Wer heute über den herrschenden Werteverfall diskutiert, auch darüber, dass inzwischen nahezu alle moralischen Grenzen eingerissen worden seien, der hat das TV-Oeuvre Klimawechsel noch nicht gesehen! Es geht um Frauen in den Wechseljahren, ein Thema, über das »endlich mal geredet werden müsse«! Ach, ja? Wer sagt das denn? Wer behauptet eigentlich, dass jede kleinste, private Nische plötzlich ins Scheinwerferlicht der Medien gezerrt werden muss, damit »wir endlich mal darüber reden«? Gehört es ebenso zur modernen, globalisierten Neuzeit wie der Nacktrodelwettbewerb im Harz oder die barbusigen Hausfrauenmodels jeden Morgen in der bundesdeutschen Tageszeitung? Wie der Sexualkundeunterricht in Kindergärten und die Abschaffung der Geschlechter?
Traurig, peinlich und schamlos war es, was gezeigt wurde. Frauen von heute um die fünfzig: Aufgescheuchte, zutiefst unsichere, sexsüchtige, psychopathische, lebensuntüchtige Hühner! Sie gehen fremd, sie sind sexbesessen, sie nehmen jede Demütigung auf sich, um attraktiv zu wirken, sie lassen sich die Brüste vergrößern, die Vagina zunähen, sie machen sich klein, wo sie so groß sein könnten. Sie sind müde, vergesslich und debil, solange sie ihr Baby stillen, und weil sie erwerbstätige, doppelbelastete Lehrerin sind, wollen sie den Säugling eigentlich am liebsten immer wieder mal an die Wand schmeißen!
Wen immer Frau Dörrie und ihre Schreibkumpanin Ruth Stadler vor dem verruchten Geistesauge gehabt haben mochten, Frau Durchschnitt war es sicher nicht. Eher liegt der Verdacht nahe, dass die Film-und-TV-Expertinnen sich einige emotional versehrte Kolleginnen aus den Medien herausgesucht haben mochten (Beispiele gibt es ja genügend), denen sie kurzerhand ein »normales Leben« als gewöhnliche Lehrerinnen überstülpten und sie so fernsehkompatibel für das ZDF-Abendprogramm zu machen suchten.
Für jeden Mann muss das Zuschauen ein einziger Albtraum gewesen sein, eine mit nichts zu beschreibende Zumutung. Und die letzte Entzauberung dessen, was noch im zarten Spiel zwischen dem heutigen Mann und der heutigen Frau übrig gewesen sein mochte, fand gestern Abend zwischen 20:15 Uhr und 21:45 Uhr im Zweiten Deutschen Fernsehen statt. Herzlich willkommen im GEZ-Land der Frauenträume!

Abgesehen von der letzten Entwertung der Frau, die diese »Tragikkomödie« mit einem einzigen, eisernen Filmschnipsel nun in unsere Gesellschaft getragen hat, bekamen auch die Männer ihr Fett weg: Im Prinzip wurden sie als nichts merkende Volltrottel, rammelnde Karnickelböcke, esoterisch-tanzende Sufis und allzeit bereite Fremdgehmonster dargestellt, psychopathisch erscheinen sie ohnehin alle. Ein Film, der sich »Aufklärung« zum Ziel gesetzt hatte, doch der einen beachtlichen misanthropischen Charakter offenbart: Die Schreiberlinge können weder Mann noch Frau wirklich leiden, Kinder schon gar nicht! Im Gegenteil, die bitterböse Darstellung, die eigentlich lustig gemeint sein sollte, zeigt die wahren Empfindungen und Gefühle der Autoren über diese Gesellschaft, über den Menschen an sich: Abneigung und Bitterkeit und Groll!
Ja, natürlich haben Frauen in den Wechseljahren manchmal mehr Probleme mit sich selbst als früher. Und die allermeisten haben diese Schwierigkeiten übrigens irgendwann auch bewältigt, mal früher oder später, mal schlechter, mal besser. Wie unsere Mütter und unsere Großmütter ebenso. Schweißausbrüche, Stimmungsschwankungen, Herzrasen, Schlaflosigkeit. Na, und? Vielleicht ist dies ja auch eine gute Gelegenheit, um sich selber einmal jene Fragen zu stellen, vor denen man sich Jahre lang zu drücken versucht hatte? Vielleicht wurden sie ja dafür eingerichtet, diese Wechseljahre? Auftretende Schwierigkeiten im Leben sind für die Weiterentwicklung eines Menschen nicht unwichtig, wenn man sie denn als Herausforderung betrachtet, sie annimmt und an ihnen arbeitet.
Wenn man sich die Wechseljahres-Symptome näher ansieht, kann man leicht erkennen, dass es sich dabei ausnahmslos um Zeichen der Angst handelt: Schweißausbrüche, Herzrasen, Schlaflosigkeit! Und anstatt diese zu verdrängen oder das Gegenteil zu tun: »Herzhaft darüber zu lachen«, und sich dennoch heimlich weiter den Schweiß von der Stirn zu wischen und das Hormongel einzumassieren, hätte frau in Wirklichkeit eine gute Gelegenheit, sich ein Stück weiterzuentwickeln, um dahinter zu kommen, warum ausgerechnet in dieser Lebensphase Angstmerkmale auftauchen. Eine spannende Abenteuerreise für jede Einzelne, die sie einen Riesenschritt weiterbringen könnte, wenn sie das Thema ernst genug nähme und ganz persönliche Ursachenforschung betriebe, abseits jeder Frauenarztpraxis und ohne jegliches Östrogenrezept. So manches Symptom verschwindet dann nämlich wieder wie von alleine und dauert eben nicht, »bis man 75 ist«!
Diese Herausforderung filmisch darzustellen, wäre wohl zu viel verlangt gewesen. Deutlich wird durch diese Kurzfilmserie vor allem eines: Die öffentlich-rechtlichen Anstalten sind erheblich mehr am bundesdeutschen Werteverfall beteiligt, als sie es immer wieder zu beteuern versuchen. Es nützt nichts, mit dem ausgefahrenen Zeigefinger auf die bösen kommerziellen Sender zu zeigen und laut zu schreien: »Ihr seid die Bösen!«
Die Frage, die offenbleibt, lautet: Wie steht es denn eigentlich mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag? Gehört dazu auch, die letzten Anstandsregeln einer im Sinkflug befindlichen Gesellschaft zu sprengen und der Schamlosigkeit den roten Teppich auszurollen? Ist es das, wofür die Zuschauer ihre Gebühren bezahlen müssen? Darüber, das dürfte ganz sicher sein, gibt es mindestens zwei Meinungen!
© 2010 Das Copyright dieser Seite liegt, wenn nicht anders vermerkt, beim Kopp Verlag, Rottenburg
Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.