Das Unterfangen gleicht der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen. Doch was bleibt schon anderes übrig, wenn offizielle Stellen keine näheren Informationen über einige ganz spezielle Raumfahrtprojekte herausrücken? Für eine kleine spezialisierte Gruppe von Amateurastronomen stellt sich hier jedoch die besondere Herausforderung und eine spannende Aufgabe: geheime Satelliten orten und ihre Bahn am Himmel bestimmen. So auch beim Testflug des ominösen X-37B-Raumgleiters, der in diesen Tagen im erdnahen Orbit unterwegs ist und dort klassifizierte Aufgaben durchführt.
Nachdem das Space Shuttle der NASA nunmehr außer Dienst gestellt wird, wollten manche in dem weitgehend geheim gehaltenen Air-Force-Projekt den entsprechenden Nachfolger sehen. Derzeit ist nicht bekannt, welche Entwicklungslinie man hier wirklich verfolgt, doch ist der X-37B ein relativ kleines, unbemanntes System, das keineswegs Aufgaben nach Art des Shuttle übernehmen kann. Allerdings ist bereits die jetzige Variante in der Lage, in seiner Ladebucht mehrere Satelliten aufzunehmen. Insgesamt ist naturgemäß aber nicht viel über den Flugkörper bekannt.
Gestartet wurde er am 22. April an Bord einer Atlas-Rakete von Cape Canaveral in Florida und wird unter Zuständigkeit des US Air Force Rapid Capabilities Office geflogen. Mit dem Eintritt in den Erdorbit wurde es gemäß Militärjargon als Katalognummer 36514, 2010-015A, OTV-1 (USA 212) identifiziert, wobei OTV-1 schlicht Orbital Test Vehicle 1 bedeutet. Das System ist als wiederverwendbares Raumfahrzeug ausgelegt und wurde von Boeing Phantom Works entwickelt, dem konkurrierenden Pendant zu Lockheeds Geheimwerkstatt, die ihrerseits als Skunk Works berühmt wurde.
Das OTV-1 ist wie gesagt nicht sonderlich groß, es erreicht bei einer Spannweite von lediglich vier Metern eine Rumpflänge von neun Metern und wiegt so viel wie drei Mittelklasseautos. Außer einigen allgemeineren Informationen kursiert nicht allzu viel Gesichertes über X-37B, entsprechend geheimnisumwittert ist dieser kleine Weltraumgleiter bereits. Denn seit dem Einschwenken in den Erdorbit legte sich ein dunkler Mantel des Schweigens über ihn. Ganz abgesehen von seinen Aufgaben blieben auch die Bahndaten bis heute ein Geheimnis. Offizielle Informationen hierzu gibt es nicht. Allerdings hat sich ein globales Netzwerk von spezialisierten Amateurbeobachtern der Überwachung solch geheimer Satelliten und Flugobjekte verschrieben. Dabei musste zunächst der Bereich möglicher Bahnen abgeschätzt werden, um eine erfolgreiche Suche nach dem militärisch-geheimdienstlichen Raumfahrzeug zu gewährleisten. Diese Aufgabe übernahm Ted Molczan aus Toronto, Kanada.
»Es war der erste Start seiner Art, also hatten wir nur eine grobe Vorstellung von Höhe, Bahnneigung und -ebene. Seine niedrige Höhe und Bahnneigung führten dazu, dass es außerhalb der Reichweite einiger unserer erfahrensten Beobachter lag«, so erklärte Molczan kürzlich über die Schwierigkeiten bei der Suche, die er allerdings lediglich als mittelmäßig anspruchsvoll einstufte. Sein Kollege Greg Roberts aus dem südafrikanischen Kapstadt sieht die Herausforderung gerade im Mangel offizieller Informationen: »Wären die Daten frei verfügbar, hätten wir uns wahrscheinlich gar nicht mit dem Flugkörper befasst. Ich sehe wenig Sinn darin, Objekte zu verfolgen, für die sämtliche Daten bereits überall vorliegen. Das ist, als ob man das Rad neu erfinden würde. Nur solange es Missionen gibt, über die wenige oder gar keine Informationen existieren, werde ich persönlich an der Herausforderung interessiert sein, sie zu finden.« Unter dieser Voraussetzung dürfte sich Roberts wohl noch lange mit jenen Objekten befassen! Ein Mangel an Geheimprojekten wird auch in Zukunft gewiss nicht bestehen.
X-37B jedenfalls ging den »Weltraumjägern« definitiv ins Netz, daran besteht mittlerweile kein Zweifel. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen, die Bahndaten stehen bereits ziemlich präzise fest, sodass das Raumschiff auch weiter auf seiner geheimen Mission verfolgt werden kann. Es bewegt sich auf einer Bahn mit 39,99 Grad Neigung gegen die mittlere Äquatorebene der Erde (Inklination) und einem Minimalabstand von 401 Kilometern über der Erdoberfläche. Dabei erreicht X-37B bei größerer Höhe über dem Horizont und günstiger Sonneneinstrahlung eine Helligkeit von bis zu etwa 2,5 Größenklassen, das entspricht den helleren Sternen des bekannten Sternbilds Großer Wagen.
In den kommenden beiden Wochen wird die Sichtbarkeit bahnbedingt eingeschränkt sein, später wollen die spezialisierten Beobachter versuchen, nach Radiosignalen des Weltraumflugzeugs zu fahnden. Vielleicht geben sie auch Aufschluss über seine Bestimmung, über Sinn und Zweck des Projektes. Die Vermutungen gehen derzeit vor allem in die Richtung, dass die X-37B-»Spezies« künftig für Aufklärungs- und Spionagezwecke des National Reconnaissance Office (NRO) eingesetzt werden soll.
Das Testvehikel wird unter der Leitung der 3rd Space Experimentation Squadron des Air Force Space Command betrieben. Diese Weltraumkontrolleinheit ist auf der Schriever-Luftwaffenbasis in Colorado stationiert. Wie lange die X-37B noch im All verbleibt, ist nicht klar. Sie soll in der Lage sein, maximal 270 Tage im Orbit zu kreisen und dann im autonomen Modus auf der Erde zu landen. Als Rückkehrstation ist die Vandenberg Air Force Base in Kalifornien ausgewählt worden, alternativ die Edwards Air Force Base im gleichen US-Bundesstaat. Sollte etwas schief gehen und die X-37B beim Wiedereintritt von ihrem vorausbestimmten Kurs über dem Pazifik abweichen, wird ein Selbstzerstörungsmechanismus aktiviert. Dies offenbar nicht allein aus Sicherheitsgründen, sondern auch im Interesse der Geheimhaltung. Bis dahin aber wird die private »Wachmannschaft« den Orbit des OTV-1 noch aufmerksam weiterverfolgen und auch gezielt Aufnahmen machen.
Roberts weist auf die bemerkenswerte Effizienz seiner Gruppe hin: »Wenn ich mich recht erinnere, haben wir jedes einzelne, in den vergangenen fünf Jahren gestartete Objekt aufgespürt und verfolgt.« Und auch geheime Weltraumflugzeuge machen sich eben doch mit einer Lichtspur am Himmel bemerkbar. Allerdings zählt die X-37B nicht zu jenen Projekten der Schwarzen Welt, die offiziell mit keinem Wort zugegeben werden. Wir dürfen getrost davon ausgehen, uns hier nur an der Grenzlinie zwischen Klassifizierung und Deklassifizierung zu bewegen, nicht an der vordersten Front des Machbaren, nicht einmal an der vordersten Front des wirklich bereits Vorhandenen!
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