Zufallsentdeckung lässt Umweltskandal auffliegen
Andreas von Rétyi
Lachsfarmen in Chile zerstören das Ökosystem, die dort verwendeten Medikamente und Pestizide verseuchen den Pazifik. Mit ihren aggressiven Zuchtmethoden nehmen die Betreiber der Farmen Krankheiten und Tod vieler Meerestierarten in Kauf.

Bei der Untersuchung der akustischen Kommunikation von Walen stießen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation sowie der Universität Göttingen auf einen Skandal, der selbst Umweltschutz-Organisationen überrascht.
Chile zählt weltweit zu den führenden Produzenten von Zuchtlachs – das Exportvolumen übertrifft zwei Milliarden US-Dollar. Vor allem in den Fjorden der Provinz Aysén gibt es riesige Lachsfarmen. Diese Regionen in Patagonien genießen zwar den Sonderstatus eines Nationalparks, doch gilt er nicht für das Meer. Für die chilenische Regierung ein klarer Fall: Die Lachsfarmen werden von ihr als legal angesehen. Doch deren Auswirkungen auf das Ökosystem sind schlichtweg verheerend.
Der atlantische Lachs ist in der Region ein Fremdling, er schleppt Krankheiten ein und bedroht damit einheimische Arten. Medikamente, Pestizide und Müll, überschüssiges Futter und Fäkalien belasten das Wasser – in der Umgebung der Farmen gibt es kein Leben mehr. Die Lachse selbst wurden in den letzten beiden Jahren vom ISA-Virus heimgesucht. Er führt zu tödlicher Blutarmut. Diese Seuche griff so stark um sich, dass viele Farmen im Norden des Landes zugrunde gingen. Die Betreiber wollten nicht aufgeben. Sie ließen die verpesteten Gebiete zurück und zogen gen Süden, um neue Farmen zu gründen. Der Tod ist ein ständiger Begleiter der rücksichtslos geführten Zuchtbetriebe.
Heike Vester von der norwegischen Forschungseinrichtung Ocean Sounds erklärt: »Überall liegt ein Geruch wie von Bleichmittel in der Luft«. Die Versorgungsschiffe und Generatoren der Futtermaschinen erzeugen einen permanent hohen Lärmpegel, mit der Folge, dass die großen, ohnehin bedrohten Meeressäuger vertrieben werden. Sie können in den nicht zuletzt akustisch verseuchten Gewässern nicht kommunizieren. Betroffen sind unter anderem Blau- und Buckelwale, aber auch Peale-Delfine sowie Chilenische Delfine. Auch andere Tiere werden von den aggressiven Eingriffen der Lachszüchter in Elend und Tod getrieben.
Jungtiere der südamerikanischen Seelöwen verfangen sich in den Schutznetzen, welche die Lachsfarmen eingrenzen. Können sich die Tiere losreißen, bleiben meist Überreste des Netzes zurück, an denen die Jungen im Laufe ihres Wachstums ersticken müssen.
Lachsindustrie, lokale Fischer und Umweltschützer sollen sich gemeinsam um Lösungen bemühen, so schlagen die Göttinger Wissenschaftler nun vor. Schnell und einfach werden diese Lösungen allerdings wohl nicht ausfallen, wenn die Bemühungen überhaupt von Erfolg gekrönt sein sollten.
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