Sunday, 28. August 2016
09.04.2013
 
 

Daten aus Offshore-Steuerparadiesen gehackt: Etwas ist faul an diesem Skandal

F. William Engdahl

Das Projekt klingt seriös und beeindruckend. Eine Organisation namens International Consortium of Investigative Journalists (Internationales Konsortium investigativer Journalisten, ICIJ) aus Washington D.C. meldet mit großer Fanfare, sie sei in den Besitz vertraulicher Daten über Kunden von Offshore-Banken aus 170 Ländern gelangt, das Ganze sei »größer als WikiLeaks«.

Unter anderem heißt es auf ihrer Website: »Regierungsvertreter und deren Freunde und Familien in Aserbaidschan, Russland, Kanada, Pakistan, den Philippinen, Thailand, der Mongolei und anderen Ländern haben Scheinfirmen und Geheimkonten genutzt. Viele führende Banken der Welt – darunter die UBS, Clariden und die Deutsche Bank, haben aggressiv daran gearbeitet,

ihren Kunden verschwiegene Firmen auf den Britischen Jungferninseln und anderen Offshore-Verstecken anzubieten.«i

 

Um die Story noch verlockender zu machen, erklärt die Organisation, sie werde die Dateien nicht an staatliche Behörden übergeben. Zu den kleinen Häppchen an Information, die bisher freigegeben wurden, zählen Berichte wie: »Deutsche Bank half Kunden, Hunderte von Offshore-Firmen zu unterhalten« und »Postsowjetische Milliardäre fallen nach Großbritannien ein … auf dem Weg über die Britischen Jungferninseln«. Wie sie beschreiben, haben angeblich Dutzende ausgewählter Journalisten im Rahmen der Untersuchung des ICIJ über Offshore-Geheimhaltungspraktiken »Millionen durchgesickerter Unterlagen und Tausende von Namen« gesichtet. »Ein Speicher mit 2,5 Millionen Dateien enthüllt die Geheimnisse von über 120.000 Offshore-Firmen und -Fonds sowie geheime Geschäfte von Politikern, Strohmännern und den Superreichen aus aller Welt. Die vertraulichen Unterlagen, die in die Hände des International Consortium of Investigative Journalists gelangt sind, geben die Namen hinter Geheimfirmen und privaten Fonds auf den Britischen Jungferninseln, den Cook-Inseln und anderen Offshore-Verstecken preis.«ii Auf welche Weise das ICIJ solch einen Speicher »erhalten« hat, wird nicht mitgeteilt.

 

Bemerkenswert ist auch, dass sich die Veröffentlichung von Skandalen bislang auf die Deutsche Bank, Frankreichs Staatspräsidenten Hollande, Milliardäre aus Griechenland oder russische Oligarchen beschränkt. Bisher werden das Weiße Haus und Washington allgemein von dem Skandal nicht erfasst. Die Süddeutsche Zeitung, Partner des ICIJ, beschreibt, was sie offenlegen wird: »130.000 Personen aus mehr als 170 Ländern werden in den Unterlagen aufgelistet. Darunter sind Oligarchen, Waffenhändler und Finanzjongleure. Auch Hunderte deutscher Treffer finden sich in den Daten; einen Überblick wird die SZ in den kommenden Tagen geben.« Waffenhändler, Finanzjongleure und »Hunderte deutscher Treffer…«. Solcher Journalismus ist ein krasses Beispiel für Schuldzuweisung durch schlechte Gesellschaft.

 

Weiterhin behauptet das ICIJ: »Die Masse an Dokumenten bildet die umfangreichste Insider-Information über das Offshore-System, die je einer Medienorganisation in die Hände gefallen ist. Gemessen in Gigabytes ist die Gesamtmenge der Dateien über 160 Mal größer als die Dokumente des US State Department, die WikiLeaks 2010 an die Öffentlichkeit brachte.«iii

 

Doch dann wird es interessant. Für jeden, der auch nur oberflächlich weiß, wie genau kontrolliert die weltweiten Medienkonzerne operieren: Zu den Medien, denen das ICIJ die Dokumente zur Analyse überließ, zählen The Guardian und die BBC in England, Le Monde in Frankreich, Süddeutsche Zeitung und Norddeutscher Rundfunk in Deutschland, The Washington Post, die Canadian Broadcasting Corporation (CBC) und 31 weitere Partnermedien aus aller Welt. Ein erstes Resultat der Enthüllungen ist die Ankündigung des britischen Premierministers David Cameron, er werde seine Präsidentschaft der G8 dazu nutzen, gegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche vorzugehen.

 

Die Rechercheure genauer ansehen…

 

Während sich weltweit die Mainstreampresse auf die Enthüllungen konzentriert, drängt sich die Frage auf: Wer oder was genau ist dieses Internationale Konsortium investigativer Journalisten?

 

Nach Angaben auf der Website wurde das ICIJ 1997 als Projekt des Center for Public Integrity gegründet, »um den Stil des Watchdog-Journalismus des Center weiter auszubauen«. Zu den finanziellen Unterstützern des ICIJ zählen die Open-Society-Stiftungen des verurteilten Hedgefonds-Spekulanten George Soros aus den USA.iv Die Open-Society-Stiftungen waren und sind in vielen Ländern aktiv, die das US State Department für einen Regimewechsel oder eine »Farbenrevolution« ins Visier genommen hatte. Beispiele sind Georgien, die Ukraine, Burma (Myanmar) und Libyen. Weitere Förderer sind die David and Lucile Packard Foundations des Hewlett-Packard-Gründers und früheren Vize-Verteidigungsministers David Packard, die äußerst traditionsbewussten Pew Charitable Trusts und andere.

 

Die interessantere Organisation ist jedoch der Begründer des ICIJ, das Center for Public Integrity, ebenfalls in Washington ansässig. Bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich als eine Kreation der mächtigsten Familien an der Wall Street und der amerikanischen politischen Elite. Wieder laut Website wurde das Center for Public Integrity 1989 gegründet, um »mit den Mitteln des investigativen Journalismus die Demokratie zu fördern, indem Machtmissbrauch, Korruption und Untreue durch einflussreiche staatliche und private Institutionen aufgedeckt werden«.v

 

2012 zählte zu den namentlich genannten Unterstützern des Center unter anderem die Ford Foundation, die nachweislich in der Nachkriegszeit in mehreren Ländern eng mit der CIA zusammenarbeitete. Außerdem standen auf der Liste Soros‘ Open Society Foundations, die John D. & Catherine T. MacArthur Foundation, die Sanford C. Bernstein & Co., LLC des milliardenschweren Wall-Street-Bankers Sandy Bernstein, der Rockefeller Brothers Fund und der Rockefeller Family Fund.

 

Was findet die Crème de la Crème der mächtigen amerikanischen Familien und Bankiers so verlockend daran, genau die Journalistenorganisation zu unterstützen, die jetzt angeblich über Dokumente mit Material verfügt, mit dem Regierungen, Politiker und Geschäftsleute aus aller Welt erpresst werden könnten? Werden auch ihre Offshore-Investitionen veröffentlicht wie die der Deutschen? Außerdem fragt sich, welche Dienststelle oder Behörde in der Lage wäre, internationale Computerdatenbanken und Millionen verschlüsselter Unterlagen von Offshore-Banken zu hacken, ohne dabei aufzufliegen?

 

 

Herrsche über das Geld und du beherrschst die Welt…

 

Hinter den nobel klingenden Worten der investigativen Journalisten des ICIJ verbirgt sich ein alarmierendes neues Element in einem globalen Finanzkrieg zwischen dem Dollar-Imperium, dem Euro und potenziell auch dem chinesischen Renminbi. Das seltsame Vorgehen des ICIJ legt die Vermutung nahe, dass hier nach einem anderen Plan agiert wird. Eine weltweite Hexenjagd auf – legale oder illegale – Privatvermögen hat begonnen. Es ist nicht mehr ein ehemaliger Angestellter der UBS oder irgendeiner anderen Schweizer Bank, der Datensätze über Geheimkunden aus Deutschland stiehlt und den deutschen Steuerbehörden übergibt. Jetzt können sämtliche Offshore-Konten der Welt offengelegt werden.

 

Es geht um riesige Summen. Eine Untersuchung von James S. Henry, Ex-Chefvolkswirt bei McKinsey & Company, schätzt, dass Reiche 21 bis 32 Billionen Dollar in privaten Fonds in Offshore-Steueroasen angelegt haben – das entspricht grob den Staatshaushalten der USA und Japans zusammen genommen. Nur ein Beispiel: Henry zeigt, dass sich der Umfang der Vermögenswerte, die von den 50 größten »Privatbanken« verwaltet werden – Banken, die für ihre wohlhabenden Kunden, im Bankjargon »high net worth« genannt, häufig Offshore-Oasen nutzen – von 5,4 Billionen Dollar im Jahr 2005 auf über zwölf Billionen 2010 erhöht hat.

 

Die andere Frage ist: Welche Behörde(n) welcher Regierungen verfügen über die Spionage-Kapazitäten, solch eine massive Hackoperation sämtlicher Offshore-Bankkonten weltweit durchzuführen, um sie dann »anonym« den handverlesenen Journalisten des ICIJ in Washington zu übergeben? Vielleicht sollten wir einmal die National Security Administration, die massive Spionagebehörde der US-Regierung, fragen… Wenn EU, EZB und IWF törichterweise einen Präzedenzfall setzen und private Einlagen bei zyprischen Banken in einer Manier beschlagnahmen, der Stalin in den 1930er Jahren höchste Bewunderung gezollt hätte, dann kann man sich leicht ausmalen, dass Washington angesichts einer außer Kontrolle geratenen Staatsverschuldung die Übergabe der ICIJ-Daten fordern und Guthaben von Menschen aus aller Welt beschlagnahmen könnte, und zwar ohne Gerichtsverfahren und ohne den Beweis von kriminellem Verhalten. Wirklich ehrlicher investigativer Journalismus ist nötig, aber das »Geheimnisse-zu-verkaufen«-Projekt des ICIJ riecht nach einer massiven, von der US-Regierung gesponserten Erpressung oder Schlimmerem gegen den Rest der Welt. Wie Henry Kissinger, der Schützling der Rockefeller-Familie, in den 1970er Jahren gesagt haben soll: »Wer über das Geld herrscht, der beherrscht die ganze Welt.«

 

 

Fußnoten:

 

i Gerard Ryle et al, Secrecy for Sale: Inside the Global Offshore Money Maze, International Consortium of Investigative Journalists, 3. April 2013.

ii Ebenda.

iii Ebenda.

iv Heather Smith, »Soros Loses Case Against French Insider-Trading Conviction«, Bloomberg, 6. Oktober 2011.

v Center for Public Integrity, About the Center,

 

 

 


 

 

 

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