Samstag, 10. Dezember 2016
25.06.2014
 
 

Toter FAZ-Herausgeber Schirrmacher: Morddrohungen des Mainstreams?

Gerhard Wisnewski

Na so was: Da verfasst der Herausgeber der mächtigen Tageszeitung FAZ eine Philippika auf einen der führenden Propagandisten des Systems – und kurze Zeit später ist er tot. Ist Kritik etwa so ungesund? Die Rede ist von dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem ZDF-heute-journal-Moderator Claus Kleber. Am 28 März 2014 geißelte Schirrmacher Kleber in ungewohnter Schärfe wegen dessen anmaßenden Interviews mit dem Siemens-Vorstand Joe Kaeser. Am 12. Juni erlag der 54-jährige Schirrmacher plötzlich und unerwartet einem Herzinfarkt. Pikant. Die Sache ist aber noch viel pikanter. Denn schließlich war Schirrmacher schon vor zwei Jahren gestorben – und zwar in einem Schlüsselroman. Eine Morddrohung des Mainstreams?

 

Die Philippika hatte es in sich: »Inquisition«, »High Noon«, »journalistisches Übermenschentum« – in ungewohnt scharfer Weise attackierte der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher am 28. März 2014 den ZDF-heute-journal-Moderator Claus Kleber und beschmutzte damit das warme Nest des Mainstreams. Am 26. März hatte Kleber den Siemens-Vorstand Joe Kaeser wegen dessen Moskau-Besuchs einer peinlichen Befragung unterzogen – und zwar im doppelten Sinne des Wortes: Schmerzhaft für Kaeser, aber vor allem peinlich für Kleber, der sich wieder einmal als Kettenhund der Vereinigten Staaten präsentierte.

 

 

Kleber ist streng auf Linie und Mitglied des Kuratoriums der überaus einflussreichen Atlantik-Brücke, in der sich auch US-Militärs und Geheimdienste versammeln. »Unerbittlich nahm Kleber den Mann in die Zange«, schimpfte Schirrmacher zwei Tage später in der FAZ und zitierte fassungslos Klebers inquisitorische Fragen an Kaeser: »Was haben Sie sich bei Ihrem Freundschaftsbesuch gedacht?«, »Wie lange mussten Sie warten?«, »Und Sie haben mit dem geredet!«

 

»Inquisition, die alles in den Schatten stellt«

 

»Diese Inquisition«, die »alles in den Schatten stellt, was man an Vaterlandsverratsrhetorik aus dem wirklichen Kalten Krieg kannte, ist überhaupt nur als Symptom journalistischen

Übermenschentums diskutierbar«, so Schirrmacher. »Nicht viel, und wir hätten in einer der nächsten heute-journal-Sendungen den armen Herrn Kaeser in einer Datscha neben Edward Snowden gesehen.«

 

Kein Zweifel: Schirrmacher war dabei, aus der Kriegsphalanx des NATO-Mainstreams auszuscheren. Und dabei war er ja schließlich nicht irgendwer, sondern des Mainstreams bestes Pferd im Stall. Das Studium und Studienaufenthalte in den Ideologieküchen der Siegermächte (Montpellier, Cambridge, Yale) sollten dem zukünftigen deutschen Top-Journalisten wohl die richtige Perspektive verpassen. Im zarten Alter von etwa 25 stieg Schirrmacher im Feuilleton der FAZ zu den führenden Meinungsmachern auf, mit 30 wurde er bei der FAZ Nachfolger des Gralshüters der deutschen Literatur, Marcel Reich-Ranicki, und mit 34 sogar Herausgeber der FAZ.

 

Im Laufe seiner Karriere wurde Schirrmacher mit Preisen überhäuft und von den Mainstreammedien gehätschelt, besonders von den führenden US-Magazinen. Newsweek nannte Schirrmacher einen führenden Intellektuellen, und bei Time erschien er 1994 gar unter den 100 bedeutendsten Persönlichkeiten der Welt – gleich neben Bill Gates. Aber als Buchautor legte der Mann auch immer wieder den Finger in die Wunden dieser todgeweihten Gesellschaft – und wurde so zunehmend unbequem. Er griff bedrohliche Themen auf wie die sinkenden Geburtenraten und die Überalterung der Bevölkerung (Buchtitel: »Das Methusalem-Komplott«) oder die Auflösung der Familie (Minimum). Die digitalisierte Gesellschaft nahm er ebenfalls aufs Korn (Payback).

 

Aber auch auf die Blattlinie der FAZ schien Schirrmacher mit der Zeit einen öffnenden Einfluss auszuüben. In einem Nachruf nannte Josef Haslinger, Präsident der deutschen PEN-Sektion, Schirrmacher einen »erstaunlich kritischen Geist«, der seine Zeitung für viele kontroverse Themen geöffnet habe. Tatsächlich gab es unter Schirrmacher »mehrere Paradigmenwechsel«, hieß es in einem Nachruf der FAZ (online, 12.6.2014).

 

Vom Hätschelkind zum schwarzen Schaf

 

In Wirklichkeit wurde Schirrmachers Systemkritik immer radikaler. Der FAZ-Herausgeber schien sich zunehmend aus seinem goldenen Mainstream-Käfig zu verabschieden. Seine Frontalattacke auf das US-U-Boot Claus Kleber war jedoch eine neue Qualität. Oder war sie nur das Tüpfelchen auf dem »i«? Oder etwa der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte? Entwickelte sich das Hätschelkind des Mainstreams etwa zum schwarzen Schaf? Wollte da wieder einmal ein Zögling des Establishments seine eigene Politik machen? Wie zum Beispiel Alfred Herrhausen, Jürgen Möllemann oder Uwe Barschel?

 

Denn dass Schirrmacher nun, am 12. Juni 2014, so plötzlich und unerwartet an einem Herzinfarkt verstarb, ist zumindest pikant. »Es war ein dramatischer Kampf um das Leben von Frank Schirrmacher (54)«, so die Bild-Zeitung: »Ein Kampf, der verloren ging.« Am Morgen des 12. Juni 2014 habe Schirrmacher plötzlich eine SMS an die Redaktion der FAZ geschickt. Inhalt: »Mir geht es nicht gut.« Sofort habe man Feuerwehr und Krankenwagen gerufen: »Die Ärzte finden ihn in seiner Wohnung im 3. Stock im Frankfurter Westend mit starken Brustschmerzen vor.« Die Sanitäter hätten sich zur Rettung mit der Drehleiter entschlossen, doch plötzlich sei »Schirrmachers Kreislauf kollabiert«. Wiederbelebungsmaßnahmen seien »leider vergeblich« gewesen. »Die Diagnose: Kammerflimmern nach Lungenödem.« Eine Stunde später sei Schirrmacher gestorben, und zwar in derselben Klinik, »in der im vergangenen Jahr auch Marcel Reich-Ranicki (93) starb«.

 

In der heißen Küche des Mainstreams

 

Möglich ist alles. Es muss ja nicht gleich »Herzinfarkt-Pulver auf's Lenkrad« sein, wie Misstrauische spekulierten. Natürlich kann auch der Herausgeber einer großen Zeitung einen Herzinfarkt bekommen – beziehungsweise gerade der Herausgeber einer großen Zeitung. Schließlich dürfte der Mann in der heißen Küche des Mainstreams unter enormem Druck gestanden haben – insbesondere, da er zunehmend sein eigenes Süppchen kochte. »Glaubt man den Hinweisen seiner Kollegen, die im Gewand von Nachrufen in der FAZ ausgebreitet wurden, dürften mehrere Faktoren zu seinem Tod geführt haben: Rauchen, ungesunde Ernährung, wenig Schlaf, Stress, Übergewicht«, schrieb RP Online.

 

Er habe sich, »wie man nun sehr trauriger Weise feststellen muss«, für seine Zeitung aufgerieben, schrieb die FAZ in ihrem Nachruf (online, 12.6.2014). Auf der anderen Seite werde man wohl »nie herausfinden, ob er selbst geahnt hat, dass gerade seine Zeit so begrenzt sein würde...«. Spektakuläre Anzeichen für eine bedrohliche Herzkrankheit gab es demnach also nicht. Und so beeindrucken der unaufhaltsam tödliche Verlauf des Herzinfarkts und das schnelle Ableben Schirrmachers. Von einer Obduktion, die zur weiteren Aufklärung beitragen könnte, wurde nichts bekannt.

 

»RatzFAZ beerdigt«

 

Dafür wurde der Mann »RatzFAZ beerdigt«, wie Ingolf Gillmann am 21. Juni 2014 in einem Kommentar für die Bild-Website beobachtete: »Jeder Mensch trauert anders«, schrieb Gillmann, »aber ich konnte mir bisher keinen Trauernden vorstellen, der gleich nach dem Tod eines geliebten (oder auch nur geschätzten) Menschen erst mal dessen Namensschild an der Tür abschraubt«. Genau das sei dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher widerfahren: »Schirrmacher starb mit 54 Jahren am vorvergangenen Donnerstag. Und am folgenden Samstag stand sein Name nicht mehr in der Herausgeberzeile. Ich hoffe, das war eine Schockhandlung seiner vier Kollegen.« Pikant.

 

Normalerweise erscheint der Herausgebername in so einem Fall mit einem Kreuz hinter dem Namen. Richtig pikant wird der plötzliche Tod des FAZ-Herausgebers allerdings erst durch einen bereits vergessenen Vorfall, an den anlässlich seines Todes lieber niemand erinnerte. Und zwar daran, dass ihn seine Kollegen »schon einmal« sterben ließen. Vor zwei Jahren, 2012, schrieb ein ehemaliger Mitarbeiter und Untergebener Schirrmachers einen Kriminalroman, dessen auf grausame Weise ermordete Hauptfigur auffällig dem FAZ-Herausgeber ähnelte.

 

In dem Buch ging es um »den ominösen Mord« an einem »schillernden deutschen Starjournalisten«, dessen »klägliche Reste« gleich zu Beginn des Romans »in einer Scheune in Schonen gefunden werden«, zitierte die Zeit aus dem Werk: »Nichts als ein ›abgenagter Schädel‹, ein ›wirrer Haufen aus weißroten Fleischresten und Knochen‹ und ein paar ›vor kurzem noch gut geputzter Schuhe, in denen die Unterschenkelknochen staken‹, sind von diesem ›journalistischen Genie‹ noch übrig, von diesem Mann, der ›die Stimmung der Zeit in Worte fassen konnte, der ein großes Publikum beschäftigte, im Guten wie im Bösen‹.« Donnerwetter.

 

Morddrohung des Mainstreams?

 

Sowohl die Hauptfigur des Romans als auch das Pseudonym des Autors (»Per Johansson«) war schnell entschlüsselt: Wer sich da an dem Schirrmacher so ähnlichen »Journalistengenie« austobte, war niemand geringerer als Thomas Steinfeld, Kulturchef eines anderen Propagandablattes, nämlich der Süddeutschen Zeitung. Späte Rache für Verletzungen, die Steinfeld einst als Schirrmachers Untergebener bei der FAZ erlitten hatte? Oder gar eine »Morddrohung des Mainstreams«, wie manche Beobachter unkten? Nichts da, dementierte Steinfeld: Der in seinem Roman auf grausame Weise ermordete Chefredakteur sei nur eine »abstrakte, idealtypische Gestalt«. Dies auf eine lebende Person »und zudem auf einen respektierten Journalisten« zu übertragen, sei »abenteuerlich«. Allerdings muss natürlich auch ein geübter Wortklempner wie Steinfeld wissen, wo der Zufall aufhört und die Ähnlichkeit beginnt.

 

So oder so bleibt festzustellen, dass sich in Schirrmachers Tod in jedem Fall gewisse Konflikte zugespitzt haben dürften – Konflikte um die Darstellung einer Realität, die dem Publikum wohl lieber nicht vor Augen geführt werden sollte...

 

 

 


 

 


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