselnd und äußerst sehenswert. Experten aus den Bereichen Jura und Medizin kommen zu Wort und liefern Fakten und Einschätzungen; so etwa der Rechtsanwalt Wolfgang Philipp, der die deutsche Rechtslage und ihre Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft auch für den Laien gut verständlich erläutert und der mit dem geübten Blick eines Juristen, der sich sein ganzes Leben mit Recht und Unrecht beschäftigt hat, den Machern des Kontraste-Beitrags
das vernichtende Urteil ausstellt, sie hätten ein Machwerk fabriziert, das ihn an Hetzsendungen aus seiner Jugend in der Nazi-Zeit erinnere.
Im Mittelpunkt von Programmauftrag Desinformation? steht die junge Hebamme und Gehsteigberaterin Maria Grundberger, die über die fragwürdige Arbeit des rbb-Journalisten Fugmann berichtet. Der habe ihr vor Beginn der Dreharbeiten zugesichert, auch ihre Sicht der Dinge zu bringen, und ihre Position als Lebensschützerin werde sich bei Kontraste wiederfinden. Nichts davon wurde eingelöst, im Gegenteil: Maria Grundbergers etwa 40-minütiges Interview wird gnadenlos zusammengeschnitten, bis nur noch das Wörtchen »ja« übrig bleibt – und auch das wird noch irreführend platziert.
So reihen sich in der Dokumentation Analysen des fast unglaublichen Vorgehens der Journalisten – Umdeutung von Bildmaterial, bewusste Darstellung von Lügen oder nicht belegbaren Behauptungen als Fakten, Unterschlagung von Material, Herstellen falscher Zusammenhänge und so weiter – aneinander, dass dem Zuschauer schier der Atem stockt.
Bei Fritz Poppenberg ist dieses Thema in den besten Händen. Als mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilmer beherrscht er nicht nur offensichtlich hervorragend sein Handwerk, er besitzt auch die Redlichkeit, uneigennützig die verheerenden Missstände bei potenziellen Auftraggebern aufzudecken. Selbst jahrelang beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk beschäftigt, kann er die skandalöse Vorgehensweise der Journalisten, die auf einen Rufmord an den Lebensschützern abzielt, erklären. In einem Artikel, den er vor einigen Jahren in der Zeitschrift eigentümlich frei veröffentlicht hat, beschreibt er, wes Geistes Kind viele der heute in den Medien Verantwortlichen sind: »Die Achtundsechziger mussten nicht mühsam durch Institutionen marschieren, um den totalen Sieg zu erringen — jedenfalls nicht an der Deutschen Film- und Fernsehakademie, an der ich im September 1971 zu studieren begann. Wir waren — ich kann mich an keine Ausnahme erinnern — alle linksextrem. Wir gingen für den Befreiungskampf der unterdrückten Völker auf die Straße und drehten Filme unter der maoistischen Losung ›Dem Volke dienen‹. Unsere emanzipatorischen Lichtgestalten trugen Namen wie Stalin, Mao, Pol Pot, Kim Il-Sung, Robert Mugabe, Mengistu – Namen, die jeder vernünftige Mensch schon damals mit Zerstörung und Massenmord verband. So gespenstisch die Verehrung dieser Politgötzen war, so abgrundtief richtete sich unser Hass gegen unsere Elterngeneration, ja gegen uns selbst. Etwa zehn Millionen unserer eigenen Kinder abgetrieben zu haben und das auch noch als politischen Erfolg zu feiern, kann kaum anders als mit dem Prädikat ›geistig deformiert‹ bewertet werden.«
Nach dem Anschauen des 45-minütigen Dokumentarfilms bleibt der Zuschauer – je nach Gemüt – empört, zornig oder resigniert zurück. Wenn sich auch zahlreiche Menschen im Internet-Blog des
rbb über die Kontraste-Sendung beschwert haben, so hatte der Beitrag doch zur Folge, dass das Kreisverwaltungsreferat München die Gehsteigberatung verboten hat. Zu einer anderen Zeit und unter besseren politischen Rahmenbedingungen würden die Gehsteigberater mindestens mit Verdienstkreuzen ausgezeichnet werden, doch in der Begründung der Stadt München ist von einer »grob ungehörigen Handlung« die Rede, »die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen.«
Diese Wortwahl könnte jedoch eher und weitaus treffender den Kontraste-Beitrag charakterisieren; so sieht Rechtsanwalt Wolfgang Philipp in dem Machwerk den Tatbestand der Volksverhetzung verwirklicht und hat dies der Berliner Staatsanwaltschaft zur Kenntnis gebracht.
»Der Rundfunk ist wieder zur Beute weltanschaulicher Kräfte geworden.« – Der Zuschauer kommt nicht umhin, diesem beängstigenden Resümee Poppenbergs zuzustimmen. Doch so hilflos, wie sich einige Gebührenzahler den öffentlich-rechtlichen Riesenapparaten ausgeliefert fühlen, sind sie gar nicht. Eine einzelne Programmbeschwerde hilft vielleicht wenig, jedoch wird es einigen Verantwortlichen durchaus zu denken geben, wenn viele aufgeklärte Bürger mutig aufstehen und sich gegen die Verhöhung des Programmauftrags wehren. Ganz nach Winston Churchills Motto: »Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.«
[1] In: Zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – eine medienpolitische Standortbestimmung der Gremienvorsitzenden der ARD
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