Kritik an Stephen Hawkings Warnung vor extraterrestrischen Zivilisationen
Andreas von Rétyi
Kürzlich warnte der weltbekannte Physiker Stephen Hawking erneut davor, unsere Präsenz im All durch gezielte Radiobotschaften zu verraten. Der Kontakt zu einer technologisch weit fortgeschrittenen Zivilisation könnte seiner Ansicht nach durchaus gefährlich für uns sein. Wir sollten uns besser ruhig verhalten. Dem widerspricht der SETI-Forscher Seth Shostak entschieden.

Was Stephen Hawking sagt, das wird in der Regel von der Welt auch gehört. Immerhin, Hawking war über 30 Jahre hinweg Inhaber des hoch angesehenen Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik an der Universität Cambridge. Der brillante Physiker ist unter anderem berühmt geworden durch seine theoretischen Überlegungen zu Schwarzen Löchern und das Konzept der »Hawking-Strahlung«, die im Rahmen der Quantenfeldtheorie zur Zerstrahlung jener Weltraumexoten führen soll. Vor allem durch sein populäres Werk Eine kurze Geschichte der Zeit wurden Hawkings Theorien einer größeren Öffentlichkeit nahe gebracht.
Stephen Hawking macht sich allerdings immer wieder auch Gedanken zu außerirdischen Lebensformen. Insbesondere sieht er eine Gefahr darin, dass eine technologisch weit fortgeschrittene Zivilisation uns nicht zwangsläufig auch ethisch-moralisch voraus sein muss. Das britische Physik-Genie erinnert an fatale historische Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen, so auch zwischen den amerikanischen Indianern und dem Eintreffen der Europäer.
Technik schließt Grausamkeit nicht aus, das belegt zumindest die Menschheitsgeschichte sehr dramatisch. Ob diese traurige Erkenntnis allerdings unbedingt auch für fremde Wesen aus dem All zutreffen muss, wird wohl niemand heute mit Gewissheit beantworten können. Professor Hawking jedenfalls hält es für weiser, sich im All nicht gezielt bemerkbar zu machen.
Unsere jahrzehntelang währenden Radio- und Fernsehsendungen dringen bereits recht lange als lichtschnell expandierende Kugelschale nach außen und erfassen dabei Sternsystem nach Sternsystem, wenn auch mit distanzbedingt quadratisch abnehmender Signalstärke. Dennoch könnten weit entwickelte Zivilisationen sie auffangen und uns somit präzise orten. Ganz besonders aber die gezielt ins All abgestrahlten, sehr energiereichen Funkbotschaften würden Hawking zufolge eine mögliche Bedrohung für unsere Zukunft darstellen, sofern diese Botschaften eben in »falsche Hände« gelangten!
Der amerikanische Astronom Seth Shostak, führender Forscher im Bereich SETI – der Suche nach Extraterrestrischer Intelligenz – widerspricht den Ausführungen Hawkings entschieden und greift dabei die Problematik der »Zufallsbotschaften« auf: Die sich ausbreitenden Wellen der ersten Sendungen hätten ohnehin längst rund 6000 Sternsysteme unserer Galaxis durchlaufen. Gerade für weit entwickelte Zivilisationen würde die Signalstärke keinen besonderen Unterschied machen. Shostak versucht nun unsere heutige Technologie zu extrapolieren und kommt zu dem Ergebnis: Schon eine planetare Kultur, die uns um 100 oder 200 Jahre voraus wäre, könnte unsere eigentlich ja ungewollte »Leck-Strahlung« noch aus 1000 Lichtjahren Entfernung auffangen.
Je stärker das Signal, desto besser können es logischerweise auch die technologisch nur wenig fortgeschrittenen Zivilisationen empfangen. Das sind aber genau diejenigen, die überhaupt noch nicht zum Interstellarflug fähig und deshalb ohnehin ungefährlich für uns wären. Eine sehr fortgeschrittene Zivilisation hingegen könnte alle unserer gewollten wie auch ungewollten Botschaften sehr leicht aufspüren. Sie wäre wohl auch in der Lage, ihren eigenen Heimatstern als Gravitationslinse und damit als natürlichen Signalverstärker nutzen, um sogar »das Glühen unserer Straßenlaternen zu sehen«, so Shostak wörtlich. Somit wüssten jene Wesen längst von unserer Existenz.
Daher hält der amerikanische SETI-Forscher das Hawking-Argument hinsichtlich der gezielten, energiereichen und vermeintlich gefährlichen Botschaften eher für fadenscheinig. Vielmehr sieht er eine »Paranoia der seltenen Art« darin, die Erde aus Angst vor einer Entdeckung abzuschotten. So entschloss sich die SETI-Forschungsgruppe an der International Academy of Astronautics kürzlich auch, ein Verbot von Radiowellen-Botschaften ins All deutlich abzulehnen. Andere SETI-Forscher haben hingegen schon die Bemerkung fallen lassen, wir sollten uns vielleicht nicht so sehr um Radiosignale oder optische SETI kümmern, sondern einmal direkt vor unserer kosmischen Haustüre suchen, denn »sie« könnten eventuell schon lange hier sein, direkt hier, in unserem Sonnensystem.
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