Der Selbstmord des Bruce Edward Ivins
Andreas von Rétyi
Vor wenigen Tagen starb der Mikrobiologe Bruce E. Ivins. Selbstmord, so heißt es. Ivins arbeitete für die US-Regierung und unterstützte das FBI jahrelang bei sämtlichen Ermittlungen zu den Milzbrand-Attacken, die gleich nach dem 11. September 2001 folgten. Dann geriet er selbst unter Verdacht – als genialer Kopf hinter dem finsteren Mikroben-Terror!

Wir erinnern uns gut: Der Schock des 11. September saß noch tief in den Knochen, da zirkulierten bereits neue Schreckensmeldungen. In den USA waren Briefe aufgetaucht, mit Milzbrand-Erregern verseucht und adressiert an Mitglieder des US-Kongresses sowie Fernseh- und Zeitungsredaktionen. Fünf Menschen starben damals, 17 weitere erkrankten schwer. Der Terror setzte sich also fort. Und seine mörderischen Hintermänner kannten keine Grenzen der Fantasie. Wieder konnte es jedermann treffen. Waren diese verhängnisvollen Briefe lediglich Vorboten einer weit heftigeren Attacke? Was, wenn irgendwer die »Büchse der Pandora« während einer Großveranstaltung oder beispielsweise in der U-Bahn öffnete, mitten im Berufsverkehr? Die Angst ging überall um. Doch es blieb still. Weder sprengte al Qaida den Hoover-Damm in die Luft noch brach irgendwo eine Epidemie aus.
Allmählich gelangten dann erste genaue Analysen der Anthrax-Sporen an die Öffentlichkeit – mit nicht minder erschreckender Wirkung. Der Feind war auch hier in den eigenen Reihen zu suchen. Nein, nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden! Das sagt auch Richard Schuler. Der Anwalt von Maureen Stevens, Witwe eines Milzbrand-Opfers, behauptete schon länger, dass jener Anthrax-Stamm bis hin zu Fort Detrick zurück verfolgt werden könne, der Zentrale von USAMRIID – dem auf Infektionskrankheiten spezialisierten medizinischen Forschungsinstitut der US-Armee (U. S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases). Juristen der Regierung aber blockieren den Fall: aus Gründen der viel zitierten nationalen Sicherheit.

Nun ist einer der führenden Wissenschaftler von USAMRIID tot. Angeblich setzte er seinem Leben am 29. Juli selbst ein Ende – durch eine Überdosis der Schmerzmittel-Kombination Tylenol mit Kodein. Der 62-jährige Bruce Ivins galt als Spitzenkraft auf seinem Fachgebiet. 36 Jahre lang war er als Wissenschaftler tätig und arbeitete als leitender Forscher auf dem Sektor der Bioverteidigung im USAMRIID. Er veröffentlichte zahlreiche Spezialbeiträge und zitierte in den späteren Publikationen nicht selten jene Anthrax-Angriffe von 2001 als Beleg für die hohe Bedeutung seiner Forschungen. Manche sehen darin auch den Motor für sein gesamtes Handeln. Beruflicher Ehrgeiz und finanzielle Verlockungen durch entsprechend lukrative Patente sollen Ivins bis hin zu einem diabolischen Plan getrieben haben, der vor mehrfachem Mord nicht halt machte. Gleichzeitig war er von Anfang an bei den Ermittlungen des FBI dabei. Als brillanter Mikrobiologe half er der US-Bundespolizei bei der Analyse des oft todbringenden Pulvers, das ursprünglich aus seinem eigenen Institut gekommen sein muss und dann einzig und ausschließlich in den unheimlichen Labors des abgelegenen Dugway Proving Ground, Utah, aufbereitet worden sein kann.

2003 erhielt Ivins zusammen mit zwei Kollegen die höchste Auszeichnung, die das Verteidigungsministerium zivilen Mitarbeitern überhaupt verleihen kann – die Decoration for Exceptional Civilan Service. Den drei Wissenschaftlern wurde die hohe Ehre zuteil, weil sie wesentliche Probleme bei der Herstellung von Anthrax-Impfstoff gelöst hatten. Während dessen geriet zunächst der Wissenschaftler Steven Hatfill in den Verdacht des FBI, etwas mit den mörderischen Postsendungen zu tun gehabt zu haben. Im März 2008 aber wurde er rehabilitiert, stattdessen richtete sich nun der Hauptverdacht ganz offiziell auf Ivins. Inoffiziell habe er, wie es heißt, allerdings schon seit 2002 im Visier des FBI gestanden. Ende 2006 übergab FBI-Chef Robert Mueller die Leitung der Untersuchungen in neue Hand. Und das neue Team fokussierte seine Ermittlungen nunmehr ganz direkt auf Ivins. Seit der Entlastung Hatfills wirkte der Wissenschaftler zunehmend gestresst. Allerdings hatte man sein Haus auch schon zweimal durchsucht; sein Kollege Russell Byrne sprach davon, FBI-Agenten piesackten Ivins geradezu. Zuletzt ließ man ihn nicht mehr an seinen Arbeitsplatz, da er sich und andere angeblich gefährden würde.

War der Mikrobiologe mittlerweile wirklich zu einer Bedrohung geworden? Das zumindest behauptete die Suchtberaterin Jean C. Duley, die man ihm zur Seite gestellt hatte. Ivins habe sie schon lange verfolgt und mit dem Tode bedroht. Doch so lange kannte sie ihn noch gar nicht! Und bald war er tot. Er starb kurz nachdem das FBI ihm seinen Verdacht enthüllt und die bevorstehende Strafverfolgung angekündigt hatte.
In den großen US-Medien wird Ivins Charakter bereits durchweg demontiert, als würde seine Schuld tatsächlich feststehen. Doch der Tod des Mikrobiologen ist von einigen Merkwürdigkeiten umgeben. Noch sind nur wenige Einzelheiten bekannt, vieles ist noch unklar, doch schon das Wenige, was wir augenblicklich wissen, gibt Anlass zur Verwunderung. Kurz vor seinem Tod lieferte man Ivins »vorübergehend« in eine Nervenheilanstalt außerhalb von Baltimore ein, doch stammen die wesentlichen Aussagen über seinen Geisteszustand nicht von den entsprechenden Fachärzten, sondern von jener Mrs. Duley, die lediglich als psychologische Beraterin tätig ist. Nachdem Ivins im Frederick Memorial Hospital in Frederick, Maryland, verstorben war, ordnete niemand eine Autopsie an. Ebenfalls recht ungewöhnlich. Noch einige weitere Ereignisse und Umstände geben zu denken. Dieser sehr frische Fall ähnelt zahlreichen anderen vermeintlichen Selbstmorden und gibt bereits jetzt etliche Rätsel auf. Wurde Ivins zum Schweigen gebracht?
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