Saturday, 30. July 2016
24.03.2016
 
 

Das Schweigen der Lämmer: Warum verstummten die Germanwings-Passagiere?

Gerhard Wisnewski

Am 24. März 2015 stürzte der Germanwings-Flug 4U9525 auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen ab. 150 Menschen sollen dabei ums Leben gekommen sein. Aber nach wie vor sind keineswegs alle Fragen geklärt. Eine der wichtigsten betrifft die Handys der Passagiere: Warum gab es keine Anrufe und SMS-Nachrichten aus dem Flugzeug? Warum konnte nach dem Crash angeblich kein einziger Handyspeicher ausgelesen werden? Kurz: Warum hinterließen die 150 Insassen keinerlei elektronische Spuren?

 

Es gibt keine Handyfotos und keine letzten Nachrichten. Weder wurde etwas auf Papier gekritzelt, noch wurde eine letzte SMS gesendet. Dabei führen Flugzeugpassagiere heutzutage einen regelrechten Schweif aus elektronischen Daten hinter sich her. Während sich durch die (häufig nicht deaktivierten) Handys eine elektromagnetische »Wolke« um das Flugzeug bildet, knipsen und daddeln die Passagiere natürlich weiter. Besonders die Jugendlichen. Sollten zum Beispiel ausgerechnet 16-jährige Schüler wie die des Halterner Gymnasiums, die heutzutage an ihrem Handy hängen wie an einer dritten Mutterbrust, keine Nachrichten mehr gesendet und keine digitalen Einträge mehr hinterlassen haben?

 

Immerhin soll es bis zu zehn Minuten gedauert haben, bis die Maschine im südfranzösischen Département Alpes-de-Haute-Provence aufschlug. Aber solche Fragen wurden nicht gestellt. Zum Jahrestag 2016 findet die Aufarbeitung der Germanwings-Katastrophe vom 24. März 2015 ausschließlich emotional statt. Fakten interessieren nicht – nur Gefühle, Tränen und Erinnerungen an die Verstorbenen. Kein Journalist und kein TV-Team hat sich aufgemacht, die Katastrophe noch einmal zu untersuchen. Dabei wäre das durchaus interessant.

 

»Mich wundert, dass ich nirgendwo Hinweise auf (zu erwartende) Handy-Aktivitäten der Passagiere oder der Crew der Unglücksmaschine finden kann«, schrieb ein Benutzer auf gutefrage.net: »SMS? Facebook? Twitter? Anrufversuche? Weiß hierüber jemand Bescheid?« Aber wundern ist hierzulande verboten: »Während des Fluges ist Handybenutzung nicht erlaubt«, wurde der Fragesteller gleich zurechtgewiesen: »Außerdem wird niemand mit einem Absturz gerechnet haben und in der kurzen Zeit hat sicher niemand daran gedacht, SMS oder Mails zu verschicken. Denk mal nach, die Menschen hatten Todesangst!« Und ein anderer Nutzer warf ein: »Ja, was bitte sollen die denn twittern!? ›Voll krass – ich sitz im Flugzeug, und das Triebwerk brennt...‹: Oder vielleicht ein Handy-Video drehen mit ›Leute guckt euch das mal an... der Pilot steht vorm Cockpit und prügelt mit Fäusten an die Tür...‹«

 

»Mein Cousin, ich sage Lebewohl...«

 

Genau das. Von anderen Flugzeugabstürzen kennt man solche Nachrichten nämlich. Als etwa im August 2005 nach einem Druckabfall eine Passagiermaschine bei Athen abstürzte, schickten die verzweifelten Passagiere Nachrichten wie: »Mein Cousin, ich sage Lebewohl. Die Piloten sind bewusstlos. Wir erfrieren.« Ein anderer simste: »Dem Piloten geht es nicht gut. Er ist ganz blau im Gesicht.« Bei einem Luftzwischenfall in China am 30. März 2008 simste eine Passagierin zum Abschied: »Mein Liebster. Das Flugzeug hatte eine kleine Explosion, es gibt Rauch, und es sieht so aus, dass wir schnell nach unten fliegen« (die Maschine konnte dann doch noch sicher landen). Auch als am 3. Januar 2010 eine Maschine der Flash Airlines bei Scharm asch-Schaich ins Meer stürzte, hatten Passagiere noch Nachrichten an ihre Lieben geschickt: »Einige Familien haben wenige Minuten nach dem Start SMS von ihren Angehörigen an Bord erhalten, in denen es hieß, dass etwas schief läuft«, sagte Marc Chernet von der Vereinigung der Hinterbliebenen der Katastrophe (Süddeutsche Zeitung, online, 10.05.2010).

 

Elektronisches Schweigen

 

Nur die Angehörigen der Germanwings-Opfer bekamen nichts. Sollte der verzweifelte Kampf, den der Kapitän der Germanwings-Maschine angeblich um den Zutritt zum Cockpit geführt haben soll, niemanden zu einer solchen Kurznachricht veranlasst haben? Auch ein Video zu drehen wäre schließlich nicht schlecht gewesen, was erstens auch im Flugmodus des Handys (siehe auch unten) funktioniert und zweitens nach der Landung hätte nützlich sein können – denn immerhin mussten die Passagiere ja nicht gleich mit einem tödlichen Ausgang rechnen.

 

Im Fall der Germanwings-Maschine endet die elektronische Kommunikation aber nicht etwa im Flugzeug oder mit dem Aufprall, sondern schon in den Unterkünften der Schüler in Spanien oder kurz danach auf dem Weg zum Flughafen – jedenfalls nach dem, was wir aus den Medien wissen. Auffällig daran ist, dass dabei nur von Whatsapp-Nachrichten die Rede ist, aber nicht von SMS-Botschaften. Zum Beispiel will die Mutter eines der Schulmädchen um 6:23 Uhr eine letzte Whatsapp-Botschaft ihrer Tochter erhalten haben: »So, Taschen gepackt, jetzt geht es ab zum Flughafen.« Eine andere Mutter hat ein ganzes Album voll ausgedruckter Whatsapp-Tweets zusammengestellt. In einem TV-Interview mit dem WDR zeigte sie es vor (Germanwings-Absturz: Leben lernen mit dem Schmerz, WDR, 17.03.2016).

 

Demnach antwortete ihre Tochter immer sehr schnell – innerhalb von Minuten. Als die Mutter am 20. März um 10:20 Uhr zum Beispiel schrieb: »Hallo maus! Schick doch mal Bilder. geht es dir gut?«, kam die Antwort um 10:22 Uhr: »Ja mir geht’s ganz gut, aber ich komm nicht ganz so gut mit Marina klar.« Auch eine andere Konversation zwischen den beiden spielte sich im Minutentakt ab. Und als die Mutter am Abreisetag, dem 24. März, um 7:52 Uhr über Whatsapp fragte: »Hallo Maus! Seid ihr schon unterwegs? Wie war Barcelona?«, kam die Antwort vier Minuten später, um 7:56 Uhr: »Wir sind im Zug. Ich zeig dir nachher Fotos«. Aber als die Mutter um 8:07 Uhr »Gute Fahrt« wünschte, wurde diese Nachricht zwar noch bei der Tochter angezeigt (erkennbar an einem blauen Häkchen im Chatverlauf des Absenders).

 

Eine Antwort bekam die Mutter aber nicht mehr. Warum nicht, wenn die Nachricht im Whatsapp-Chat ihrer Tochter angezeigt wurde? Denn bis zum geplanten Abflug von Germanwings 4U9525 um 9:35 Uhr waren es immerhin noch knapp eineinhalb Stunden. Keine Zeit mehr, ein »Danke« zu senden? In Wirklichkeit soll der Flug sogar erst um 10:01 Uhr gestartet sein (tagesschau.de, 24.03.2015), also fast zwei Stunden nach der Nachricht der Mutter. Laut dem WDR-Interview fragte diese um 12:20 Uhr bei ihrer Tochter an, ob sie gut gelandet sei. Ob diese Nachricht noch übertragen wurde (blaues Häkchen), beantwortet die Dokumentation aber nicht, denn unmittelbar danach wurde das Interview geschnitten. Zumindest hätte man dem Häkchen entnehmen können, ob der Whatsapp-Chat der Tochter noch geöffnet war und das Mobiltelefon mithin noch funktionierte.

 

 

Die letzten Whatsapp-Nachrichten der Germanwings-Opfer

 

 

Von Nachrichten keine Spur

 

Gab es nach dem oben genannten Zeitpunkt (8:07 Uhr) überhaupt noch irgendwelche Lebenszeichen der Schüler und der anderen Insassen? Und wenn nein, warum nicht? Denn so sehr man auch sucht: Man findet keine Informationen über die letzten SMS- oder Whatsapp-Nachrichten der Germanwings-Insassen. Nur die britische Daily Mail will noch etwas über »die letzten Nachrichten der deutschen Schulkinder« aus dem Flugzeug erfahren haben, wonach sich diese sehr auf zu Hause gefreut hätten (DM vom 25.03.2015, online). Aber wenn man versucht, den entsprechenden Artikel (»Final texts from German schoolchildren sent from ...«) anzuklicken, führt der Link ins Leere. Ein Video der Daily Mail mit demselben Titel enthält ebenfalls keinen Text. Von diesen angeblichen Nachrichten fehlt also jede Spur. »Selbst wenn der Airbus abgestürzt sein sollte«, heißt es auf einem Bürgerrechte-Blog, sei ein so langer Gleitflug »eine sehr lange Zeit – Zeit genug für Passagiere und Besatzung, um Textnachrichten oder Anrufe abzusetzen. Aber niemand hat es getan.

 

Wie ist das zu erklären? Warum hat der angeblich aus dem Cockpit ausgesperrte Kapitän in diesen 18 Minuten kein Mobil- oder Notfalltelefon benutzt? [Auch die acht bis zehn Minuten bis zum Crash, von denen die offizielle Version ausgeht, wären natürlich jede Menge Zeit gewesen.] Warum hat tatsächlich niemand von den 144 Passagieren sein Telefon benutzt, um anzurufen oder seinen Angehörigen einen Text zu schicken, sobald klar war, dass es ein Problem mit dem Cockpit und dem Flugzeug gab und dass es mit einem Kilometer pro Minute Richtung Erde plumpst? Die Behauptung, dass die Passagiere erst im letzten Moment erkannten, was passierte, ist nicht plausibel. Die Passagiere müssen mitbekommen haben, wie der Pilot versuchte, die Cockpittür aufzubrechen, sollte das wirklich auf dem Stimmenrekorder zu hören gewesen sein. Sie müssen mitbekommen haben, wie das Flugzeug rapide an Höhe verlor und durch die Wolkendecke brach. Sie müssen die Berge näher und näher kommen gesehen haben, und sie müssen ganz sicher auch die Mirage-Jäger wahrgenommen haben, die von der Flugsicherung nach oben geschickt worden waren.«

 

Warum verstummten die Passagiere?

 

Aber über weitere SMS- und Whatsapp-Nachrichten wird nichts berichtet. Haben die Jugendlichen also wirklich bald nach dem Verlassen ihrer Unterkünfte »elektronisch geschwiegen«? Sehr ungewöhnlich. Aber selbst dann müsste es noch jede Menge Bewegungsdaten der Handys geben. Daraus ließe sich entnehmen, wo und wie lange die Mobiltelefone der Passagiere im System eingebucht waren: Bis zum Flughafen? Oder noch im Flugzeug? Anhand der eingebuchten Mobiltelefone hätte man den Weg der Maschine über die Taxiways des Flughafens Barcelona, die Startbahn und noch darüber hinaus rekonstruieren können müssen: Welche Handys waren noch im System angemeldet und wie lange? Und an welchen Mobilfunkmasten haben sich diese Mobiltelefone während des Fluges eingebucht? Spätestens, als das Chaos in der Maschine begann und der ausgesperrte Kapitän an die Cockpittüre hämmerte, hätten einige Insassen sicherlich ihr Handy gezückt und per SMS Hilferufe und Abschiedsworte abgesetzt. Selbst wenn die Mobiltelefone keine Verbindung bekommen hätten, hätten die Handys die SMS-Nachricht im Postausgang gespeichert, um sie bei nächster Gelegenheit zu senden.

 

Diese Nachrichten hätten also noch in den Speichern der Handys vorhanden gewesen sein müssen. Aus ihnen hätte hervorgehen müssen, was an Bord genau passierte. Waren also wirklich alle 150 Mobiltelefone so geschädigt, dass die Speicher nicht mehr auslesbar waren, wie die französische Staatsanwaltschaft behauptete? Kaum zu glauben. Denn Handys sind im Vergleich zu Menschen und Gepäck erstens sehr klein und überstehen Abstürze daher häufig besser. Zweitens sind sie mit ihrer im Vergleich zu ihrer geringen Masse hohen Festigkeit sehr robust. Auch die Speicher sind sehr klein und im Inneren des Gerätes gut geschützt. Warum gab es also

 

  • während der langen Wartezeit bis zum Check-In und Abheben keine Whatsapp- und SMS-Botschaften mehr?

  • keine Bewegungsdaten der Mobiltelefone?

  • keine empfangenen Nachrichten bei Freunden und Verwandten?

  • keine Texte, Fotos, Videos oder Sprachaufnahmen auf den geborgenen Handys?

 

Hatte sich tatsächlich kein einziger Handy-Chip auslesen lassen? Alle Fotos, Texte, SMS-Nachrichten aus dem Spanien-Aufenthalt weg?

 

Ein angebliches Handy-Video

 

Zwar präsentierte die Bild-Zeitung, die gerne solche Glaubwürdigkeitslücken stopft, ein angebliches Handyvideo aus dem Inneren der Germanwings-Maschine. Doch ein Beweiswert kam ihm nicht zu. Denn weder Flugzeug noch Passagiere waren darauf zu erkennen. Die französischen Behörden bestritten denn auch die Echtheit der Aufnahmen: Berichte über ein Video seien »komplett falsch«. Heute kann man daraus nur noch einige verwackelte Sekunden sowie viele Mogelpackungen im Internet finden.

 

In Wirklichkeit konnte man vom Flug Germanwings 4U9525 also kein einziges überzeugendes Bit auftreiben – angeblich jedenfalls. Weder in den Handys und Digitalkameras der Opfer, noch in den Handys von Empfängern oder im Mobilfunk-Computersystem. Seltsam, nicht? Unter realen Bedingungen könnte man sicher zumindest ein Drittel der Geräte auswerten und sämtliche Aktivitäten bis zur letzten Sekunde rekonstruieren. Ein Handy-Tester der Stiftung Warentest gab denn auch zu Protokoll, dass Speicherkarten »sehr widerstandsfähig« sein können: »Selbst wenn ein Handy in tausend Stücke zerfällt, kann der Speicher noch überstehen, zum Beispiel wenn das Gerät beim Aufprall abgefedert wurde« (bild.de, 31.03.2015). Warum bis heute keine Daten präsentiert wurden, bleibt deshalb ein Rätsel...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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