
Gegen 17.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit wurde der beginnende Weihnachtsabend von einem ungewöhnlichen Himmelslicht erhellt, das aus westlicher Richtung heran flog und schließlich in eine große Zahl kleinerer Leuchtkugeln fragmentierte. Die Zeugen rätselten, welche Ursache das Phänomen gehabt haben konnte – UFOs, ein Meteorregen, der verfrühte Absturz jenes schicksalhaften Phobos-Grunt-Raumschiffs oder aber die moderne Variante des Weihnachtssterns? Was immer es war, es muss wohl aus dem All in die Erdatmosphäre
eingedrungen sein, soviel schien wenigstens schnell klar. Denn die Sichtungen kamen nicht nur aus weiten Teilen Deutschlands, sondern auch aus dem benachbarten Ausland. Aus der Schweiz wurde eine »Riesenkugel mit Schweif« berichtet, die sehr hoch flog.
Die niederländische Polizei erklärte, Kontakt zur US-Weltraumbehörde NASA aufgenommen und von dort offenbar erfahren zu haben, das Objekt sei ein »Meteor« oder »Komet« gewesen. Diese seltsame Aussage, die wohl kaum von einem Wissenschaftler stammen konnte, machte relativ schnell die Runde und sorgte zunächst für einige Verwirrung. Die Möglichkeit eines hellen Meteors oder Boliden konnte wegen der zu niedrigen Geschwindigkeit des Objekts bald ausgeschlossen werden und die woher auch immer stammende Behauptung, es habe sich um einen Kometen gehandelt, war überdies schlichtweg abstrus. Dann hätte es auch der Weihnachtsmann mit Elchschlitten sein können – wie ein Kind seine Sichtung des Phänomens phantasievoll beschrieben hatte.
Behörden, Redaktionen und Lokalsender wurden an diesem Heiligabend mit Anrufen und Mails überflutet, um möglichst Aufklärung darüber zu erhalten, was soeben am Himmel geschehen war. Das Lagezentrum des Thüringer Innenministeriums gab Entwarnung hinsichtlich eines potenziellen Flugzeugabsturzes; die auch von einem Sprecher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR zunächst geäußerte Möglichkeit einer hellen Meteorerscheinung bestätigte sich wie erwähnt nicht.
Trotzdem war es ein kosmisches, wenn auch menschengemachtes Phänomen: der Wiedereintritt von Stufe 3 jener russischen Sojus-Rakete, die am 21. Dezember um 13.16 Uhr Weltzeit vom Baikonur-Kosmodrom LC1 gestartet worden war, um drei Besatzungsmitglieder zur Internationalen Raumstation ISS zu bringen – Mission ISS Crew TMA-03M. Hierzu war bereits im Vorfeld unter anderem eine Meldung des Center for Orbital
and Reentry Debris Studies herausgegeben worden, das den betreffenden Wiedereintritt für den 24. Dezember 2011 auf 17.41 Uhr +/- 90 Minuten angab. Das USSTRATCOM auf der Offut Air Force Base, Nebraska, als wesentliche Weltraumüberwachungszentrale der USA nannte in seiner letzten Tracking and Impact Prediction (TIP) vom 24. Dezember eine Wiedereintrittszeit für 16.25 Uhr Weltzeit, entsprechend 17.25 Uhr mitteleuropäischer Zeit, mit einer Unsicherheit von lediglich +/- eine Minute auf den Koordinaten 49 Grad nördlicher Breite und 7 Grad östlicher Länge, was der Region bei Saarbrücken an der deutsch-französischen Grenze entspricht. Die Angaben decken sich gut mit den Beobachtungen. Der aktuelle Feuerball über Deutschland wurde also definitiv von einer Raketenstufe erzeugt, die beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte, offiziell geführt als Soyuz r/b 38037 / 2011-078B. Das Raumschiff Sojus-TMA 03M hatte die ISS am 23. Dezember erreicht, um gegen 16.19 Uhr MEZ dort anzudocken. Die automatische Kopplung endete erfolgreich um 16.31 Uhr MEZ. Gegen 19.00 Uhr MEZ konnten Oleg Kononjenko, Donald Pettit und André Kuipers, die drei neuen Mitglieder der ISS-Stammbesatzung, schließlich in die Raumstation überwechseln.
Zwei weitere Vorfälle am Wochenende könnten zusätzlich für Verwirrung hinsichtlich des Ursprungs jenes weihnachtlichen Feuerballs gesorgt haben. Am Freitag hatte nämlich bereits ein anderer Raketenabsturz stattgefunden: Gegen 12.08 Uhr Weltzeit war beim Kosmodrom Plesezk in der Archangelsk-Region ein Sojus-Start missglückt. Ein Druckabfall an einer Triebwerksbrennkammer der dritten Stufe führte nur 421 Sekunden nach dem erfolgten Start zu einem Systemversagen. Als Nutzlast hatte sich an Bord der Sojus-2.1B-Rakete ein Kommunikationssatellit der Meridian-Reihe befunden. Laut Auskunft des russischen Verteidigungsministeriums gingen die Trümmer von Trägerrakete und Satellit nahe der Stadt Tobolsk in Sibirien nieder. Wladimir Popofkin, Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, erklärte hierzu gegenüber der Nachrichtenagentur ITAR-TASS: »Was heute geschah, bestätigt, dass sich der Raumfahrtsektor in einer Krise befindet«. Gegenwärtig wird die russische Raumfahrt von einer Unglücksserie heimgesucht: Es war der sechste Fehlstart seit Dezember 2010.
Die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete ihrerseits vom Absturz eines Meridian-Trümmerteils in dem Dorf Wagaitsewo etwa 100 Kilometer südlich von Nowosibirsk. Ausgerechnet in der »Straße der Kosmonauten« ging am vergangenen Freitag demnach ein halbmetergroßes Titanteil des Kommunikationssatelliten nieder und traf ein Hausdach.
Und noch eine weitere Meldung sorgte für Irritation, denn zum Wochenende zirkulierten auch Meldungen über Metallteile, die in Thailand vom Himmel gestürzt sein sollen. In Phumsarol, einem Grenzdorf der Provinz Si Sa Ket, sei am Vormittag des 22. Dezember nach Angaben
der Bangkok Post mindestens ein lauter Donnerschlag vernommen worden, der offenbar künstlichen Ursprungs war. Kurz darauf stießen Anwohner des Ortes nahe der dortigen Witthaya-Schule auf mehrere gelb lackierte Metallfragmente, darunter auch ein rund einen Meter langes Teil unidentifizierter Herkunft. Wie Medien in Thailand berichteten, habe das Verteidigungsministerium in Bangkok die Trümmer als Weltraumschrott identifiziert. Die Rede war dabei vage von einem asiatischen Satelliten unbekannter Provenienz. Fachleute der europäischen Raumfahrtbehörde ESA zeigen sich skeptisch, denn der gut erhaltene Lack und nicht geschmolzene Schraubenkanten sprächen kaum für einen rasanten Absturz durch die Erdatmosphäre. Der tatsächliche Ursprung der Teile sowie die Ursache des vorausgegangenen Knallgeräusches müssen wohl erst geklärt werden. Ein Zusammenhang mit den beiden Raketenabstürzen ist auszuschließen. Alles in allem ein bewegtes Weihnachtswochenende mit spektakulären Himmelsereignissen!
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