Sonntag, 25. Juni 2017
29.03.2016
 
 

Spaßbefreit und despotisch: Erdoğan bestellt Botschafter wegen Satirebeitrag ein

Birgit Stöger

Was Despoten und Strenggläubige häufig gar nicht lustig finden: Satire. Als einer der Prototypen dieser spaßbefreiten Kategorie scheint Recep Tayyip Erdoğan, Präsident der islamischen Türkei und Torwächter der merkelschen Immigrationspolitik, zu sein.

 

Wie der Spiegel berichtet, wurde der deutsche Botschafter in Ankara, Martin Erdmann, wegen der Satiresendung extra 3 von der türkischen Regierung einbestellt. Am 17. März präsentierte die öffentlich-rechtliche Satiresendung unter dem Titel »Erdowie, Erdowo, Erdogan« ganz ihrem Thema verpflichtet ein satirisches Zwei-Minuten-Liedchen, das den türkischen Despoten aufs Korn nimmt.

 

Protzsucht, Pressezensur und Humorlosigkeit auf Türkisch

 

»Erdowie, Erdowo, Erdogan«, so der Refrain des kritischen musikalischen Beitrags über den türkischen Präsidenten Erdoğan der öffentlich-rechtlichen Satiresendung extra 3, das ganz offenbar zu diplomatischen Verstimmungen zwischen der Türkei und Deutschland geführt hat.

 

Der deutsche Diplomat Martin Erdmann musste sich nach Medieninformationen bereits vergangene Woche in einem längeren Gespräch rechtfertigen.

 

Im Text des Liedes mit dem Refrain »Erdowie, Erdowo, Erdowahn« wird auf den Protzbau des 40 000 Quadratmeter großen und 270 Millionen Euro teuren neuen Präsidentenpalasts mit der Textzeile »Er lebt auf großem Fuß, der Boss vom Bosporus« Bezug genommen. Dazu werden Bilder von Erdoğans neuem Palast gezeigt.

 

Ebenso wenig erheitert zeigt sich der strenggläubige Muslim Erdoğan über Bilder von der Verhaftung eines Journalisten und der Erstürmung einer Redaktion. Im Satirebeitrag lautet der Text: »Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.«

 

Bilder eines Treffens zwischen dem türkischen Präsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bei dem sich beide die Hände schütteln, sind unterlegt mit dem Text »Sei schön charmant, denn er hat Dich in der Hand«.

 

Zur Melodie des Liedes »Irgendwie, irgendwo, irgendwann« der aus den 1980er-Jahren bekannten Popsängerin Nena wird auf die Großmachtfantasien mit der Textzeile »Die Zeit ist reif für sein großosmanisches Reich« hingewiesen.

 

Die Redaktion der Satiresendung extra 3 reagierte prompt und ernannte Erdoğan noch am Montagabend auf Twitter zum »Mitarbeiter des Monat«. Untertitelt wurde das Gezwitschere mit: »An ihm kam einfach keiner vorbei.«

 

Die islamische Türkei vertritt keine westlichen Werte

 

Dass die islamische Türkei kein Teil der westlichen Wertegemeinschaft ist, demonstrierte Erdoğan in der Vergangenheit mehrfach. Bereits seit dem Jahr 2011 stellte das EU-Parlament fest, dass es in der Türkei unter der Regierung Erdoğans keine Fortschritte im Hinblick auf die Grundrechte gebe, sondern ganz im Gegenteil unter seiner Regierung die Medienfreiheit massiv eingeschränkt und die Gerichte zu parteiischen Urteilen getrieben würden.

 

Seither machen Kritiker geltend, dass der Despot am Bosporus durch staatliche Internetzensur und Einschüchterungsversuche immer weiter die Pressefreiheit massiv einschränke und mit immer drastischeren Mitteln gegen kritische Journalisten und Medien vorgehe.

 

So wurden am Wochenende Diplomaten von Erdoğan scharf kritisiert, weil diese einem Prozess gegen die beiden prominenten Journalisten Can Dündar und Erdem Gül beiwohnten. Den beiden wird unter anderem Spionage und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Dündar ist Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, Gül deren Hauptstadt-Büroleiter.

 

»Die Türkei hat keinen Platz in der Europäischen Union«

 

Solch ein Verhalten ‒ damit bezog sich Erdoğan auf die Anwesenheit der Diplomaten beim Prozess ‒ entspreche nicht dem diplomatischen Protokoll.

 

Bei einem Treffen von Geschäftsleuten in Istanbul kommentierte er dies mit den Worten: »Wer sind sie? Was haben sie dort zu suchen? Dies ist nicht ihr Land, dies ist die Türkei.« Diplomaten dürften sich nur in ihren Vertretungen frei bewegen, so Erdoğan.

 

Einmal mehr zeigt die islamische Türkei, in deren Hände Angela Merkel durch den Türkei-EU-Deal das Schicksal Europas legen möchte, dass sie nicht Teil der westlichen Wertegemeinschaft sein kann.

 

Letzte Woche stellte der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy fest: »Die Türkei hat keinen Platz in der Europäischen Union.« Die Türkei spreche historisch wie ökonomisch und kulturell eine andere Sprache. Und teilt ganz offensichtlich nicht die gleiche Art von Humor.

 

 

 

 

 

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