Thursday, 17. May 2012
02.02.2012
 

Indische Leihmütter: Eine neue Form der Prostitution

Birgit Kelle

Wenn es um die Rechte von Frauen geht, dann ist immer wieder von »reproduktiven Rechten« die Rede, was im internationalen Sprachgebrauch im Wesentlichen zwei Dinge bedeutet: Das Recht auf Abtreibung, aber auch das Recht auf ein Kind. Während man in den westlichen Ländern immer gerne die Vorteile für Frauen aufzählt, die durch den medizinischen Fortschritt möglich sind, wird die Kehrseite der Medaille, die nahezu menschenverachtend ist, gerne unter den Teppich gekehrt.

Am Bespiel Indien kann beobachtet werden, wie die »reproduktiven Rechte« der westlichen Frauen gleichzeitig die Not und die Armut von Frauen in Indien ausnutzen. Dort hat sich das Geschäft mit der Leihmutterschaft zu einem florierenden Geschäftszweig entwickelt. Tausende von Frauen in

Indien leben in Armut und verkaufen in der Not das einzige, das sie haben: ihren Körper. Man kann also zu Recht von einer neuen Form von Prostitution sprechen, auch wenn es hier nicht um sexuelle Dienstleistungen geht, sondern um das Zurverfügungstellen des eigenen Körpers als Brutkasten für reiche westliche Paare.

 

 

In Deutschland, wie auch in den meisten westlichen Nationen ist die Leihmutterschaft gesetzlich verboten. In Ländern wie Russland, einigen Staaten der USA, in Kanada, Griechenland, Großbritannien, Belgien, den Niederlanden oder auch Australien ist sie erlaubt – allerdings in der Regel eine recht teure Angelegenheit. Genau an diesem Punkt kommen Länder wie Indien ins Spiel, die nicht nur Ehepaaren, sondern auch homosexuellen Paaren die Möglichkeit bieten, zu vergleichsweise günstigen Preisen ein Baby »in Auftrag« zu geben.

 

Im Jahr 2002 wurde die Möglichkeit der Leihmutterschaft in Indien erlaubt, seither hat sie sich zu einem riesigen Wirtschaftszweig entwickelt. Die Indische Industriellenvereinigung CII geht in dieser Sparte für das Jahr 2012 von einem Umsatz in Höhe von 2,3 Milliarden Dollar (rund 1,5 Milliarden Euro) aus. Die Leihmutterschaft in Indien kostet nur ein Zehntel im Vergleich zu westlichen Anbietern. Die indischen Frauen erhalten einen Lohn in Höhe von 6.500 bis 7.500 Dollar, was für sie und ihre Familien einen gigantischen Reichtum darstellt. Denn rund 80 Prozent der Inder verfügen über weniger als zwei US-Dollar am Tag an Einkommen, also zwischen 400 und 800 Dollar Einkommen im Jahr. Zum Vergleich: Ein jährliches Durchschnittseinkommen in Deutschland liegt pro Haushalt bei über 35.000 Dollar.

 

Betrachtet man also die finanzielle Not der Frauen, kann hier nicht mehr ernsthaft von »Freiwilligkeit« der Frauen in Indien gesprochen werden. Tatsächlich ist es eine knallharte Ausbeutung und ein Ausnutzen der Not der ärmsten Teile der indischen Bevölkerung. Auf Druck von internationalen Menschenrechtsgruppen sah sich die indische Regierung im Jahr 2010 gezwungen, eindämmende Regelungen einzuführen, um die gesundheitlichen Risiken für die indischen Frauen zu begrenzen. Das neue Gesetz schreibt vor, dass Frauen in Indien fortan nicht mehr als fünf Lebendgeburten haben dürfen – die eigenen Kinder eingerechnet. Leihmütter dürfen außerdem nicht älter als 35 Jahre sein und maximal sechsmal Eizellen spenden.

 

In der Praxis werden die angeworbenen Frauen in der Nähe der Fruchtbarkeitskliniken in kleine Zimmer einquartiert, wo sie die Dauer der Schwangerschaft verbringen. Sie bekommen täglich zu essen, regelmäßig Medikamente und eine Putzfrau macht sauber, berichtet die Zeitung Times of India. Eine Ärztin, die die Frauen betreut, berichtet dort über die Motivationen der Frauen und die Risiken. Manche der Frauen hätten kranke eigene Kinder und hofften, auf diese Weise genug Geld zu verdienen. Viele von ihnen hätten vorher nicht mehr als 50 Rupien verdient. Manche erzählen nicht einmal ihrer eigenen Familie, dass sie als Leihmütter arbeiten, und schieben andere Jobs vor, deretwegen sie in der Stadt wohnen. Immer wieder kommt es auch zu gesundheitlichen Komplikationen, da die Frauen teilweise ihr Alter fälschen, um noch als Leihmutter in Frage zu kommen. Dies führt zu Komplikationen in der Schwangerschaft und anschließenden Gesundheitsproblemen.


»Von Freiwilligkeit zu sprechen, wenn Frauen sich wie in den überwiegenden Fällen aus Armutsgründen als Leihmütter zur Verfügung stellen, ist ein Hohn. Die Bedingungen, unter denen mehrere Leihmütter in kleinen, neben dem Spital angemieteten Behausungen während der Schwangerschaft quasi ›gehalten‹ werden, sind menschenunwürdig, ebenso wie die Tatsache, dass hier westliche Paare Kinder wie eine Ware zu Dumpingpreisen bestellen«, kritisiert Susanne Kummer, stellvertretende Geschäftsführerin des Instituts IMABE, das sich gegen die menschenverachtenden Nebeneffekte im bioethischen Bereich einsetzt und hier ganz offen von einem »Fortpflanzungstourismus« spricht.

 

Nirgendwo wird in den westlichen Staaten diskutiert, welche seelischen Folgen es für Frauen wohl hat, wenn sie mehrere Kinder gebären, die sie anschließend im wahrsten Sinne des Wortes verkaufen. Auch die Frage, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn Kinder als Objekte in Auftrag gegeben werden, wird nicht diskutiert. Der früher geltende Rechtsgrundsatz »Mater semper certa est« – Die Mutter ist immer sicher – gilt durch die moderne Reproduktionsmedizin nicht mehr. So kommt es dann auch zu tragischen Fällen wie der Geschichte des Babys Manji. Als das Mädchen 2008 das Licht der Welt erblickte, hatte sich das japanische Ehepaar, das es bei einer indischen Leihmutter in Auftrag gegeben hatte, zwischenzeitlich scheiden lassen. Zwar war der Japaner als Samenspender der biologische Vater des Kindes, aber weder er noch seine geschiedene Frau wollten das Baby in der Klinik abholen. Die indischen Behörden wollten daraufhin die Leihmutter dazu verpflichten, das Kind als ihr eigenes anzunehmen. Dagegen strengte die Leihmutter mithilfe der Klinik einen Rechtsstreit an. Letztendlich übertrug das höchste indische Gericht das Sorgerecht auf die japanische Großmutter, das Kind selbst blieb jedoch weiterhin staatenlos.

 

Es bleibt festzustellen, dass sowohl die Fortschritte in der Medizin als auch die Trennung von biologischer und sozialer Elternschaft nicht nur ein Segen für verzweifelte Paare mit Kinderwunsch sind, sondern eine Fülle von ethischen, rechtlichen und gesundheitlichen Problemen hervorrufen. Die schöne neue Welt der Fortpflanzungsmedizin wird dazu führen, dass wir Elternschaft rechtlich neu bestimmen müssen. Denn bei jedem dieser künstlich gezeugten und fremd ausgetragenen Kinder muss neu definiert werden, wer die Mutter ist. Ist es diejenige, die die Eizelle gespendet hat, diejenige, die das Kind ausgetragen hat oder diejenige, die es großzieht? Im Zweifel können das drei verschiedene Frauen sein – und vom Vater haben wir noch gar nicht gesprochen.

 

 


 

 

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