Saturday, 25. June 2016
06.07.2010
 
 

Wird ein Bankrott von BP zum Auslöser eines neuen weltweiten Finanz-Tsunamis?

F. William Engdahl

Die Regierung Obama hat ein Verbot erlassen, Bilder von den ungeheuren Schäden zu veröffentlichen, die die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko verursacht hat – bei der noch kein Ende in Sicht ist. Alle Welt konzentriert sich auf das Ölgeschäft von BP. Doch bei British Petroleum gibt es noch eine andere Dimension: das Unternehmen zählt weltweit zu den exponiertesten Finanzunternehmen, es operiert praktisch wie eine unregulierte Bank mit Finanzmarkt-Positionen in unbekannter Höhe, vergleichbar dem in Konkurs gegangenen Enron-Konzern und dem bankrotten Autobauer General Motors, die ebenfalls mehr in spekulativen Unternehmungen denn als Industrieunternehmen tätig waren. Ein Bankrott von BP zum jetzigen Zeitpunkt könnte einen neuen weltweiten Finanz-Tsunami auslösen, der weit schlimmer wäre als der Zusammenbruch von Lehman Bros. im September 2008.

Solche Bilder von ölverschmierten Tieren sind jetzt von der Regierung Obama verboten worden.

 

So schrecklich die Umweltkatastrophe am Golf von Mexiko auch ist, so könnte uns doch ein noch weit größeres Desaster drohen. Die Kosten für Reinigung, Gerichtsverfahren und Entschädigungen nach der schlimmsten Umwelttragödie der Welt könnten durch British Petroleum (BP) ein Kreditereignis auslösen, das sich verheerend auf die weltweiten außerbörslichen Derivate (OTC) auswirken würde, einen nominell über 615 Billionen Dollar schweren Markt.

Niemand außerhalb der großen Derivatbanken wie Goldman Sachs, JP Morgan Chase oder Morgan Stanley weiß, wie hoch die bilanzunwirksamen Verbindlichkeiten und fremdfinanzierten Positionen bei BP sind. Diese Informationen sind streng geheim. Nach Auskunft verlässlicher Finanzmarkt-Insider schichten diese Banken gerade Billionen Dollar in andere Währungen, Swaps, Derivate, Optionen, Schulden und Equity-Portfolios um, weil sie offensichtlich einen Bankrott von BP erwarten.

Der erfahrene Finanzmarkt-Fondsmanager Jim Sinclair erklärt: „BP ist der wichtigste Player am langen Ende der Energiekurve. Wie exponiert sind Goldman Sachs’ Tochterunternehmen J. Aron, Morgan Stanley und JP Morgan Chase? Jetzt kürzt man BP den Kredit. Vertragspartner akzeptieren BP höchstens für die Laufzeit eines Jahres. So etwas hat es nie zuvor gegeben. Ein Riese steckt in der Klemme.“

Allein die Größe von BP, dem stärksten Unternehmen an der Londoner Stock Exchange, macht es zu einem bevorzugten Investment für Pensionsfonds aus aller Welt. Noch vor sechs Monaten galten BP-Aktien als eine der sichersten Investitionen. Wenn nun diese Pensionskassen gezwungen sind, in noch größerem Umfang als bisher BP-Aktien abzustoßen, dann könnte dies den Zusammenbruch einer der größten Quellen von AAA-bewerteten Krediten auslösen.

 

BP ist ein Finanzcasino

BP vergibt durch Handel und Finanzgeschäfte weit mehr Kredit als die meisten Banken der Welt. So lange ein Energieriese seinen Cash-Flow durch die Preisschwankungen handhaben kann, wird es zu einer wahren Geld- und Kreditmaschine. Diese kann mit AAA-Bewertungen Kredite aufnehmen und an weniger kreditwürdige Unternehmen mit attraktiven Gewinnmargen Kredite vergeben. Doch damit ist Schluss, wenn das Kreditrating deutlich herabgestuft wird.

Der Milliarden-Investor Warren Buffet ist der größte Investor bei Moody’s Credit Rating Co., das ist möglicherweise der Grund dafür, dass Moody’s bisher das BP-Risiko unangetastet lässt.

BP hat eine Cash-Reserve von 15 Milliarden Dollar angegeben, eine Summe, die zu Beginn der Katastrophe noch mehr als ausreichend zu sein schien, um für angerichtete Schäden aufzukommen. Doch wie es jetzt aussieht, wäre es ein Wunder, wenn die Kosten weniger als 20 Milliarden betrügen. Fitch, eine der Großen Drei amerikanischen Ratingagenturen, hat am 15. Juni das Kreditranking für BP um volle sechs Stufen von AA auf BBB heruntergestuft. Falls Moody's und S&P nachziehen, wird das Unternehmen dastehen wie die griechischen Staatsschulden nach der Herabstufung auf »Ramsch«, die im Frühjahr dieses Jahres die Finanzkrise in der EU ausgelöst haben.

Schon jetzt stoßen die Insider-Banken in dem Versuch, ihre Verluste zu minimieren, klammheimlich BP-Derivate und -Aktien ab. Das geschieht genau zu dem Zeitpunkt, wo die US-Wirtschaft in eine neue Phase eintritt, die selbst ein Establishment-Ökonom wie Paul Krugman mittlerweile als die »dritte Große Depression« bezeichnet.

Laut einem kürzlich veröffentlichten Moody’s-Bericht würde ein Bankrott von BP 117 so genannte Collateralized Synthetic Obligations (CSO) beeinträchtigen, was für viele unterschiedliche Inhaber solcher Papiere zu großen Verlusten führen würde. Die BP-CSOs machen alarmierende 18 Prozent sämtlicher ausstehenden CSOs aus, ein Hinweis auf das Ausmaß und die Wirkung der BP- Finanzgeschäfte weltweit. Erinnern wir uns, dass der Finanzkrach von 2008 vom Zusammenbruch anderer Derivate, nämlich den an amerikanische Eigenheimkredite gebundenen so genannten Collateralized Debt Obligations (CDO) und den Credit Default Swaps von Finanzunternehmen wie Lehman Bros. und des Versicherungskonzerns AIG ausgelöst wurde. Bei CSOs ist die Leverage noch weit stärker, sie sind riskanter und völlig unreguliert.

 

Keine staatlichen Kontrollen

Aufgrund des beispiellosen Drucks der Wall-Street-Banken – einem Prozess, den ich in meinem jüngsten Buch Der Untergang des Dollar-Imperiums beschreibe – weigern sich der US-Kongress und die Obama-Regierung zwei Jahre nach der schlimmsten Finanzkrise der Geschichte noch immer, den gefährlichsten Teil der Finanzmärkte zu regulieren. Wegen interner Streitereien zwischen Frankreich, Deutschland, Großbritannien und anderen EU-Mitgliedern gibt es auch in der EU bislang keine wirksame Kontrolle für Finanzderivate wie die von BP.

Laut Moody’s könnten CSO-Transaktionen auf den Namen BP oder eine ihrer Tochtergesellschaften im Fall einer Umstrukturierung oder eines Bankrotts von BP, zu einem so genannten »Kreditereignis« werden. Wenn ein Kreditereignis eintritt, bedeutet dies für CSO-Investoren hohe Verluste.

Während sich dieses Drama hinter verschlossenen Türen an der Wall Street und in der Londoner City abspielt und BP immer tiefer in die Krise rutscht, wird die Auswirkung auf die weltweiten Finanzmärkte gigantisch sein. Welche Banken sind gegenüber BP exponiert? Niemand weiß es, aber die Erklärung einer der größten US-Derivatbanken, der Bank of America, über die kürzlich gefällte Entscheidung, die Derivate-Risikoexposition an BP zu begrenzen, legt die Vermutung nahe, dass die größten US-Banken, die »Götter des Geldes von der Wall Street« allesamt beteiligt sind.

Seit der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon am 21. April stoßen amerikanische Investoren von BP, darunter auch Pensionsfonds, Aktien ab. Wenn das Kreditranking von BP noch weiter sinkt, schnellen die Kosten für die Refinanzierung der milliardenschweren BP-Finanzobligationen in die Höhe, ein Prozess, der normalerweise einem Bankrott vorangeht.

BP-Chef Svanberg verschwand dem Vernehmen nach während der BP-Krise für einen Seitensprung auf seiner Jacht.

Das Weiße Haus unter Obama, das sich verzweifelt bemüht, in einem Wahljahr jede Verantwortung von sich zu weisen, beschuldigt jetzt BP und droht dem Unternehmen mit strafrechtlicher Verfolgung. Die Katastrophe der Deepwater Horizon trifft BP zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Laut Bloomberg ist »BP das meistgehasste Unternehmen in Amerika. Zwei ihrer Raffinerien waren für 97 Prozent der Sicherheitsverstöße... in der Raffinerie-Industrie in den letzten drei Jahren verantwortlich«, so das Center for Public Integrity. BP hält den Rekord für die höchste Strafe, die von der Occupational Safety and Health Administration [US-Behörde für Arbeitssicherheit und –schutz] verhängt worden ist. Darüber hinaus hat sich das [unabhängige] US Chemical Safety & Hazard Investigation Board sofort in die Untersuchungen der Ölkatastrophe eingeschaltet, wie schon zuvor bei dem Feuer und der Explosion der BP-Raffinerie in Texas City, bei der 2005 fünfzehn Menschen ums Leben kamen und viele verletzt wurden.

Jim Hacket, Vorstandsvorsitzender von Anadarko Petroleum, einem BP-Partner am Golf, erklärt: »Es erweist sich immer mehr, dass diese Tragödie vermeidbar gewesen wäre, sie ist das Resultat von rücksichtslosen Entscheidungen und Handlungen von Seiten der BP. Wir sind offen gestanden schockiert über die öffentlich zugängliche Information, die in jüngsten Untersuchungen ans Licht gekommen ist... die... darauf hindeutet, dass BP ohne Rücksicht auf die Sicherheit vorgegangen ist und bei der Bohrung der Macondo-Quelle mehrere kritische Warnzeichen übersehen und missachtet hat. Das Verhalten von BP stellt wohl grobe Missachtung oder willentliches Fehlverhalten dar, was Auswirkungen für die Verpflichtungen der anderen Vertragspartner an diesem Projekt haben wird.«

Die BP-Katastrophe wird also über den OTC-Derivatemarkt und das damit verbundene Risiko verschlimmert. Wie bei Lehman Bros., so ist auch hier der Markt undurchsichtig und völlig unreguliert. Das wahrscheinlichste Ergebnis wird sein, dass die US-Tochtergesellschaft von BP versuchen wird, einen Gläubigerschutz nach Chapter 11 zu erwirken. Das wird die hochgradig kreditgestützten weltweiten Finanzmärkte in die Luft sprengen. Wenn die britische Muttergesellschaft BP Plc. bankrott geht, werden die Auswirkungen für die Rentenkassen in England wahrscheinlich einen staatlichen Bailout für BP nach sich ziehen. Wir stehen erst am Anfang der Katastrophe.

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