Mittwoch, 16. August 2017
21.04.2016
 
 

Schadstoffe im Fisch: Chemie-Angriff auf die Körperabwehr

Andreas von Rétyi

Im Meer schwimmen bekanntlich nicht nur Fische. Das Wasser ist mittlerweile voll von Kunst- und Giftstoffen. Viele Chemikalien werden von Meereslebewesen aufgenommen und gelangen schließlich über die Nahrungskette in unseren Organismus. Eine neue Studie warnt: Die Gefahr ist größer als vermutet, das Gift hemmt sogar unsere Körperabwehr.

 

 

Das natürliche Verteidigungssystem unseres Körpers – faszinierend und komplex. Seine umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen haben allerdings ihre Grenzen. Nicht jeder äußeren Anfeindung können sie standhalten. Vor allem dann nicht, wenn die Natur sie nicht vorgesehen hat. In einer aktuellen Studie warnen Wissenschaftler vor einer akuten chemischen Bedrohung und fordern striktere Kontrollen zu Umweltgiften und Pharmazeutika, die auf den verschiedensten Wegen in den menschlichen Körper gelangen.

 

Im Fisch wurden langlebige organische Schadstoffe (persistent organic pollutants, POPs) entdeckt, die unser körpereigenes Entgiftungssystem sehr empfindlich schädigen können.

 

Die Forschergruppe der Scripps Institution of Oceanography an der University of California at San Diego hofft, dass die besorgniserregenden neuen Informationen bald auch genutzt werden können, um die Gesundheitsrisiken durch kontaminierte Meeresnahrung besser zu beurteilen.

 

In nahezu allen Tieren und Pflanzen findet sich ein Eiweiß, das unter anderem als »P-gp« bekannt ist. Dieses besondere Protein agiert als hochwirksame Abwehr, die Fremdchemikalien von der Zelle fernhält. Sie sorgt dafür, dass verschiedenste Gifte nicht in ihr Inneres eindringen, wobei sie oft zu einer Resistenz gegen verschiedenste Medikamente führt, so auch gegen Chemotherapeutika, die in Krebszellen eingeschleust werden sollen. Der Körper scheint genau zu wissen, was er da tut, auch wenn es den meisten Onkologen nicht gefällt. Doch die Abwehr ist in Gefahr.

 

Die Scripps-Forscher wollten herausfinden, wie effektiv P-gp agiert, wenn es Zellen von Schadstoffen befreit, die durch die Industrie ins Meer und von dort in die Nahrung gelangen. Sie führten dazu eine biochemische Analyse von P-gp-Proteinen gegen POPs durch. Die Proteine stammten aus Menschen und Mäusen. Konzentriert hatten sich die Wissenschaftler auf solche Schadstoffe, die in menschlichem Blut und Urin am häufigsten gefunden wurden und die außerdem auch im Muskelgewebe von wild gefangenem Gelbflossen-Thunfisch entdeckt wurden. Dieser Thunfisch, auch als »Ahi« bekannt, zählt zu den bedeutenden Speisefischen.

 

Unter den Giften waren einige, die bereits zum älteren »Erbe« unserer Chemieproduktion zählen, so auch DDT, aber ebenso Stoffe, wie sie in Flammschutzmitteln anzutreffen sind. Dabei stellte sich ein erschreckender Zusammenhang heraus: Alle untersuchten POPs waren in der Lage, den P-gp-Zellschutz merklich zu beeinträchtigen. Außerdem konnten die Forscher erstmals auch genau nachvollziehen, wie einer der Schadstoffe sich ans Transport-Protein hängt. Diese schädliche Chemikalie »hört« auf den umständlichen Namen »2,2',4,4',6-Pentabromdiphenylether«, kurz »PBDE-100« – ebenfalls ein Flammschutzmittel, enthalten unter anderem in Polsterschaum und Plastik.

 

PBDE bindet sich ähnlich wie Chemotherapeutika oder andere Medikamente an das Protein. Anstatt aber zusammen mit ihm aus der Zelle wegtransportiert zu werden, stört das POP gewissermaßen die Aufräumarbeiten und behindert den Eiweißstoff dabei, seine Verteidigungsfunktion auszuüben. »Wenn wir kontaminierten Fisch essen, könnten wir die Wirksamkeit dieses kritischen Verteidigungssystems unseres Körpers mindern«, so warnt Professor Amro Hamdoun von der Abteilung für meeresbiologische Forschung am Scripps-Institut als leitender Studienautor.

 

Der ebenfalls an der Studie beteiligte junge Wissenschaftler Sascha Nicklisch betont: »Wir zeigen auf, dass diese Hemmstoffe im Fisch gefunden werden, den wir essen.« Und so fordern die Forscher strengere Kontrollen: In die Umwelt gelangende Chemikalien sollten getestet werden, um jeweils festzustellen, ob sie unseren körpereigenen »Rauswurf-Mechanismus« möglicherweise negativ beeinflussen. Und (sogar) die US-Lebens- und Arzneimittelaufsicht empfiehlt mittlerweile ähnliche Tests für Pharmazeutika.

 

Bei all den Schadstoffen, die in die Umwelt gelangen, wird das eine gigantische Aufgabe. Wie weit sie in der Praxis überhaupt bewältigt werden kann, sei einmal dahingestellt. Und angesichts dessen, was längst zirkuliert, scheint sie schier unlösbar. »Es ist beunruhigend, festzustellen, dass all die getesteten persistenten Umweltschadstoffe störend auf die Fähigkeit des P-gp-Proteins zum Zellschutz einwirken«, sagt Jacob A. James, der geschäftsführende Direktor der Waitt-Stiftung, die als Finanzier hinter der aktuellen Studie steht.

 

Diese Stiftung geht auf den US-amerikanischen »Selfmade-Man« Theodore W. Waitt zurück, der zur jüngeren, wenn auch nicht jüngsten Generation amerikanischer Milliardäre zählt und sich unter anderem auch die Förderung der Wissenschaft auf die Fahne geschrieben hat. James stellt ergänzend zur Studie fest: »Noch besorgniserregender sind die Ergebnisse, die zeigen, dass PBDE-100 an das P-gp-Protein bindet. Im Wesentlichen klinkt es sich ein und vergiftet den ›Türsteher‹, dessen Aufgabe es ist, die Toxine rauszuschmeißen.«

 

James geht davon aus, dass wir es in der Meeresnahrung oft gleich mit ganzen Mischungen mehrerer Toxine zu tun haben, die sich gegenseitig sogar noch verstärken. »Wir sind die einzige Spezies, die ganze Nahrungsketten und Habitate beeinflussen kann. Wir müssen verantwortungsbewusster handeln, sowohl bei der Entwicklung als auch beim Einsatz von Chemikalien in unserer Umwelt. Und wir  müssen wirtschaftlich machbare Wege ausarbeiten, um die Einflüsse solcher Chemikalien in Meeresnahrung und in unserem Körper zu messen und zu verstehen«, so James.

 

Das ist sicherlich richtig. Nicht zu vergessen aber auch die unermüdlichen Experimentatoren der Chemieindustrie und vor allem von »Big Pharma«, die garantiert bald versuchen werden, POPs zur gezielten Hemmung von P-pg zu verwenden, um ihren Chemotherapeutika wieder frischen Wind zu verleihen!




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