Tuesday, 22. May 2012
16.04.2010
 

Der Flugzeugabsturz bei Smolensk – Sind alle irre geworden, oder was?

Thomas Mehner

Die Leichen der beim Absturz der polnischen Regierungsmaschine Getöteten sind kaum kalt und identifiziert, da ergehen sich die Medien – auch die außerhalb des Internets – bereits in den tollsten, dreistesten und unglaublichsten »Erklärungen«: die Russen hätten die Maschine nicht landen lassen wollen, um die Teilnahme der Polen an den Feierlichkeiten in Katyn zu verhindern; die Russen hätten einen Anschlag auf die Maschine ausgeführt, um den unbequemen Präsidenten Kaczynski loszuwerden; FSB-Offiziere würden getarnt nach geheimen NATO-Dokumenten in den Maschinenresten suchen; der Pilot sei an allem Schuld; es gäbe da – laut Georgiens Präsident, einem willigen Vasallen Washingtons – »ein großes Geheimnis« usw. usf.

Geht’s eigentlich noch?, möchte man da fragen. Es ist noch keine Woche vergangen, seitdem die Tu-154 vom Himmel fiel, da wurden bereits alle möglichen und unmöglichen Behauptungen, was die Ursache des Unglücks gewesen sein könnte, aufgestellt. Natürlich hält keine »Theorie« mehr als 24 Stunden, um durch neue Informationen ad absurdum geführt zu werden, was angesichts einer solchen Katastrophe und der bisher vergangenen minimalen Zeit, in der sie untersucht werden konnte, auch gar nicht anders sein kann. Und jede Menge Widersprüchlichkeiten in so kurzer Zeit nach dem Unfall sind auch normal. Ein abschließendes Bild der Ereignisse braucht eine bestimmte Zeit – und nicht nur drei, vier oder fünf Tage. Aber das interessiert niemanden, Hauptsache, man kann lustig drauflos spekulieren.

Bei der ganzen aufgeregten Mediendiskussion sollten erst einmal folgende Fakten bedacht werden:

 

Fakt 1: Bei zahlreichen Flugunfällen zeigte sich später, dass das menschliche Moment die Katastrophe auslöste. Ausbildung hin, Ausbildung her. Es gibt Situationen, die keine Simulation abdecken kann. Zudem darf nicht vergessen werden, dass der Mensch – ein Wesen, das zwar ohne Flügel geboren wird, aber selbstherrlich meint, fliegen zu müssen – mit seinen blechbüchsenartigen Vehikeln in Höhe, Breite und Tiefe – also dreidimensional – agieren muss, während beispielsweise ein Autofahrer das Problem mit der Höhe (im Normalfall) nicht hat, denn sonst wäre das Autofahren längst verboten worden. Wieso fragt eigentlich niemand mal einen Piloten um seine Meinung? Sind die ausgestorben oder jetzt alle untergetaucht? Jemand, der noch nie selbst ein Flugzeug geflogen hat, weiß doch gar nicht, wovon er spricht, oder?

 

Fakt 2: Die polnische Delegation flog in einem alten Flugzeug. Wartung hin, Wartung her. Die Geschichte der Luftfahrtunfälle zeigt: Ein kleiner, unbemerkter technischer Defekt kann ungeahnte Katastrophen auslösen, auf die kein Pilot der Welt reagieren kann – und der auch von einem Flugschreiber und den späteren Untersuchern des Vorfalls nicht immer bemerkt wird. Schon jedem Fahrzeuglenker ist bekannt: Wenn man in einem 20 Jahre alten Auto fährt, ist die Wahrscheinlichkeit eines Defektes viel höher als bei einem zwei oder drei Jahre alten Wagen. Ein Flugzeug ist aber kein Pkw, es ist ganz anderen Belastungen ausgesetzt und von seinem Aufbau her viel komplizierter. Genaugenommen sollte man alle Maschinen nach zehn, spätestens 15 Jahren aus dem Verkehr ziehen – egal, was Statistiken über die angebliche Sicherheit dieses Beförderungsmittels sagen. – Im Übrigen muss jeder, der sich an Bord eines solchen »Vogels« begibt, damit rechnen, dass er verunglückt. Wenn man sieht, wie viele Menschen zusammengequetscht in einem solchen Geschoss sitzen und wie gering ihre Chancen, heil davon zu kommen, bei einer Havarie sind, muss man sich über rein gar nichts wundern. Statistik hin, Statistik her. Jeder Fall ist anders, jeder Fall ist ein Einzelfall. Zu behaupten, dass in einem ähnlichen Fall A beinahe alle Insassen mit dem Leben davonkamen, und das deshalb im aktuellen B auch so sein müsse, ist wenig glaubhaft.

 

Fakt 3: Offensichtlich gibt es ein tiefes Bedürfnis in der Medienwelt und ihren Nutzern, an Verschwörungen zu glauben – vor allem dort, wo sie nicht sind. Während da, wo sie glasklar aufscheinen, kaum jemand reagiert. Eine seltsame Situation. Das spricht nicht nur für ein gestörtes Wahrnehmungsvermögen, sondern auch für eine gewisse krankhafte Entwicklung, möglicherweise hervorgerufen durch die nicht mehr zu verarbeitende Informationsmenge, der irgendwann ein Informationscrash folgen wird. Wo früher Ruhe geblasen war, weil keiner im Internet nachsehen konnte, gackert heute alles durcheinander. Bei einem so viele verschiedene Elemente umfassenden Ereignis wie einem Flugzeugunglück kann unmöglich erwartet werden, dass bereits am Anfang alles klar und offensichtlich ist.

 

Fakt 4: Die Polen, die an Bord der Maschine saßen, waren nicht unbedingt Freunde der Russen. Letztere müssten aber in zehnfacher Potenz verrückt geworden sein, wenn sie auf ihrem eigenen Territorium die Tu-154 sabotiert hätten. Das Ganze käme einer Steilvorlage für alle gleich, die die Russen als Feinde betrachten – und könnte zu einem Konflikt führen, der im Blutvergießen endet. Natürlich werden einige Russenhasser weiter argumentieren, dass man den Sowjet-Nachfolgern nicht trauen könne und dass diese irgendwie an dem Unglück beteiligt seien. Das Problem ist nur: Wenn die Russen einen solchen Konflikt tatsächlich beabsichtigen würden, der außer Kontrolle gerät und in einem Blutbad endet, wozu dann diese völlig sinnlosen Umständlichkeiten? Da ist es doch gleich besser, bis an die deutsche Grenze durchzumaschieren. Dass sie das – auch unter größten Verlusten – können, haben die Russen bereits bewiesen.

Freilich werden derlei Fragen nach der Plausibilität auch nicht gestellt.

 

Fakt 5: Sollte sich im Laufe der Untersuchungen (und ich betone ausdrücklich, dass ich hier den Konjunktiv verwende, weil alles andere unseriös ist) tatsächlich herausstellen, dass Sabotage vorlag, ist zuerst einmal die alles entscheidende Frage zu stellen: Wem nützt es? – Den Russen? Kaum. Siehe Fakt 4! Wenn es die Russen nicht waren, haben vielleicht die Amerikaner eine Aktie an dem Geschehen? Das ist – bei aller Zurückhaltung in der gegenwärtigen Phase der Ermittlungen – keineswegs auszuschließen, wenn das Unglück kein »Zufall« war. Für das US-Establishment wäre nämlich eine abzusehende Annäherung Polens und Russlands geopolitisch betrachtet alles andere als erfreulich gewesen. Und dass es gern provoziert, ist bekannt. Man denke nur an den Konflikt zwischen Georgien und Russland. Wer der Schuldige war, weiß man mittlerweile – und wer ihm den Rücken deckte, auch.

Darüber hinaus dürfte einmal interessant zu erfahren, warum der polnische Außenminister Sikorski – der ja die ganze Angelegenheit erst initiiert hatte – nicht an Bord war …

Im Übrigen wurde Polen schon immer von geostrategisch denkenden Mächten missbraucht, sodass man gut verstehen kann, dass diese Nation sich in einer Opferrolle sieht. Vielleicht sollten die Polen auch einmal darüber nachdenken, sich nicht instrumentalisieren zu lassen, sondern ihren eigenen Weg zu gehen. Alles andere wird über kurz oder lang für sie in der Katastrophe enden. Ist das den ganzen Einsatz wert?

Wie gesagt, dies sind Spekulationen. Um eine endgültige Beurteilung abgeben zu können, sollte man die Zeit abwarten und nicht den dritten Schritt vor dem ersten und zweiten tun.

 

Fakt 6: Wenn ganze Regierungsmannschaften verunglücken, so erregt das natürlich besonderes Aufsehen. Wenn Lieschen Müller auf dem Rückflug von Mallorca vom Himmel fällt, ist der Vorfall schnell vergessen. Stürzt eine polnische Regierungsmannschaft über Russland in die Landschaft, ist die Dramatik kaum zu überbieten. Das ist ungefähr so, als würde die Air Force One über dem Iran abstürzen. Zu toppen wäre das nur noch, wenn eine israelische Maschine über … Aber lassen wir das. Was ich damit sagen will: Konfliktreiche Situationen werden durch Unglücksfälle weiter aufgeheizt. Und in der Welt von heute muss man durchaus damit rechnen, dass allein durch Gerüchte ein Krieg entstehen kann. Statt das Ereignis erst einmal tiefgründig zu analysieren, wird einfach drauflos diskutiert. Schlimmer geht’s nimmer. Ich frage mich: Stehen schon die ersten US- und EU-Truppen in Alarmbereitschaft?

 

Mein Fazit lautet: Etwas mehr Zurückhaltung und Ruhe in der Berichterstattung wäre in diesem Fall der abgestürzten Tu-154 hilfreich. Es gibt zudem 100 andere Dinge, über die man sich ereifern kann, die aber den Medien von heute meist keine einzige Zeile wert sind. Ich fürchte nur, dass meine Einwendungen und Empfehlungen untergehen werden in einer Zeit, in der man glauben will – zwar nicht mehr an den lieben Gott, aber an die Macht der Information. Enden wird das Ganze im Wahnsinn, und wir sind bereits auf dem besten Weg dorthin.

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