Tuesday, 22. May 2012
22.10.2011
 

Ahnte »Kannibalenopfer« sein Schicksal voraus?

Gerhard Wisnewski

So ganz geheuer war die Südseeinsel Nuku Hiva dem Deutschen Segler Stefan R. offenbar nicht. Noch kurz vor seinem möglichen Opfertod in einem Kannibalenfeuer soll er merkwürdige Assoziationen in Bezug auf seine Umgebung gehabt haben. Es käme einem so vor, schrieb er angeblich in seinem Tagebuch, »als ob man bald über dem Feuer gebraten wird«.

Verschwiegene Buchten, Palmen, Wasserfälle – die mitten im Pazik gelegene Südseeinsel Nuku Hiva hat alles, wovon der gestresste westliche Zivilisationsmensch träumt. »Dreieinhalb Jahre lang segelten Stefan R. (40) und seine Freundin Heike D. (37) um den Erdball, spürten grenzenlose Freiheit und lernten fernab von jeglichem Massentourismus die schönsten Gegenden dieser Welt kennen«, schrieben die Lübecker Nachrichten am 18. Oktober 2011: Kapverden, Tobago, Curaçao,

Guatemala, Honduras, Panama – die Orte, die das Paar aus Haselau (Kreis Pinneberg) mit ihrem Katamaran ›Baju‹ ansteuerte, lesen sich wie das Who’s who der paradiesischen Reiseziele.« Doch bekanntlich wurde genau dieser Traum für die deutschen Weltumsegler auf der kleinen Südseeinsel Nuku Hiva zum Albtraum.

Etwa eine Woche nach der Ankunft auf Nuku Hiva lernten die beiden Touristen den Einheimischen Henri H. kennen. Für den nächsten Tag lud der Stefan R. zu einem Jagdausflug in ein abgelegenes Tal ein. Was R. nicht wusste: Die Beute war womöglich er selbst. Am Samstag, den 9. Oktober, verschwand Stefan R. bei dem Inselausflug. Seine Freundin erschien bei der Polizei und erklärte, von dem einheimischen Führer gefangen genommen, sexuell belästigt und an einen Baum gefesselt worden zu sein, wobei sie sich jedoch befreien und fliehen konnte. Bei einer großangelegten Suchaktion wurde später eine Feuerstelle mit menschlichen Überresten gefunden. Wie eine DNA-Analyse inzwischen ergab, handelt es sich tatsächlich um die Überreste von Stefan R. Während alle Welt sofort von Kannibalismus sprach, stritten Inseloffizielle das vehement ab.

Soweit, so bekannt. Nicht bekannt war bisher, das R. offenbar bereits einschlägige Assoziationen oder Befürchtungen hegte. Offenbar hatte das Paar die folkloristischen Darbietungen auf der Insel, die eine alte kannibalistische Vergangenheit haben soll, bereits seit einiger Zeit beobachtet. In einem inzwischen auf dem Internet aufgetauchten Blogeintrag vom Tage seines Verschwindens schreibt Stefan R.:

»Mittlerweile können wir den Text, den die Tanzgruppe jeden Abend einübt, schon mitsummen, so viele Abende haben wir deren Klängen und Gesang zugehört. Vorgestern Abend wurde auf der historischen Stätte im Dorf am Wasser geübt und gestern tatsächlich in der Hauptstätte oben im Tal mitten im Dschungel. Das Spektakel ließen wir uns, mittlerweile ja schon zum eingefleischten Fanclub zugehörend, nicht entgehen. Und wie erwartet wirkten hier die marquesischen Klänge, die Drums und der Tanz, noch mal viel mehr unter die Haut gehend. Wenn nun dazu alle ihre Kostüme tragen und die Krieger voll bemalt sind, kommt man sich wohl tatsächlich vor, als ob man bald über dem Feuer gebraten wird.«

Vorausgesetzt der Eintrag ist authentisch (bis jetzt wurde er von den Hinterbliebenen nicht dementiert), dann war die Gefahr anscheinend bereits mit Händen zu greifen. Bedauerlicherweise hat der Mann seinem Gefühl jedoch keine Folge geleistet und schnellstens Segel gesetzt. Nur wenig später erlitt er möglicherweise genau das Schicksal, das er vorausgeahnt hatte.

 

 


 

 

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