Dienstag, 27. Juni 2017
21.06.2016
 
 

Die Anti-Terror-Formel: Lassen sich Anschläge vorausberechnen?

Andreas von Rétyi

Der amerikanische Physiker Neil Johnson hat ein ungewöhnliches mathematisches Modell entwickelt. Es versucht, Terrorangriffe aus Online-Aktivitäten relativ kleiner Gruppen abzuleiten und bevorstehende Attacken sogar vorherzusagen. Kann das funktionieren? Einige Experten zeigen sich skeptisch, außerdem könnte das Verfahren auch unerwünschte Nebenwirkungen haben.

 

Orlando. San Bernardino. Paris. Der Terror hält die Welt in Atem. Ein US-Wissenschaftler glaubt jetzt, möglicherweise ein wirksames Mittel im Kampf gegen den Terror gefunden zu haben. Neil Johnson ist Physiker an der Universität Miami. Eigentlich kaum jemand, von dem man erwarten würde, dass er sich beruflich mit der Analyse oder Bekämpfung von Terroranschlägen auseinandersetzt.

Allerdings befasst er sich mit der Physik kollektiven Verhaltens, mit komplexen Mustern, die in der realen Welt in Erscheinung treten. Er will ihre Gesetzmäßigkeiten erforschen. So untersucht er die Wechselwirkungen von Systemen, an denen zahlreiche Objekte beteiligt sind, von Nervenzellverbänden über Krebsentstehung bis zum Verkehrschaos oder eben auch Terrorattacken, die über soziale Netzwerke organisiert werden.

 

Johnson leitet eine Forschergruppe, die nun ein mathematisches Modell zur Analyse pro-terroristischer Aktivitäten ausgearbeitet hat. Damit will er sogar vorhersagen, wann wieder eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen Anschlag besteht. Am vergangenen Dienstag wurde seine Studie im renommierten Fachblatt Science veröffentlicht. Hier stellen Johnson und seine Kollegen ihre Ergebnisse vor, die sie zwischen Mitte 2014 und August 2015 gewonnen haben.

 

Im Fokus dieser Untersuchung steht der in Russland ansässige Mediendienst vk.com (Vkontakte) als größtes europäisches Facebook-Pendant. Die Forscher filterten heraus, wo überall Enthauptungen und Blutbäder erwähnt wurden. In verschiedensten Sprachen, versteht sich. Dabei sei es vor allem darum gegangen, eine »geeignete quantitative Wissenschaft zum Online-Extremismus« ins Leben zu rufen. Gegenwärtig herrsche auf dem Gebiet eher typisches »Black-Box-Denken« vor.

 

Die neue Methode bestehe darin, nicht Millionen einzelner Nutzer zu verfolgen oder große Gruppen der sozialen Medien ins Visier zu nehmen, sondern sich stattdessen auf kleine, agile Gruppen zu konzentrieren. Denn genau sie reflektierten die Grundströmungen neuer Aktivitäten. Würde man sie verfolgen, könnte möglicherweise auch ermittelt werden, wo sich solche Aktivitäten dann schließlich äußern.

 

Zwar ließen sich dadurch vielleicht immer noch keine individuellen Taten vereiteln, ähnlich den Massakern von Orlando oder San Bernardino, doch könne das Verfahren  eventuell eine wertvolle Hilfe bieten und anzeigen, wann die Zeit für einen neuerlichen Anschlag reif sei. Warum aber hat sich die Forschergruppe ausgerechnet Vkontakte zugewandt? Johnson verweist darauf, dass Diskussionen pro IS auf Facebook sehr schnell geschlossen werden, außerdem seien die 350 Millionen Vkontakte-Nutzer »sehr verschiedenartig«, einschließlich vieler Tschetschenen als Zielen von IS-Propaganda.

 

Hauptgegenstand der Studie waren kleine Gruppen von IS-Unterstützern, die allesamt bei Online-Aktivitäten entstanden sind. Am Ende fanden sich 200 solcher Gruppierungen mit insgesamt über 100 000 Mitgliedern. Sie tauschten Informationen zum Selbstschutz bei Drohnenangriffen aus, diskutierten über Loyalität zu Extremisten oder die Finanzierung extremistischer Aktivitäten. Einzelne Sympathisanten – »einsame Wölfe« –  bleiben nicht lange allein, so erläutert Johnson.

 

Vielmehr schließen sie sich innerhalb weniger Wochen einer kleinen Gruppe an. Wie die Studie folgert, halte eine rechtzeitige Zerschlagung solcher Gruppen ihre Mitglieder davon ab, mit größeren Pro-IS-Gruppen zu verschmelzen. Die Blockierung von Vkontakte sorge hingegen in aller Regel lediglich für eine Neuformierung unter anderem Namen, vielleicht für eine kurze Pause der Aktivitäten, aber nicht mehr.

 

Die US-Forscher stellten fest, dass sich die Zahl solcher kleinen Online-Gruppen kurz vor einer neuerlichen Attacke möglicherweise sogar deutlich erhöht. Zumindest bei einem Großanschlag sei das so gewesen – bei der IS-Attacke auf die syrische Stadt Kobani im September 2014. Zum Test gaben die Forscher sämtliche Daten über die vorausgehende Entwicklung kleiner Online-Gruppen in ihre Formel ein und erhielten eine entsprechende Prognose. Die Gleichung habe damit unter Beweis gestellt, reale Vorgänge gut zu beschreiben.

 

Was halten andere Fachleute von der Studie und der hier vorgestellten Formel? Der Extremismus-Forscher J. M. Berger von der George-Washington-Universität hält den Ansatz zwar für interessant, glaubt aber, dass noch viel Arbeit nötig ist, bevor von einer Nutzbarkeit die Rede sein darf. Sicherheitsexpertin Faiza Patel von der Universität New York sieht die Sache ähnlich: »Es gibt Möglichkeiten, kleine Gruppen anstelle der gesamten Population der Internetnutzer zu beobachten.« Doch das Kobani-Einzelbeispiel überzeugt sie nicht: »Offen gestanden, zum gegenwärtigen Stand der Dinge glaube ich nicht, dass sie irgendetwas vorhersagen.«

 

Ihren eigenen Recherchen zufolge könnte es fünf weitere, völlig unabhängige Gründe für den Anstieg der IS-Propaganda im Netz gegeben haben. »Und ich weiß nicht, ob sie diese anderen Erklärungen berücksichtigt haben«, betont Patel. Außerdem, so gibt J. M. Berger zu bedenken, sei »Kobani« eine Operation militärischen Stils gewesen, keine Terroristenattacke. Und daher könnte es sein, dass die Formel sich nur auf Belagerungen im großen Stil anwenden lasse. Faiza Patel kommentiert: Attacken nach Art von Orlando seien eher selten und von so vielen Variablen bestimmt, dass es wohl äußerst schwierig sei, hier mit irgendeiner Vorhersage-Formel erfolgreich zu sein.

 

Und wann sollte man kleine Gruppen auflösen, um ihren Übergang in größere Strukturen zu vermeiden? Sie länger agieren zu lassen, würde mehr Informationen liefern, natürlich bei wachsender Gefahr. Sie zu schnell zu zerstören, könnte sie allerdings unkontrollierbar werden lassen. Sie könnten sich wie ein Virus verbreiten und andere Gruppen infizieren, so meint Neil Johnson.

 

Das »Heilmittel« scheint also noch längst nicht gefunden zu sein. Außerdem bestehen viele der untersuchten Gruppen immer noch aus Hunderten von Mitgliedern. Bekanntlich können wesentlich kleinere »Formationen« bereits zur ernsten Gefahr werden. Was die Forscher ebenfalls nicht berücksichtigen, ist die »synthetische Dimension« des Terrors. Dort, wo er in Gestalt von Operationen unter falscher Flagge in Erscheinung tritt und somit hausgemacht ist, herrschen völlig andere Gesetze. Ihnen kann die Johnson-Formel kaum gerecht werden.

 

 

 

 

 

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