Tuesday, 27. September 2016
29.02.2016
 
 

Pulverfass Nordafrika. Der Vormarsch des IS in Libyen könnte Algerien zur Explosion bringen

Edgar Gärtner

In der vergangenen Woche hat der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian die Sicherheitsbehörde DPSD (Direction de la protection, de la sécurité et de la défense) mit der Untersuchung der Verletzung eines Militärgeheimnisses beauftragt. Die bekannte Pariser Tageszeitung Le Monde und das Wochenmagazin Le Point hatten über geheime französische Militäroperationen in Libyen berichtet. Schon seit November 2015 führen französische Jagdbomber über dem vom Bürgerkrieg geplagten nordafrikanischen Land Aufklärungsflüge durch.

 

Angeleitet durch den französischen Auslandsgeheimdienst DGSE operieren kleine französische Spezialkommandos zwischen der libyschen Hauptstadt Tripoli und der tunesischen Grenze im Osten und bei Benghazi im Westen des Landes in Zivilkleidung aber auch schon am Boden. Das Gleiche tun amerikanische Militärberater, die einen Teil der konkurrierenden Milizen für den Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) gewinnen und ausbilden sollen. Das wurde publik durch Fotos, die libysche Beobachter bei Facebook posteten, meldet Spiegel Online.

 

Im Osten Libyens ist Eile geboten, weil der IS dort vor Kurzem mit tausend Kämpfern die Städte Sabratha und Ajdatia angegriffen und teilweise erobert hat. Die US-Luftwaffe hat deshalb am 19 Februar unverhofft Sabratha bombardiert und dabei nach eigenen Angaben etwa 50 Dschihadisten getötet. Das Ziel des IS ist die Errichtung eines Brückenkopfes zum politisch instabilen Tunesien und von da aus weiter ins ebenso instabile Algerien.

 

Das Eindringen der IS-Kämpfer nach Tunesien soll unmittelbar bevorgestanden haben. Als das bekannt wurde, haben Algerien, Niger und Mali mit der Errichtung eines insgesamt 3300 Kilometer langen Schutzwalls an der Grenze zu Libyen begonnen. Die Befestigung soll aus zwei Gräben und einem zwischen ihnen aufgeworfenen Erdwall bestehen. Die vom IS üblicherweise für Truppentransporte benutzten Geländewagen sollen damit an der Durchfahrt gehindert werden. An der Grenze zwischen Algerien und Libyen stehen bereits 50 000 Soldaten. Um den IS-Kämpfern das Einsickern zu erschweren, wurde die Flugverbindung zwischen Algier und Tripoli schon im Januar eingestellt.

 

Inzwischen soll der IS in Libyen etwa 5000 schwerbewaffnete Kämpfer aus Syrien und dem Irak zusammengezogen haben, die von ehemaligen Offizieren Gaddafis und Saddam Husseins kommandiert werden. Der französische DGSE geht davon aus, dass die Kommandeure des IS vorhaben, alle dschihadistischen Terrortruppen Afrikas von den zurzeit noch rivalisierenden libyschen Terrortruppen, die entweder von Saudi-Arabien und Ägypten oder von der Türkei und Katar unterstützt werden, über Boko Haram in Nigeria bis zur somalischen Shabab-Miliz operationell zu vereinigen.

 

In Frankreich macht man sich vor allem wegen Algerien große Sorgen. Es ist kein Geheimnis, dass das ehemals französische Land wegen des Verfalls der Rohstoffpreise kurz vor dem Bankrott steht. Über 90 Prozent der algerischen Deviseneinnahmen stammen aus dem Öl- und Gasexport. Der algerische Staatshaushalt wurde bislang zu etwa 60 Prozent durch das Öl- und Gasgeschäft finanziert.

 

Damit konnte der Staat den Import von Nahrungsmitteln und soziale Wohltaten subventionieren, um Unruhen abzuwenden. Vor allem die Öleinnahmen brechen nun weg. So fällt es der aus dem Guerillakampf der FLN gegen die Franzosen hervorgegangenen Oligarchie immer schwerer, den Deckel noch auf dem brodelnden Kochtopf zu halten. Die Hälfte der inzwischen auf 40 Millionen angewachsenen Bevölkerung Algeriens ist unter 19 Jahre alt.

 

Der allergrößte Teil dieser jungen Menschen sieht in dem Land, das reich an Bodenschätzen ist, aber wirtschaftlich nicht vorankommt, keine Perspektive und strebt schon seit Jahren ins alte »Mutterland« Frankreich, wo die Perspektiven wegen einer nun schon Jahrzehnte währenden Massenarbeitslosigkeit allerdings auch nicht viel besser sind. Als Hoffnungsträger erscheinen neuerdings, wie das Online-Magazin Algérie focus berichtet, die Chinesen, die sich anschicken, die große Eisenerzlagerstätte von Gara Djebilet im Westen Algeriens zu erschließen.

 

Eigentlich könnte sich Algerien, obwohl es größtenteils aus Wüste besteht, durchaus mit Nahrungsmitteln und anderen Konsumgütern des täglichen Bedarfs selbst versorgen, denn der Norden des Landes ist sehr fruchtbar. Es gibt dort auch reichlich Niederschläge, die allerdings übers Jahr sehr ungleich verteilt sind.

 

Doch die 1962 vom französischen Präsidenten Charles de Gaulle mit den Verträgen von Evian in die Unabhängigkeit entlassenen Führer der FLN machten, angestiftet von Beratern aus der Sowjetunion und der DDR, den Fehler, nichts in die Landwirtschaft und die Konsumgüterindustrie zu investieren, sondern so gut wie alle Investitionsmittel dem Aufbau einer Schwerindustrie in der Nähe der ostalgerischen Stadt Annaba (Bône) zu widmen.

 

Die von den französischen »Colons« entwickelte Landwirtschaft verkam in raschem Tempo. Dadurch wurde eine starke Landflucht ausgelöst. Während in den Dörfern fast nur Alte und Gebrechliche zurückblieben, breiteten sich rund um die Großstädte wilde Wellblechsiedlungen aus.

 

Ich kann mich gut an diese Zeit erinnern. Als ich in den 1980er-Jahren einen ehemaligen Studienfreund in Ostalgerien besuchte, machte mich dieser mit einem jungen Mann bekannt, der von den neuen Machthabern als Manager einer von den Franzosen hinterlassenen großen Orangenplantage eingesetzt worden war. Als wir ihn besuchten, hingen die Orangenbäume brechend voll mit reifen bis überreifen Orangen. Doch der gute Mann fand niemanden, der sie hätte pflücken und zum Markt fahren können.

 

Er musste zusehen, wie die überreifen Früchte nach und nach ins Gras plumpsten. Er riet uns, den Kofferraum unseres Pkw damit zu füllen, um wenigstens einige davon nicht verkommen zu lassen. Das traurige Gesicht des jungen Verwalters wird mir wohl noch lange im Gedächtnis bleiben.

 

Zurzeit wird Algerien nur durch den mit polizeistaatlichen Methoden regierenden greisen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika notdürftig zusammengehalten. Französische Ärzte halten den zuletzt im Jahre 2014 wiedergewählten todkranken Mann künstlich am Leben, weil sie fürchten, dass nach seinem Ableben sofort das Chaos ausbricht.

 

Ins Chaos könnte aber auch ein durch das Vorrücken des IS in Libyen ausgelöster massenhafter Zustrom von Flüchtlingen führen. Schon jetzt leiden die meisten der kinderreichen algerischen Familien unter drückender Wohnungsnot. Da braucht es wenig, um eine Revolte anzufachen. Wie rasch in Algerien ein Bürgerkrieg ausbrechen kann, zeigen die Unruhen, die im Jahr 1991 nach dem vom Militär abgewürgten Wahlsieg der islamischen Heilsfront FIS über die FLN ausbrachen. Dem damals begonnenen Bürgerkrieg fielen schätzungsweise 100 000 Menschen zum Opfer.

 

So erscheint es eher wie ein schlechter Witz, dass Bundesinnenminister Thomas de Maizière gerade nach Algerien reist, um über die Rücknahme abgeschobener illegaler Einwanderer zu verhandeln. Algerien soll nach dem Willen der in Berlin regierenden Großen Koalition wie die beiden anderen Maghreb-Staaten Marokko und Tunesien zum »sicheren Herkunftsland« erklärt werden. Es zeichnet sich im Gegenteil ab, dass diese Länder wie auch Libyen infolge des Zusammentreffens der fortschreitenden Verarmung der Bevölkerung mit Vorstößen des IS zur Quelle eines neuen Massenexodus über das Mittelmeer werden.

 

Als Anwälte der rasch wachsenden Zahl der Armen profilieren sich in Algerien heute immer stärker werdende Muslimbrüder und Salafisten.

 

Um diese zu besänftigen, lässt Bouteflika an der Bucht von Algier zurzeit trotz weitgehend leerer Kassen vom deutschen Architekten Jürgen Engel eine Riesenmoschee für 120 000 Besucher errichten. Deren 265 Meter hohes Minarett soll zum höchsten Bauwerk Afrikas werden. Der in einer Erdbebenzone auf wackligem Grund stehende Turm könnte zum Symbol der Vermessenheit einer überlebten Oligarchie werden …

 

 

 


Flüchtlinge als geopolitisches Druckmittel

Mit Massenmigration als Waffe präsentiert Kelly M. Greenhill die erste systematische Untersuchung dieses verbreitet eingesetzten, aber weitgehend unbeachteten Instruments der Einflussnahme von Staaten.

Mehr...


 

.

Ergänzende Beiträge zu diesem Thema

Äthiopien: Nichts zu essen, aber Waffen kaufen

Udo Ulfkotte

Ich habe Äthiopien oftmals besucht. Meist musste ich als Journalist dorthin, um mitleiderweckende Geschichten über hungernde Afrikaner zu schreiben. Nicht schreiben durfte ich, dass der Hunger selbst verschuldet war, die ständigen Hilfslieferungen immer wieder auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden und das Geld dann sofort für Waffenkäufe ausgegeben  mehr …

Nordafrikanische Intensivtäter machen Staatsversagen deutlich

Stefan Schubert

Schwere Straftaten von nordafrikanischen Tätern wurden in den Mainstreammedien erst nach den massenhaften sexuellen Übergriffen in Köln, Hamburg und Stuttgart, thematisiert. Dabei treiben die Kriminellen aus dem Maghreb schon seit Jahren ihr Unwesen in Deutschland. Verantwortliche Minister wie Heiko Maas und Ralf Jäger schauen untätig zu oder –  mehr …

Terrorgefahr: Tunesische Flüchtlinge beunruhigen Innenminister

Peter Orzechowski

Offenbar geht die größte Gefahr für die öffentliche Sicherheit in Deutschland von den Flüchtlingen aus den nordafrikanischen Staaten aus. Das zeigen die aktuellen Zahlen der Kriminalstatistik und auch der Bericht über den Zuwachs ausländischer Kämpfer in der Terrormiliz Islamischer Staat.  mehr …

Wer diesen Artikel gelesen hat, hat sich auch für diese Beiträge interessiert:

»Warum sollen die Leser noch zahlen, wenn sie geprügelt werden?«

Redaktion

Peter Bartels arbeitete sich 17 Jahre lang zum Chefredakteur der Bild-Zeitung hoch. Als die Berliner Mauer fiel und Deutschland wiedervereinigt wurde, führte Bartels zusammen mit Hans-Hermann Tiedje die größte deutsche Zeitung. Das Gespann wurde damals intern als »Rambo und Django« bezeichnet. Bartels war Django. Die Bild erreichte zu dieser  mehr …

SOS: Euro-Desaster 2.0 voraus

Michael Brückner

Eine Krise wie das Flüchtlingschaos hat aus Sicht der Regierungen mitunter sogar eine positive Seite: Andere akute Probleme geraten in den Hintergrund. In den Südstaaten der EU braut sich ein neues Euro-Desaster zusammen.  mehr …

Lehrer-Proteste in Ungarn: ein neuer Soros-Coup?

Andreas von Rétyi

Nachdem in Ungarn mehrere tausend Lehrer aus vielen ungarischen Städten auf die Straße gingen, um gegen die Bildungspolitik der Regierung Orbán zu protestieren, machten bald auch Gerüchte die Runde, dahinter könnte eine neue Aktion des Megaspekulanten George Soros stecken.  mehr …

Simbabwe hungert ‒ sein Despot feiert

Birgit Stöger

Robert Mugabe, der greise kommunistisch geprägte Diktator des seit Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise gefangenen Simbabwe, feierte trotz Hungerkrise ein rauschendes Fest zu seinem 92. Geburtstag. Über 700 000 Euro soll das gekosten haben. Wie Welt Online berichtet, habe Mugabe nach seiner einstündigen Hetzrede über die »dreckige Hilfe«  mehr …

Werbung

Die Denkfabriken

US-Finanzoligarchen bilden eine internationale »Geheimregierung«

Eine wichtige Rolle bei der Manipulation der öffentlichen Meinung spielen die sogenannten Denkfabriken - oder Think Tanks, wie sie im Englischen heißen. Die meisten von Ihnen kennen vermutlich die wohlklingenden Namen: Council on Foreign Relations, Aspen Institute, Trilaterale Kommission, Bilderberger und German Marshall Fund. Dahinter stehen die führenden Vertreter der US-Finanz- und Wirtschaftsoligarchie: Soros, Rockefeller, Rothschild, Buffett, Gates. Und alles, was an der Wall Street Rang und Namen hat.

mehr ...

Newsletter-
anmeldung!
Hier erhalten Sie aktuelle Nachrichten und brisante Hintergrundanalysen
(Abmeldung jederzeit möglich)

NATO Geheimarmeen in Europa

Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung

Für den Fall einer sowjetischen Invasion in Westeuropa gründete die NATO geheime Armeen, das sogenannte »Stay-behind«- Netzwerk. Es sollte hinter den feindlichen Linien operieren und örtlich begrenzte Widerstandsbewegungen im feindlichen Territorium aufbauen. So wäre leicht ein Guerillakampf gegen die östlichen Invasoren möglich gewesen. Doch nicht nur das: die Geheimarmeen wurden außerdem skrupellos eingesetzt, um unter Führung der USA gezielt Attentate gegen die eigene Bevölkerung auszuführen, Unsicherheit zu erzeugen und den Ruf nach einem starken Staat zu unterstützen.

mehr ...

KOPP EXKLUSIV – Jetzt bestellen

Brisante Hintergrundanalysen wöchentlich exklusiv nur bei uns.

So senken Sie Ihr biologisches Alter

Jünger werden ist möglich!

In jedem Lebensalter gibt es Menschen, die sehr viel fitter sind als ihre Altersgenossen - oder auch genau das Gegenteil. Neueste Studien belegen sogar, dass das biologische Alter beispielsweise bei 40-Jährigen zwischen 28 und 61 Jahren liegen kann. Das bedeutet, dass sich unser Körper in der Mitte des Lebens entweder noch auf höchstem Leistungsniveau oder bereits auf dem Stand eines Frührentners befinden kann. In seinem neuen Buch erläutert der Anti-Aging-Experte Dr. Dr. Michael Despeghel, dass wir glücklicherweise genau dies selbst in der Hand haben.

mehr ...

Katalog – Jetzt kostenlos bestellen

Bestellen Sie unseren Katalog kostenlos und unverbindlich.