Monday, 26. September 2016
22.01.2016
 
 

Wenig gesundheitsbewusste Patienten sind nur eine von vielen Ursachen für verschärfte Resistenzen gegen Antibiotika

C.L. Doherty

Mit Beginn des neuen Jahres 2016 ziehen sicher viele Menschen eine Bilanz des vergangenen Jahres und stellen fest, dass es vieles gibt, für das sie dankbar sein können. Aber die Tatsache, dass im vergangenen Jahr schätzungsweise zwei Millionen Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien erkrankten und 23 000 dieser Menschen an den Folgen starben, gehört sicherlich nicht dazu. Die Mehrzahl dieser Todesfälle ereignete sich in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, wie die amerikanische Behörde für Seuchenbekämpfung, Centers for Disease Control and Prevention (CDC), berichtete.

Forscher des Kinderkrankenhauses in Seattle im amerikanischen Bundesstaat Washington untersuchten im Rahmen einer Metastudie die Ergebnisse von Studien, die zwischen 2001 und 2011 durchgeführt worden waren. Dabei konzentrierten sie sich auf die Behandlung von Atemwegsinfektionen in der Kindheit mit Symptomen wie Halsschmerzen und Entzündungen der Ohren und der Nasennebenhöhlen.

 

Laut einem Bericht der Nachrichtensendung ABC News stellte sich heraus, dass schätzungsweise doppelt so viele Antibiotika verschrieben worden waren, wie eigentlich notwendig gewesen wären. Von den untersuchten Fällen waren nur 27,4 Prozent durch Bakterien verursacht und konnten daher sinnvollerweise mit einem Antibiotikum behandelt werden, während bei 57 Prozent der Erkrankungen Antibiotika verschrieben wurden, um die Symptome zu behandeln. Hochgerechnet ergeben sich daraus für den Untersuchungszeitraum 1,4 Millionen nicht notwendiger Verschreibungen von Antibiotika pro Jahr.

 

Die Versuche, die Zahl der Verschreibungen von Antibiotika zu verringern, sind offenbar gescheitert, denn die Studie ergab, dass sich die Verschreibungsraten innerhalb des untersuchten Zehn-Jahres-Zeitraums nicht nennenswert unterschieden. »Was immer wir auch jetzt unternehmen, es funktioniert nicht«, erklärte der Hauptverfasser der Untersuchung, Dr. Matthew Kronman, gegenüber ABC News. »Wir müssen völlig neue Hypothesen entwickeln, um zu verstehen, warum es zu diesem Scheitern kommt.«

 

Die George-Washington-Universität in Washington, D.C., führte vor Kurzem gemeinsam mit der Cornell-Universität und der Johns-Hopkins-Universität eine Untersuchung mit dem Titel »Erreger ist Erreger – Und warum sollte man ein Risiko eingehen? – Patientenerwartungen im Zusammenhang mit der Verschreibung von Antibiotika in einer innerstädtischen Notaufnahme« durch.

 

Es stellte sich heraus, dass das Informationsmaterial im Bereich öffentliche Gesundheitserziehung oft keine ausreichenden Informationen über die Fehleinschätzungen enthält, die die Patientenerwartungen prägen, Antibiotika verschrieben zu bekommen. Dies verleite Ärzte dazu, immer häufiger Antibiotika zu verschreiben. Die Forschungsergebnisse wurden in der Oktoberausgabe der Fachzeitschrift Medical Decision Making veröffentlicht.

 

Die Forscher waren zu dieser weitreichenden Schlussfolgerung in der Lage, nachdem sie lediglich die Fälle von 113 Patienten in »einem städtischen Krankenhaus« untersucht hatten.

 

Das Problem multiresistenter Keime ist sehr vielschichtig und bereits in vielen Teilen der Welt aufgetreten. Insofern überrascht es schon, dass gerade diese kleinere Studie so viel Medienaufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

 

Schwerwiegende Probleme wie etwa die Verabreichung von Antibiotika zur Wachstumsförderung bei Nutztieren, die Anreize für Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika sowie verbesserte Methoden ihrer Verbreitung, darunter unter anderem Verschreibungsprotokolle für Ärzte, verdienen im Zusammenhang mit der krisenhaften Ausweitung des Problems weitaus mehr Aufmerksamkeit als das Fehlen von Informationen in einigen Broschüren.

 

So machte etwa ein Artikel, der am 3. November 2014 auf der Internetseite Food Safety News erschienen ist, darauf aufmerksam, wie wenig die amerikanische Behörde für Nahrungsmittelsicherheit und Arzneimittelzulassung FDA tatsächlich unternimmt, um die großen Pharmakonzerne dazu zu zwingen, sich an die Bestimmungen zu halten, welche Werbung für Medikamente mit Eigenschaften verbieten, die nicht zu den normalen Anwendungsgebieten gehören (ein sogenannter »Off-Label-Use«).

 

In dem Artikel zeigt Lydia Zuraw auf, dass der Pharmakonzern Novartis Werbung für ein wachstumsförderndes Nahrungsergänzungsmittel betreibt, das aber eigentlich zur Behandlung von Ruhr, Lungenentzündung und gastroenteralen Erkrankungen bei Schweinen zugelassen wurde.

 

Bei diesem »Ergänzungsmittel« – Denagard – handelt es sich tatsächlich um ein Antibiotikum, das nur zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden sollte, aber von dem Unternehmen als Nahrungsergänzungsmittel zur Steigerung der Aufzucht- und Endmastleistung angepriesen wird, das den Tieren während ihres ganzen Lebens verabreicht werden soll.

 

Ken Outterson, Mitdirektor der Abteilung für Gesundheitsrecht der Juristischen Fakultät der Universität Boston und Mitglied der Arbeitsgruppe Antibiotikaresistenz der CDC, verfasste einen Aufsatz mit der Überschrift »Neue Geschäftsmodelle für nachhaltige Antibiotika«, der im Februar 2014 von der Denkfabrik Chatham House (früher: Royal Institute of International Affairs) veröffentlicht wurde. Dort argumentiert er, zu den Ursachen der Antibiotikaresistenz gehöre das gegenwärtig akzeptierte Geschäftsmodell für den Einsatz von Antibiotika, das in Kombination mit den derzeit gültigen patentrechtlichen Bestimmungen letztlich die Entstehung von Resistenzen fördere. So schrieb er:

»Nach traditioneller Auffassung bestimmen Umsatzvolumina und Preise die Kapitalrendite eines Medikaments. Angesichts der Resistenzen ist die Maximierung der Umsatzvolumina nicht im Interesse der weltweiten öffentlichen Gesundheit. Die Aufhebung dieser Koppelung entfernt die Verbindung zwischen der Finanzierung von Forschung und Entwicklung einerseits und dem Umsatzvolumen andererseits.«

Outterson beschreibt dann drei Probleme, die eine solche Entkopplung lösen könnte: unzureichende Anreize für Unternehmen, in Forschung und Entwicklung zu investieren, der Schutz von Antibiotika als wertvolles Instrument vor einem übermäßigen Einsatz sowie ungenügende Anreize, um den weltweiten Zugang zu wirksamen Antibiotika sicherzustellen.

 

Er kommt zu dem Schluss, dass das derzeitige Geschäftsmodell nicht mehr greife, da die Pharmakonzerne die Forschung und Entwicklung neuer Antibiotika eingeschränkt hätten. Dennoch würden sie trotz fehlender klinischer Notwendigkeit aufgrund [falscher] Anreize weiter verschrieben. Angesichts der evolutionären Entwicklung von Resistenzen sei ein Geschäftsmodell für Antibiotika unangemessen, das auf dem Umsatzvolumen beruhe.

 

Die oben erwähnte Studie »Erreger sind Erreger« kommt zu dem Schluss, dass über Informationsmaterial hinausgehend Vertreter des Gesundheitswesens in einem breiteren Sinne bessere Kommunikationsmethoden und optimales Informationsmaterial entwickeln müssten, um das Verständnis der Patienten in Bezug auf Antibiotika und die damit verbundenen Risiken zu erhöhen.

 

Dies ist zwar im Prinzip richtig, aber es betrifft nur einen kleinen Aspekt des immensen, sehr komplexen und immer häufiger zum Tode von Menschen führenden Problems der Antibiotikaresistenz. Nur auf das fehlende Patientenverständnis als Ursache dieses weltweiten Problems zu verweisen, entspricht der Eisbergwarnung aus dem Ausguck der RMS Titanic – und dürfte die gleiche Wirkung entfalten.

 

 

 

 

 


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