Monday, 21. May 2012
23.10.2008
 

»Mama« und »Papa« im Zerrspiegel der Medien

Viktor Farkas

Möglicherweise wird Ihnen bald schon während der Werbeblöcke im Fernsehen – sofern Sie nicht die Toilette aufsuchen oder die entsprechenden Minuten anderweitig nutzen – die Absenz von kochenden, die Küche putzenden, Wäsche waschenden oder bügelnden Frauen und Männern in schnellen Autos auffallen, die ohnedies schon länger durch Powerfrauen im Managerlook und Kinder tätschelnde Papas verdrängt werden.

Das ist kein Zufall, sondern EU-Werk. Im Herbst 2008 stimmte die Mehrheit der Abgeordneten im Europäischen Parlament für den Antrag der schwedischen Abgeordneten Eva-Britt Svenson, der stellvertretenden Vorsitzenden der Fraktion der Vereinigen Linken/Nordische Grüne, welcher die Überwachung der Werbung zwecks Beseitigung der traditionellen Geschlechterrollen zum Inhalt und Ziel hat. Grund dafür, schärfer vorzugehen, ist das im Antrag in Berichtform festgehaltene Erschrecken darüber, dass die Ungleichheit der Geschlechter trotz »mehrerer gut dotierter Gemeinschaftsprogramme zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter immer noch weit verbreitet ist«.

Daher müsse schon den Kleinkinder unmissverständlich eingebläut werden, dass es, von ein paar unerheblichen Äußerlichkeiten abgesehen, keine wirklichen Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein gibt. Den Mitgliedsstaaten wird somit aufgetragen, nicht nur umgehend öffentliche Stellen einzurichten, bei denen man sich über klischeehafte Werbung beschweren kann, sondern die Ziele des Berichtes bindend in die Rechtsordnung aufzunehmen. Um dieses Diktat auch der Werbewirtschaft schmackhaft zu machen, obliegt es den Mitgliedstaaten, Werbungen mit Preisen zu bedenken, in welchen den Geschlechterstereotypen am effektivsten der Garaus gemacht wird. Manche nennen das »Peitsche und Zuckerbrot«.

Die Unterhaltungsindustrie präsentiert die klassische Familie schon seit Längerem nicht selten als Relikt aus der (verdächtigen) Vergangenheit oder simpel als Lachnummer. Voll im Trend des »Zeitgeistes« erscheinen Ehe und Familie als unerträgliches Gefängnis – mit dem Ehemann als tyrannischem Kerkermeister. Eine Befreiung nur gibt es aus diesem Joch: Berufstätigkeit.

Egal ob in Krimiserien, Fernsehfilmen oder auch Politbeiträgen, allerorten tummeln sich Frauen und Familien oftmals in ziemlich realitätsfremden Settings: Berufstätige Mütter haben kaum Erziehungsprobleme. Sie müssen sich auch selten damit herumschlagen, wo sie ihre Sprösslinge während der Arbeitszeit deponieren sollen. Dunkle Augenränder nach schlaflosen Nächten am Bett eines kranken Kindes bekommt man ebenso wenig zu sehen, wie die schwierige Balance zwischen Job und Familie, und vieles andere, von dem Alleinerzieherinnen ein Lied singen könnten – allerdings nicht in »Soaps«.

Dafür werden alleinerziehende Väter groß herausgestellt, obgleich auch sie im wahren Leben (noch) eine Ausnahmeerscheinung sind. Misstrauische meinen, man würde diese Ausnahme in absehbarer Zeit gesetzlich zur Fast-schon-Norm machen. Auch gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wird, wie manche meinen, medial überproportional in der Realität Raum gegeben.

Eine Studie des Adolf-Grimme-Instituts im Auftrag des Bundesfamilienministeriums, die das Bild der Familie in fiktionalen und non-fiktionalen Fernsehbeiträgen untersucht hat, dokumentiert den Unterschied zwischen »Dichtung und Wahrheit«. Über das Jahr 2004 verteilt waren 400 Stunden Fernsehprogramm von öffentlich rechtlichten und von privaten Sendeanstalten begutachtet worden. Dabei wurden nicht nur »Soaps« unter die Lupe genommen, sondern auch Gerichts- und Talkshows sowie Nachrichten, Magazin-, Boulevard- und Ratgebersendungen.

Während im wahren Leben 85 Prozent aller Kinder mit beiden leiblichen Eltern aufwachsen und nur 15 Prozent bei Alleinerziehenden, hat die Fernsehfilmstichprobe ein genau umgekehrtes Verhältnis ergeben. Die Autorin der Studie zog das Resümee: »Singles dominieren auf dem Bildschirm, und zwar in ständig zunehmendem Maße.«. Laut der Studie leben nur vier Prozent der in Fernsehfilmen auftretenden Hauptdarstellerinnen in einer sogenannten Normalfamilie. Die klassische Hausfrau kommt so gut wie gar nicht mehr vor. Schon 1975, als Medienwissenschaftler erstmals das Bild der Frau und damit auch das der Familie im Fernsehen untersuchten, waren ein Drittel aller dargestellten Frauen ledig und alleinstehend.

Inzwischen gibt es im Fernsehen doppelt so viel Singles wie in der deutschen Realität, in der sie nicht einmal ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Dem TV-Zuschauer hingegen wird die Kleinfamilie als Auslaufmodell vermittelt.

Das Familienbild im Fernsehen präsentiert im Familienfilm multi-tasking-begabte alleinerziehende Frauen, und im Krimi melancholische einsame Kommissarinnen bzw. deren Gegenstück, den nicht minder einsamen, meist in Bars oder vor dem Fernseher hockenden männlichen »Bullen«, der nicht selten Alleinerzieher ist. In den Familienserien hingegen dominieren weitverzweigte Großfamilien ohne Kleinkinder.

Die vor allem im Abendprogramm auftretende attraktive Powerfrau ist meist Single und/oder alleinerziehend und berufstätig, wobei sie Beruf und Kind spielend unter einen Hut bringt. Geldsorgen hat sie keine, nur der Sexpartner (nicht der Ehemann) fehlt, aber diesem Mangel wird meist noch vor Ende der Sendung abgeholfen.

All das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker. Sie erblicken darin ein von den »One Worldlern« inszeniertes Medienkomplott gegen die klassische Familie. Solchen Vermutungen muss man nicht zwangläufig das Wort reden, auch wenn sie naheliegend sind. Vielleicht oder wahrscheinlich geht es einfach um die Quote, das heißt, um Spannung. Die in TV-Produktionen und Filmen der 1950er- und 1960er-Jahre vorherrschende Familie war sicher unterhaltsam. Besonders spannend war sie aber nicht, und daher wohl immer wenig geeignet, Zuschauer zu fesseln, die aus allen Rohren ballernde und Verbrecher mit Kung-Fu-Hieben zusammenschlagende Polizistinnen oder Konzerne dirigierende Supermanagerinnen erwarten. Die Phantasie ist nun mal attraktiver als die schnöde Wirklichkeit …

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