Thursday, 17. May 2012
09.07.2008
 

Platzt in Kürze die spekulative Ölpreisblase?

F. William Engdahl

Am Donnerstag, dem 3. Juli, erreichte der Ölpreis einen absoluten Rekordhöchststand von 145,85 US-Dollar, und die Investmentbank »Goldman Sachs« geht davon aus, dass er schon bald die 200-Dollar-Marke übersteigen wird. Sind dies Anzeichen dafür, dass die größte Spekulationsblase aller Zeiten bei Rohstoffpreisen demnächst im Begriff ist, zu platzen? Es gibt ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass dies schon bald der Fall sein könnte. Sollte dem so sein, können wir mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Insider an der Wall Street – die sich immer noch die Wunden lecken, die sie sich durch ihre Dummheiten mit der Verbriefung von »Wert«papieren wie den zweitklassigen US-Hypothekenkrediten und den Riesenverlusten damit zugezogen haben – genauso schamlos Riesengewinne durch Spekulation auf den Rückgang des Ölpreises machen werden, wie sie es auch schon auf seinem Weg nach oben getan hatten. Diejenigen Trader, die als Zwischenhändler zwischen Derivatkäufern und -verkäufern fungieren, wissen genau, was die US-Regierung lieber nicht wissen will: wer nämlich in diesem Markt welche spekulative Position hält.

Wie ich bereits detailliert in meinen beiden früheren Veröffentlichungen zum Thema Ölpreisexplosion ausführte, ist der wahre heutige Preistreiber bei diesem Rohstoff die Spekulation, nicht »Peak Oil« (Ölfördermaximum und versiegende Reserven) oder ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage. Dieser Markt ist der mit Abstand undurchsichtigste der Welt – vom internationalen Rauschgifthandel einmal abgesehen. Niemand außer einer kleinen Handvoll von Banken und Ölmultis ist über die tatsächliche Lage im Bilde, was Ölmengen, -reserven und -preise sowie die spekulativen Futures-Positionen der Beteiligten auf dem Ölmarkt betrifft.

Wenn wir Schlagzeilen lesen wie etwa »US-Ölvorräte sanken in der vergangenen Woche um …« oder »Chinas Ölbedarf so hoch wie nie zuvor«, wie es ein Goldman-Sachs-Bericht kürzlich formulierte, dann weiß in Wirklichkeit niemand außer einer kleinen Handvoll Besitzer von Tankerfirmen und deren Ölgesellschaften, was Sache ist. Sämtliche brisanten Daten hinsichtlich des tatsächlichen Ölbedarfs befinden sich in den Händen privater multinationaler Unternehmen, die davon profitieren, dass allgemein von einem weiteren Preisanstieg ausgegangen wird. Dies ist heutzutage einer der lukrativsten Schwindel der Welt.

Die Tatsache, dass Regierungen, vor allem die US-Regierung in Washington, nichts unternehmen, um gegen diesen Riesenbetrug einzuschreiten, ist hier der eigentliche Skandal und das wahre Verbrechen. Wie ich in meinem Buch Mit der Ölwaffe zur Weltmacht beschrieben habe, kontrollieren anglo-amerikanische Banken- und Ölkartelle seit der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg Ölpreis und -markt – ein Hauptwerkzeug ihres weltweit reichenden Einflusses. Heute, nach der Invasion des Irak durch größtenteils britische und US-amerikanische Truppen, sollten kaum Zweifel daran bestehen, dass dies mehr als je zuvor der Fall bleiben wird.

 

Alle Fakten sprechen für Nachlassen des Weltölbedarfs

Schon jetzt ist an der Kräfteverteilung absehbar, dass wir auf ein starkes Überangebot an Öl zusteuern, was sich sogar auf die überhöhten Futures-Preise auswirken wird.

In China lässt das Wirtschaftswachstum bereits nach. Den größten Zuwachs der Importnachfrage in den letzten sechs Jahren verzeichnete China. Das Reich der Mitte importiert zwar weiterhin täglich etwa ein Drittel der Menge, die die USA, der größte Importeur, einführen, doch Chinas Wirtschaftswachstum zeigt bereits erste Anzeichen einer Abschwächung, was nahelegt, dass der Bedarf bald ebenfalls nachlassen wird.

Im Juni verzeichnete China den langsamsten Anstieg seiner Güterproduktion in den letzten drei Jahren, und nach Angaben der China Federation of Logistics and Purchasing (CFLP, Chinesischer Verband für Logistik und Einkauf) ergab eine Umfrage unter Einkaufsleitern, dass sich in den letzten drei Monaten der Zuwachs an Exportaufträgen ebenfalls kontinuierlich abgeschwächt hat. Das ist der niedrigste Stand seit August 2005. Nach einer Vorausschätzung der Weltbank wird Chinas Wirtschaftswachstum in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2002 unter die Zehn-Prozent-Marke fallen. Im April ging die Industrieproduktion in Indien und China sogar zurück.

 

Nachlassendes Wirtschaftswachstum in China führt zu verringertem Energiebedarf.

 

Ein Fall von vielen: In den ersten fünf Monaten des Jahres 2008 schlossen 2331 Schuhproduktionsbetriebe in der Provinz Guangdong, dem größten Herstellungszentrum für Fußbekleidung in China, wegen zu stark steigender Löhne und aufgrund des stärkeren Yuan-Kurses, der einen Großteil der Exporterlöse aufzehrte, wie das staatliche Zollamt berichtete. Ein Nachlassen der weltweiten Industrieaktivität führt zu einer allgemeinen verringerten Nachfrage nach Energie im Allgemeinen – und Öl im Besonderen.

US-Wirtschaftsrezession verringert Nachfrage aus den USA: Neun von zehn Rezessionsphasen nach dem Zweiten Weltkrieg begannen unmittelbar nach einem Höchststand des Ölpreises. Solche Rezessionsphasen führen immer zu einem dramatischen Einbruch des Ölpreises. Goldman Sachs und andere Wall-Street-Banken erwarten sowohl eine ernsthafte Rezession der US-Wirtschaft als auch einen Ölpreis von 200 US-Dollar pro Barrel. Dieser Widerspruch wird sich schon bald in Form fallender Preise auflösen. Erfahrungsgemäß verhält sich der Ölpreis extrem zyklisch – er steigt zu Zeiten konjunkturellen Aufschwungs und fällt beim Rückgang der Wirtschaft. In den USA fiel er zur Zeit der letzten Rezession (von November 2000 bis November 2001) um 44 Prozent, von Oktober 1990 bis Januar 1992 um 48 Prozent – und von Juli 1980 bis Juli 1986 um 71 Prozent.

US-Öl und nachlassender Treibstoffbedarf in Rezessionsphasen: Zwei Drittel des Öls in den USA werden als Treibstoffe zu Transportzwecken eingesetzt, die Hälfte davon für Lastkraftwagen, Eisenbahnen, Busse, Flugzeuge und Schiffe. Mit nachlassender Wirtschaftsaktivität sinkt auch der Bedarf an Öl.

 

Während die US-Wirtschaft von der Rezession in die Depression rutscht, verringert sich gleichzeitig der Treibstoffbedarf drastisch.

 

IEA: Nachfrageschätzung bis 2012 drastisch nach unten korrigiert. Ausgehend von den gegenwärtigen Preisen schätzt die Internationale Energieagentur (IEA) nun, dass der weltweite Ölbedarf im Jahr 2012 um drei Millionen Barrel niedriger liegen wird als ursprünglich angenommen. Nach ihrer Schätzung werden die Rekordpreise und ein spürbares Nachlassen des weltweiten Wirtschaftswachstums zu verringerten Treibstoffkäufen führen. Die Verringerung der OPEC-Reservekapazitäten zu einer »vernachlässigbaren« Menge von einer Million Barrel pro Tag bis 2013 wird zu »anhaltenden Spannungen« am Markt führen, so die Agentur in ihrem mittelfristigen Ölmarktbericht.

Ölpreise oberhalb von 140 US-Dollar pro Barrel werden zu einem nachlassenden Verbrauch in den 27 Nationen führen, die von der in Paris ansässigen IEA beraten werden, wodurch sich die Nachfrageschätzungen für jedes der Jahre von 2009 bis 2012 um etwa drei Prozent verringern. »Mit Ölpreisen über 140 US-Dollar erleben wir eindeutig den dritten Ölschock, denn die Preise drücken das Wirtschaftswachstum«, sagte der Exekutivdirektor der IEA, Nobuo Tanaka, beim Weltölkongress in Madrid. »LKW-Fahrer streiken, bei Fluggesellschaften werden Pleitewellen prophezeit.«

Gedämpftes globales Wirtschaftswachstum führt zu verringerter Nachfrage nach Öl: Während die OPEC und andere Ölproduzenten von Washington unter Druck gesetzt werden, die Fördermenge zu erhöhen, zeigt sich bereits eine deutliche Dämpfung des globalen Wirtschaftswachstums. Die Nachfrage nach Öl verringert sich, während gleichzeitig die Angebotsmenge gestiegen ist.

In den Vereinigten Staaten und Großbritannien herrscht gegenwärtig praktisch ein industrielles Nullwachstum – die Produktion erhöhte sich gegenüber dem letzten Jahr um gerade einmal 0,2 Prozent. In vielen anderen Ländern hat sich die Industrieproduktion in den letzten zwölf Monaten verringert, z.B. -0,7 Prozent in Japan, -1,1 Prozent in Österreich, -2,5 Prozent in Italien und Dänemark, -2,9 Prozent in Kanada, -5,4 Prozent in Griechenland, -5,7 Prozent in Singapur und -13,3 Prozent in Spanien.

Die Frage, wann die spekulative Ölpreisblase platzt, ist für niemanden genau vorhersagbar – außer vielleicht für den wohl einflussreichsten Player am Ölfutures-Markt, die Investmentbank Goldman Sachs, deren ehemaliger Vorstandsvorsitzender übrigens der gegenwärtige US-Finanzminister Henry Paulson ist. Dass der Ölpreis fallen wird – vielleicht auf ein Niveau von 90 US-Dollar oder sogar auf die etwas realistischeren 60 bis 70 US-Dollar pro Barrel, die zur kostenintensiven Erschließung neuer Ölfelder mindestens benötigt werden –, ist so gut wie sicher. Also: Käufer aufgepasst!

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