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Weithin bekannt wurde die Morgellon-Krankheit vor rund zehn Jahren. Die Biologin Mary Leitao stellte im Jahr 2001 an ihrem damals zweijährigen Sohn Drew ungewöhnliche Hautveränderungen fest. Am Mund zeigten sich wunde Stellen, das Kind klagte über »kleine Käfer«, die ein
unangenehmes Kribbeln verursachten. Waren hier wirklich Parasiten am Werk? Mary Leitao griff zum Spielzeug-Mikroskop ihres älteren Sohnes und warf einen ersten genaueren Blick auf die Haut ihres Jüngsten. In den Wunden bemerkte sie hauchdünne Fasern – blau, rot, schwarz und weiß. Seitdem ist Mary Leitao ebenso wie ihr Mann Edward, ein Internist, davon überzeugt, es mit einer echten und bislang unbekannten Erkrankung zu tun zu haben. Doch Fred Heldrich, Pädiater und bekannt dafür, eigenartige Fälle zu »lösen«, erklärte nach einer Untersuchung, nichts Ungewöhnliches finden zu können. Vielmehr legte er nahe, die Mutter würde ihr Kind für eigene Publicity-Zwecke nutzen. Tatsächlich ging Leitao bald an die Öffentlichkeit. Sie gründete eine eigene Organisation, die Morgellons Research Foundation (MRF), und mit der Zeit meldeten sich zahllose Menschen, die offenbar die gleichen Beschwerden aufwiesen wie Drew Leitao – ein Kribbeln wie von Ameisen, die über die Haut laufen, aber auch ein Stechen wie von Kaktusstacheln, Hautläsuren, teils durch fortwährendes Kratzen und Reißen selbst verursacht, Schmerzen, Müdigkeit bis zur Erschöpfung und andere Begleiterscheinungen. Ähnliches beschrieb schon der englische Arzt Sir Thomas Browne im Jahr 1690. Er berichtete von Fällen bei Kindern aus der französischen Region Languedoc, nach denen auch die vermutete Krankheit benannt ist.
Nachdem der öffentliche Druck größer wurde, begannen einige US-Politiker, bei den Gesundheitsbehörden nachzuhaken. So verlangten unter anderem auch Hilary Clinton, Barack Obama und John McCain nach aktiver Mitwirkung des Center for Disease Control and Prevention (CDC). Dort entstand im Juni 2006 eine spezielle Arbeitsgruppe, die sich dem Phänomen widmen sollte. Nach zwei Monaten hatte sich ein volles Dutzend Experten zusammengefunden, um Ursachenforschung zu betreiben. Was folgte, waren eher vorsichtige Aussagen wie: »Wir sind noch nicht so weit, folgern zu können, dass hier eine neue Krankheit vorliegt. Aber der Umfang an Besorgnis hat zugenommen, da viele Leute ihren Kongressabgeordneten schreiben oder sie anrufen.« Im Mai 2007 erkundigte sich dann der US-Sender KGW-TV Newschannel 8 beim CDC nach Ergebnissen, vor allem zu den rätselhaften Fasern. Ob es mittlerweile Informationen über die Natur des Materials gebe. »Nein, wir wissen es nicht. Wir haben sie noch nicht im Labor untersucht.« Unglaublich. Da hatte es also eine speziell für diese Aufgabe abgestellte Arbeitsgruppe nach zehn Monaten nicht geschafft, die wesentlichen Evidenz-Träger einer Analyse zu unterziehen. Was sollte diese Verschleppung? Zu vernehmen war lediglich: »Es gibt nichts, das einen Infektionsprozess nahelegt, doch bleiben wir allem gegenüber offen, einschließlich dieser fernen Möglichkeit.« Gab es eine schwammigere Aussage? Irgendwie schien es nun doch fast so, als wolle man hier Fakten unter den Tisch kehren.
Immerhin schien die Angelegenheit wichtig genug, um bald weitere Institutionen hinzuzuziehen. Mit
dem Januar 2008 nahm das CDC auch die Hilfe des US Armed Forces Institute of Pathology und der American Academy of Dermatology in Anspruch. Die Angelegenheit zog sich weiter hin, um nicht zu sagen, wurde immer weiter hinausgezögert. Am 4. November 2009 gab das CDC dann einen vorläufigen Bericht heraus, und zum 24. März 2011 erklärte das Zentrum dann, die Datenanalyse abgeschlossen zu haben. Der endgültige Bericht solle in einem wissenschaftlichen Journal erscheinen. Wo und wann genau, davon ist nicht die Rede. Und offen bleibt bis jetzt natürlich auch die Essenz der Studie, wenn man überhaupt zu einem nennenswerten Ergebnis gelangte oder gelangen wollte. Wie meist in ähnlich rätselhaften Fällen, so lässt sich auch hier beobachten, dass alle Erkenntnisse, die für eine reale und ursächlich nicht geklärte Erkrankung sprechen, unmittelbar als »Behauptungen« herabgestuft werden, während oftmals nicht minder fragwürdige Interpretationen mit Blick auf psychologische Ursachen als durchaus vernünftig gewertet werden. Demnach bilden sich die Betroffenen ein, von Parasiten befallen zu sein, die gar nicht vorhanden sind. Mit anderen Worten: Wer Morgellonen als existent erachtet, der spinnt. Dennoch nehmen einige Fachleute das Phänomen ernst. So auch Raphael Stricker, Präsident der International Lyme and Associated Diseases Society (ILADS). Er hält bakterielle Auslöser für denkbar und nennt Hinweise auf den Erreger der Lyme-Krankheit (Lyme-Borreliose), Borrelia burgdorferi. Der Entomologe Richard Fagerlund sieht nur bei wenigen Menschen, die über Morgellon-Symptome klagen, Anzeichen für die Pseudoparasiten-Theorie. Und William T. Harvey vom medizinischen Beraterstab des MRF wies 2007 auf Laboruntersuchungen hin, die unter anderem erhöhte Werte für Insulin und Antikörper für drei verschiedene Erreger bei Betroffenen ergeben hätten.
Die potenzielle Krankheit vermittelt den Opfern das Gefühl, dass Parasiten aus dem Körperinneren nach außen drängen. Ähnlich wie bei einem pieksenden, schmerzenden Stachel, der fest in der Haut sitzt, wollen sich die Betroffenen selbst befreien. Sie kratzen sich nicht nur, sondern ziehen an der Haut und reißen sie ein. Natürlich kommt es dabei mit der Zeit auch zu weiteren Verletzungen, Reizungen und Entzündungen. Dazu kommt der extensive Einsatz von Desinfektionsmittel oder wiederholtes tägliches Duschen. Die Haut wird trocken und juckt noch mehr – eine positive Rückkopplung, bei der die vermeintlichen Symptome selbst verursacht und durch fortwährende Selbstverstümmelung ständig verstärkt werden? Doch nicht alle betroffenen Körperbereiche liegen in Reichweite der Hände. Bei Kindern wie Erwachsenen wurden den Berichten zufolge Wunden auch dort festgestellt, wo der offenbar Erkrankte nicht selbst hin kann. Außerdem erscheint es seltsam, dass die auch bei kleinen Kindern auftretenden Beschwerden und physischen Veränderungen ihre Ursache letztlich allein auf Einbildung zurückführen sollen. Und was hat es mit den seltsamen Fasern auf sich, die das CDC offenbar nicht untersuchen wollte?
Der Pharmakologie-Professor Randy Wymore ließ sich im Jahr 2005 zahlreiche Proben davon zuschicken, um sie in Labors untersuchen zu lassen. Im Tulsa Police Department, Oklahoma, ließ sich zumindest bei einigen von ihnen keinerlei Übereinstimmung mit bekanntem Material finden. Der Vergleich mit der umfangreichen FBI-Datenbank lieferte keinerlei Treffer. Als Wymore verschiedene weitere Labors zur Analyse kontaktierte, musste er feststellen, dass sein Anliegen immer dann abgelehnt wurde, wenn er einen Kontext zu Morgellons herstellte. Seltsam, niemand scheint an einer Aufklärung interessiert. So bleibt die Angelegenheit bis jetzt rätselhaft und ungeklärt. Ein offener Fall.
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