Freitag, 28. April 2017
21.05.2016
 
 

Der synthetische Mensch: Geheimtreffen in Boston

Andreas von Rétyi

Geheimtreffen haben wieder Hochkonjunktur, nicht nur innerhalb der politischen und ökonomischen Elite. Unlängst fanden sich in Boston rund 150 Wissenschaftler, Anwälte und Unternehmer ein, um ein sehr ungewöhnliches Projekt zu besprechen – sie beabsichtigen, das komplette menschliche Erbgut künstlich aufzubauen, unser Genom zu synthetisieren. Medien wurden nicht eingeladen und Teilnehmer zum absoluten Stillschweigen verpflichtet.

 

Die Konstellation gibt Anlass zur Sorge. Da treffen sich Genexperten, Juristen und Unternehmer aus dem Bereich Gentechnologie, um in den heiligen Hallen der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts, über ein revolutionäres Konzept zu beraten. Dieses Konzept brächte weitreichende Konsequenzen für die Menschheit mit sich und erscheint ethisch äußerst fragwürdig. Die Öffentlichkeit darf natürlich nichts von alledem erfahren.

 

Eine Rechnung, die nicht ganz aufgegangen ist, denn einige bemerkenswerte Informationen sind doch nach außen gedrungen. Sogar die New York Times (NYT) berichtete unlängst. Und einige der geladenen Experten hielten sich sogar von der geheimnisvollen Konferenz fern, da sie das dort besprochene Projekt schlichtweg nicht unterstützen wollen.

 

Kritische Wissenschaftler und Journalisten stellen eindeutig fest: Angesichts der diskutierten Thematik besteht Anlass zur Sorge. Denn die Schaffung eines völlig synthetischen menschlichen Genoms unterscheidet sich grundsätzlich vom Gen-Editing. Während bei letzterer Option molekularbiologische Veränderungen der DNS durchgeführt, DNS-Bereiche entfernt, neue Abschnitte eingefügt oder ausgewählte Teile spezifisch verändert werden, zielt das ominöse Projekt darauf ab, das gesamte Genom des Menschen im Chemielabor herzustellen. So soll die komplette DNS menschlicher Chromosomen reproduziert werden, wobei prinzipiell viele Möglichkeiten bestehen, Menschen nach Maß zu schaffen. Das wäre sozusagen ein Fernziel, jedoch keineswegs ein undenkbares, weil unerreichbares Ziel.

 

Die Basensequenzen könnten gleichsam auf die jeweiligen »Kundenbedürfnisse« zugeschnitten werden, wobei Genetiker sich nicht auf die von der Natur vorgegebenen beiden Basenpaare beschränken müssten. Im Endeffekt sind dann neue Menschen »aus dem Katalog« möglich, sogar »Quasi-Menschen« ohne Eltern. Kritiker mahnen zur Vorsicht, sprechen von einer Problematik, die sehr gründliches Nachdenken sowie ausführliche Diskussionen auf vielerlei Ebenen erfordere, während das Projekt bereits in seinen Anfängen ganz offensichtlich auf die falschen Füße gestellt worden sei. Und zwar allein durch die Geheimhaltung.

 

Angeblich sei das Ganze ein gewaltiges, bedauerliches Missverständnis. Das zumindest beteuert die federführende Kraft hinter dem verschwiegenen Meeting: der Genetiker George Church, Professor an der Harvard Medical School. Es gehe überhaupt nicht um synthetische menschliche Genome, so entgegnet er, sondern lediglich um Anstrengungen, die Fähigkeiten zur Synthetisierung langer DNS-Stränge zu verbessern. Denn damit ließen sich alle denkbaren Arten von Tieren, Pflanzen und Mikroben schaffen. So viele Möglichkeiten also, doch der Mensch bleibt bei Church interessanterweise völlig unerwähnt. Zufall oder Notwendigkeit?

 

Tatsächlich ist die DNS-Synthese heute nach wie vor noch sehr schwierig, fehleranfällig und weitgehend auf relativ kurze Stränge beschränkt. Immerhin aber hat der berühmt-berüchtigte amerikanische Genwissenschaftler J. Craig Venter bereits ein bakterielles Genom mit rund einer Million Basenpaaren synthetisiert, allerdings vorwiegend in Gestalt einer Kopie. Der ebenfalls zu den Organisatoren des Geheimtreffs zählende Dr. Jef Boeke führt ein internationales Konsortium an, das gegenwärtig das Genom von Hefe synthetisiert. Hier geht es nun um rund zwölf Millionen Basenpaare. Die Forscher löschen dabei funktionslose Abschnitte, um ein stabileres Genom zu produzieren.

 

Jeweils drei Basenpaare codieren in verschiedener Kombination für eine der natürlich vorkommenden Aminosäuren, deren Abfolge wiederum ein Protein bestimmt. Dabei liegt die durchschnittliche Größe eines Gens bei etwa 3000 Basenpaaren, doch einige setzen sich aus weit mehr zusammen. Mit über 2,4 Millionen Basenpaaren gilt das Dystrophin-Gen als größtes bekanntes menschliches Gen. Damit verbinden sich hohe Herausforderungen für die Gen-Synthetiker, doch während die Fähigkeiten immer weiter steigen, sinken gleichzeitig die Kosten. Im Jahr 2003 kostete die Synthese – pro Base gerechnet – rund vier US-Dollar, mittlerweile sind es nur noch drei Cent. Bei den insgesamt rund drei Milliarden »Buchstaben« des menschlichen Genoms würde sich also der Gesamtpreis bei dieser schlichten Rechnung auf etwa 90 Millionen US-Dollar summieren.

 

Diese Zahlen nennt Professor Drew Endy, Mitbegründer der DNS-Synthesefirma Gen9. Wenn sich diese Tendenz auch künftig fortsetze, so Endy, dann ließe sich in 20 Jahren das komplette Genom zum eher bescheidenen Preis von 100 000 US-Dollar synthetisieren. Doch begeistert von der Geheimtagung in Boston zeigt sich Endy nicht. Obwohl er hierzu eingeladen worden war, entschloss er sich, nicht teilzunehmen. Seine Begründung für die Absage: die weitreichende Verschwiegenheit und offenbar mangelnde Berücksichtigung ethischer Faktoren.

 

Professor Church verteidigt hingegen den großen Plan und will das Missverständnis herausstreichen: »Sie zeichnen ein Bild, das dieses Projekt nicht richtig repräsentiert. Wenn das Projekt wirklich darin bestünde, würde ich mich davon distanzieren.« Doch Andrew Pollack, Autor des NYT-Beitrags, erinnert an den ursprünglichen Namen des Vorhabens – »HGP2: The Human Genome Synthesis Project«. Das umreißt alles doch bereits recht deutlich. Und schon die Einladung zu jenem Treffen definierte die Zielsetzung punktgenau: Es gehe darum, »innerhalb von zehn Jahren das komplette menschliche Genom innerhalb einer Zelllinie zu synthetisieren«. – Kaum noch missverständlich.

 

Später wurde die Formulierung wesentlich geändert, dann hieß es plötzlich: »HGP-Write: Das Testen großer synthetischer Genome in Zellen«. Damit klingt alles schon etwas verschwommener. Und warum? Angeblich, weil der ursprüngliche Name zu »schlagzeilenträchtig« wirkte. Seltsam, wo doch das gesamte Treffen hinter verschlossenen Türen stattfand, unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Und womit wird diese Tatsache wiederum begründet? Church erklärt dazu, seine Forschergruppe habe einen wissenschaftlichen Beitrag verfasst und ihn bereits an ein Fachblatt übermittelt. Vor der Publikation dürfe das Team daher nichts öffentlich diskutieren.

 

Ebenfalls eine seltsame Darstellung. Warum versammelt man sich, bevor überhaupt die Arbeit abgesegnet und deren Veröffentlichung bestätigt ist? Außerdem begründet sich damit auch kaum die strikte Geheimhaltung. Viele Arbeiten werden bereits vor einer Veröffentlichung von den Instituten für Journalisten freigegeben. Allgemein üblich ist hier ein Embargo-System, das Autoren ermöglicht, die Publikation vorab zu sichten und eventuell für die eigene Berichterstattung auszuwerten. Kein Autor darf allerdings vor Ablauf einer Sperrfrist publizieren. Daran wird sich auch tunlichst jeder halten. Das allerdings hat überhaupt nichts mit Geheimniskrämerei zu tun, sondern schlicht mit journalistischer Ethik. In jedem Fall finden die Informationen ihren Weg an die Öffentlichkeit. Ganz anders im vorliegenden Fall.

 

Wenn Professor Church das Genom einer kompletten menschlichen Zelllinie synthetisieren will, wenn er nicht nur »lesen«, sondern eben vollumfänglich auch »schreiben« will, so sehen darin kritische Experten den Anfang einer sehr bedenklichen Entwicklung, an deren Ende der synthetische Mensch steht. Und der könnte eine Art »Superrasse« der Zukunft bilden.

 

Die Konsequenzen wären kaum abzusehen. Die künstliche menschliche Zelle stellt natürlich ein weit komplexeres Unterfangen dar als Venters unfraglich erstaunliche Leistung, ein bakterielles Genom zu kopieren, oder der Versuch, das Hefe-Genom künstlich nachzuvollziehen. Doch darf davon ausgegangen werden, dass die Wissenschaft auch hier erfolgreich sein wird.

 

Drew Endy hat zusammen mit Laurie Zoloth, einer Professorin für medizinische Ethik an der Northwestern University, Chicago, einen kritischen Essay zur Geheimtagung und ihrem heiklen Thema verfasst. Hier geben die beiden Forscher auch zu bedenken: »Andere Aspekte der heutigen Agenda beinhalten Veränderungen des menschlichen Genoms an sich. Könnten Wissenschaftler beispielsweise ein modifiziertes menschliches Genom synthetisieren, das gegenüber allen natürlichen Viren resistent ist? Wahrscheinlich könnten sie das, zu rein nützlichen Zwecken.

 

Was aber, wenn andere dann versuchten, modifizierte Viren zu synthetisieren, die solche Resistenzen überwinden? Könnte ein solches Handeln sogar einen Rüstungswettlauf des Genom-Engineering auslösen?« Die beiden Autoren sprechen auch die religiöse Bedeutung der Schöpfung des Menschen an. Der künstliche Eingriff in dieses Schema wäre auch für viele religiöse Gemeinschaften von enormer moralischer Konsequenz. Unabhängig davon stellen Endy und Zoloth fest: »In einer Welt, wo die menschliche Reproduktion bereits zu einem von Wettbewerb geprägten Marktplatz geworden ist, auf dem Eizellen, Sperma und Embryonen ein Preisschild tragen, ist es leicht, noch weit befremdlichere Anwendungen der Synthesekapazitäten für das menschliche Genom zu erfinden.

 

Wäre es beispielsweise in Ordnung, Einsteins Genom zu sequenzieren und anschließend zu synthetisieren? Und falls ja, wie viele Einstein-Genome sollten dann angefertigt und in Zellen installiert werden, und wer dürfte das dann tun? … Nur weil etwas möglich wird – wie sollten wir es angehen, zu bestimmen, ob es auch ethisch vertretbar wäre, dieses Ziel zu verfolgen? Angesichts der Tatsache, dass die Synthese des menschlichen Genoms eine Technologie darstellt, die den Kern all dessen, was den Menschen als eine gemeinsame Spezies verbindet, völlig neu definieren kann, behaupten wir: Diskussionen darüber, solche Kapazitäten real umzusetzen, so wie das auch auf der heutigen Harvard-Konferenz besprochen wurde, sollten nicht ohne eine offene und rechtzeitige Erörterung stattfinden, ob es auch moralisch vertretbar ist, damit fortzufahren.«

 

Die Geheimtagung an der Harvard Medical School weckt jedenfalls wenig Vertrauen in die Motive und Absichten der Genexperten, die sich dort versammelt haben.




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